In diesem Artikel geht es um die Frage nach der Existenz Gottes. Eine Frage, die fast so alt ist wie der Mensch selbst. Es gibt zahlreiche Vorstellungen über ihre Beantwortung.
Dieser Artikel hat den Anspruch zu zeigen, dass Gott existiert und dass wir rational erkennen können, dass Gott existiert. Die Vorstellung davon, dass die Annahme eines Gottes irrational sei, soll durch die folgenden Ausführungen entkräftet werden. Aus dem Inhalt kann geschlossen werden, dass es vielmehr irrational ist, Gott für nicht existent zu halten. Die Rationalität der Erkenntnis der Existenz Gottes ist sogar so hoch, dass sie dem einen oder anderen unzugänglich ist. Das heißt natürlich nicht, dass alle Menschen, die Gott für existent halten, höchst rational wären oder die rationalen Argumente für seine Existenz durchdrungen hätten. Die Existenz Gottes kann nicht nur erkannt, sondern auch geglaubt werden. Die Glaubensfrage hat in diesem Artikel jedoch keinen Platz. Ihr wird in einem anderen Artikel Raum gegeben.
Für die kommenden Ausführungen werden wesentliche Inhalte des Artikels „Was ist das Gute?“ vorausgesetzt. Darüber hinaus wird nur vorausgesetzt mitzudenken und das am besten bei viel Ruhe und etwas Zeit. Die Inhalte sind in sich sehr abstrakt. Wir sind es im Alltag in der Regel nicht gewöhnt, unseren Verstand so zu gebrauchen, wie es zum Verstehen dieses Artikels nötig ist.
Es wurde ein hoher Wert darauf gelegt, möglichst einfache und allgemein verständliche Formulierungen zu verwenden.
In diesem Artikel gibt es einen Abschnitt, in dem der Ausdruck „Erfahrung“ benutzt wird. Mit diesem Ausdruck ist ein Erkenntnisakt mit einem Grad an Unmittelbarkeit gemeint, wie er uns Menschen durch die äußere Sinneserkenntnis zugänglich ist. Der Verstandesakt hat diesen Grad an Unmittelbarkeit im Normalfall nicht, da sein Gegenstand im Normalfall entweder durch Abstraktion dessen, was sinnlich erkannt wurde, gewonnen wird oder dadurch, dass bereits über die Sinnestätigkeit gewonnene Begriffe zueinander in Beziehung gesetzt werden und somit neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Um von einer geistigen Erfahrung in dem hier gemeinten Sinne sprechen zu können, bedarf es eines Verstandesaktes, der mindestens den gleichen Grad an Unmittelbarkeit hat wie der der äußeren Sinneserkenntnis.
Im ersten Teil wird die Existenz von etwas nachgewiesen, auf dessen Wesen im weiteren Verlauf näher eingegangen wird. Dieses Etwas wird dann als Gott identifiziert. Zum Ende hin wird gezeigt, welches Gottesbild aus diesen Ausführungen folgt.
Viel Freude beim Lesen.
Demonstration Teil 1
Unsere alltäglichen Eindrücke zeugen davon, dass um uns herum Dinge existieren. Stellen wir uns ein beliebiges existierendes Ding X vor. Nehmen wir z.B. den nächstgelegenen Baum. Warum existiert er aktuell bzw. wie kann es sein, dass er jetzt gerade existiert? Da er tatsächlich existiert, muss es einen Grund dafür geben. (Mit „Grund“ ist die Antwort auf die Frage gemeint, wie es sein kann, dass es so ist, dass xyz – z.B. unser Baum – existiert? Die Annahme, es bräuchte keinen Grund für die Existenz unseres Baumes, ist gleichbedeutend mit: Es braucht keine Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass es so ist, dass unser Baum existiert. Wenn es aber auf diese Frage keine Antwort gibt, heißt dies letztlich, dass es nicht sein kann, dass unser Baum existiert. Dies ist jedoch ein Widerspruch – unser existierender Baum kann nicht zugleich nicht existieren – und kann somit nicht stimmen. Es muss also eine Antwort auf die Frage geben, wie es sein kann, dass es so ist, dass xyz existiert. Es muss also einen Grund für die Existenz von xyz geben. Der Grund ist die Befähigung zur Existenz, und „xyz“ könnte alles Seiende sein.)
Mit der Frage ist nicht der Zweck oder das Wesen des Baumes, die örtliche Lage oder die Entstehung gemeint, sondern schlicht und einfach, wie es sein kann, dass dieser Baum jetzt gerade, in diesem Augenblick, da-seiend ist, statt dass er nicht existiert. Da er gegenwärtig existiert, muss es eine Erklärung, also einen Grund dafür geben, ein Wodurch. Dieses Wodurch der gegenwärtigen Existenz unseres Baumes, kann nur entweder im Baum selbst oder außerhalb des Baumes liegen. Überlegen wir nun, ob es sein kann, dass die gegenwärtige Existenz unseres Baumes von dem Baum selbst kommt.
Schauen wir uns zur Vereinfachung zwei Beispiele dafür an, was es heißt, dass etwas – in dem hier gemeinten Sinne – von einem selbst kommt.
Beispiel 1: Der geometrische Wesensinhalt der Winkelsumme von 180° kommt vom Dreieck.
Beispiel 2: Das Gefühl kommt vom Menschen.
Im Beispiel 1 ist es so, dass dasjenige, was von einem selbst kommt, mit dem Selbst zusammenfällt. Der Wesensinhalt der Winkelsumme von 180° ist das Wesen – oder ein Teil des Wesens – vom Dreieck.
Im Beispiel 2 ist es so, dass dasjenige, was von einem selbst kommt, auf etwas zurückzuführen ist, was das Selbst – das Wesen – ist. Zum Wesen des Menschen gehört es nämlich, fühlen zu können sowie Gefühle zu haben und das Wesen des Menschen ist die Voraussetzung, um als Mensch fühlen zu können.
Mit diesen beiden Beispielen haben wir auch die beiden einzigen Arten davon kennengelernt, wie etwas von einem selbst kommen kann, das aus-einem-Kommende. Zur Wiederholung Art 1: Das aus-einem-Kommende ist das Wesen oder ein Teil des Wesens, aus dem es kommt (Beispiel 1). In diesem Fall besteht die Unterscheidung zwischen dem, von wem etwas kommt (Dreieck), und dem, was kommt (Winkelsumme 180°) nur gedanklich, nicht wirklich. Art 2: Das aus-einem-Kommende ist auf etwas zurückzuführen, welches das Wesen oder ein Teil des Wesens von dem ist, von dem es kommt (Beispiel 2).
Wenden wir nun das soeben Erkannte auf die Frage an, ob die gegenwärtige Existenz unseres Baumes von dem Baum selbst kommen kann.
Anwendung nach Art 1: In diesem Fall würde die Existenz das Wesen des Baumes sein. Das ist sie allerdings offensichtlich nicht, da z.B. der Baum in der Vergangenheit einmal nicht existiert hat. Würde die Existenz das Wesen des Baumes sein, könnte der Baum nicht nicht-existieren.
Anwendung nach Art 2: In diesem Fall wäre die gegenwärtige Existenz unseres Baumes auf eine Kraft im Wesen des Baumes zurückzuführen. Dies geht allerdings nicht, da das Wesen des Baumes und diese Kraft bereits vor der Existenz des Baums existieren müssten. Das führt zu einem Widerspruch, da der Baum mit dieser Kraft vor seiner gegenwärtigen Existenz gegenwärtig existieren müsste, um sich in die gegenwärtige Existenz zu holen. Es kann auch nicht sein, dass, wenn so eine Kraft in einem Ding oder Wesen bereits durch etwas von außen existiert, das Ding oder Wesen sich durch diese Kraft selbst in der Existenz erhält: Existieren tut nur die Gegenwart. Die Vergangenheit existiert nicht mehr und die Zukunft existiert noch nicht. Von allem in der Zeit wird mit jedem neuen Moment ein vormals gegenwärtiger Moment vergangen sein, also nicht mehr existieren (außer vielleicht in unserem Gedächtnis). Das heißt, dass die Dinge in der Gegenwart existieren und dass kein Ding in der Vergangenheit existiert. Ein Ding in der Zeit von vor z.B. einer Sekunde existiert nicht mehr. Würde sich etwas selbst in der Existenz erhalten, würde es demnach nicht in der Zeit existieren, da es keine Vergangenheit haben kann. Das führt dazu, dass für Existenz die Anwendung nach Art 2 nicht möglich ist.
Für die Existenz ist das aus-einem-Kommende demnach nur nach Art 1 möglich. Das heißt, dass, wenn die gegenwärtige Existenz unseres Baumes oder sonst eines beliebigen Dinges aus diesen selbst kommen soll, unser Baum oder die beliebigen Dinge, ihrem Wesen nach, die Existenz selbst sein müssten. Sie müssten also notwendig existieren. Da dies allerdings nicht der Fall ist, muss die Existenz unseres Baumes von außen kommen, von etwas, das nicht der Baum ist. Unser Baum verhält sich zu seiner Existenz demnach empfangend.
Als Nächstes prüfen wir, ob die gegenwärtige Existenz unseres Baumes möglich ist, ohne etwas annehmen zu müssen, das die Existenz aus sich selbst heraus hat. Um diese Frage besser zu verstehen, veranschaulichen wir sie uns anhand eines Beispiels. Stellen wir uns einen Zug mit fünf Waggons vor. Dieser Zug fährt mit einer beliebigen, gleichbleibenden Geschwindigkeit. Der Motor des Zuges, der für die Bewegung verantwortlich ist, befindet sich im ersten Waggon. Die Waggons zwei bis fünf haben den Grund für ihre Bewegung im Waggon eins. Der Grund für die Bewegung von Waggon zwei bis fünf ist außerhalb von ihnen liegend. Der Grund für die Bewegung von Waggon eins ist in ihm liegend, nämlich der Motor.
Die Frage, ob die gegenwärtige Existenz unseres Baumes möglich ist, ohne etwas anzunehmen, das die Existenz aus sich selbst heraus hat, ist genauso wie die Frage, ob die gegenwärtige Bewegung des Waggons fünf möglich ist, ohne einen Waggon im Zug anzunehmen, der die Bewegung aus sich selbst heraus hat. Die Antwort ist offensichtlich. Sie lautet nein. Selbst bei einer unendlichen Anzahl von Waggons nicht. Wenn keiner einen Motor hat, kommt keine Bewegung zustande. (Bei der Ausrede, dass der Zug durch einen anderen Zug gezogen werden könnte, gilt dasselbe Prinzip: Der ziehende Zug muss etwas – einen Motor – in sich haben, der oder das ihn dazu befähigt, sich bewegen zu können. Wenn angenommen wird, dass der ziehende Zug selbst gezogen wird, muss die Kausalreihe an ziehenden Zügen in einem Zug oder in etwas enden, das aus sich selbst heraus die Bewegung hat.) Demnach müssen wir etwas annehmen, das die Existenz aus sich selbst heraus hat, um den Grund für die gegenwärtige Existenz unseres Baumes zu verstehen. Etwas, das notwendig existiert, das die Existenz selbst ist, in dem Wesen und Existenz zusammenfallen.
Doch was ist dieses Etwas, diese wesenhafte Existenz?
Demonstration Teil 2
Für den weiteren Verlauf greifen wir auf Inhalte des Artikels „Was ist das Gute?“ zurück. In diesem Artikel wurde grob die Akt-Potenz-Theorie vorgestellt. Wir gehen hier kurz auf die für uns wichtigsten Punkte dieser Theorie ein. Alles Seiende besteht aus Akt und Potenz, und alles Seiende kann in Akt und Potenz unterschieden werden. Der Akt ist das, was in Wirklichkeit ist; der Akt ist das Wirkliche. „Akt“ und „Wirkliche“ sind Synonyme. Die Potenz ist das, was als Möglichkeit ist; die Potenz ist das Mögliche. „Potenz“ und „Mögliche“ sind Synonyme. Mit „Potenz“ ist jedoch ausschließlich nur die reale Möglichkeit gemeint und nicht die Möglichkeit als logische Widerspruchslosigkeit. (Alles real Mögliche ist logisch widerspruchslos, doch nicht alles logisch Mögliche ist eine reale Möglichkeit. Es ist z.B. eine logische Möglichkeit, dass Pferde fliegen und Feuer spucken oder die Naturgesetze anders sind. Dies sind jedoch keine realen Möglichkeiten.) Alles, was ist, ist entweder wirklich (aktual) oder möglich (potenziell). Alles, was ist, ist entweder Wirklichkeit (Akt) oder Möglichkeit (Potenz). Akt und Potenz sind zwei grundlegende und alles durchdringende Seinsprinzipien.
Setzen wir Akt und Potenz nun in Beziehung zu dem, was existiert und was nicht existiert. Es gibt das Existierende und es gibt das, was existieren könnte. Das Nichts gibt es natürlich nicht. Das, was existiert, ist das, was wirklich ist, was aktual ist. Das, was zwar nicht existiert, was jedoch existieren könnte, ist das Mögliche, die Potenz. Die Potenz existiert zwar nicht im eigentlichen Sinne, doch sie ist nicht Nichts. Das Nichts hat nicht die Möglichkeit zu existieren. Die Potenz ist die Möglichkeit zur Existenz. Die Potenz steht also zwischen dem Nichts und dem, was existiert. Der Potenz kommt also in gewisser Weise Sein zu. Der Potenz kommt Möglichsein zu. Das Sein der Potenz ist durch ihre Hinordnung zum Akt. Das im eigentlichen Sinne Existierende ist das wirklich Seiende, das Aktuale oder der Akt. Alles Aktuale existiert und alles Existente ist aktual.
Wenn alles Existente aktual ist und alles Aktuale existiert, muss die wesenhafte Existenz, also dasjenige, was die Existenz selbst ist, reiner Akt und vollständig aktual sein. Sie kann nichts Potenzielles in sich haben oder gar sein, da alles Potenzielle (noch) nicht existiert. Da Potenzielles notwendige Voraussetzung für Veränderung ist, muss die wesenhafte Existenz, bzw. der reine Akt, unveränderlich sein. Er hat alles aus sich selbst heraus. Er ist alles aus sich selbst heraus.
Im Artikel „Was ist das Gute?“ sahen wir, dass alles, was existiert, gut ist und dass, je mehr etwas existiert, umso besser es ist. Umgekehrt genauso: Alles, was gut ist, existiert, und je besser etwas ist, umso mehr existiert es auch. Wir sahen auch, dass „das Gute“ und „das Vollkommene“ Synonyme sind. Da der reine Akt die Existenz selbst ist, muss er also auch das Gute und die Vollkommenheit selbst sein.
Der reine Akt ist, wie gesehen, die Existenz selbst. Alles Existierende existiert jeden Augenblick nur insofern, als es vom reinen Akt Existenz erhält. Der reine Akt, der wesenhaft die Existenz ist, verleiht uns also, insoweit wir selbst existieren, Existenz. Alles Existierende hat also Anteil an ihm. Je mehr etwas existiert, umso mehr hat es Anteil am reinen Akt. Es kann nichts geben, das ohne den reinen Akt existiert, denn ohne die Existenz existieren zu wollen, heißt, ohne Existenz zu haben zu existieren. Alles ist während jedes Augenblicks der eigenen Existenz über abhängig vom reinen Akt.
Existiert die wesenhafte Existenz selbst, bzw. ist der reine Akt selbst aktual? Es liegt ein allgemeiner Unterschied vor, zwischen dem, was jemand oder etwas hat (im Sinne von Eigenschaften, die nicht Teil der eigenen Substanz sind, sondern ihr nur zukommen, wie z.B. die bestimmte Farbe oder das bestimmte Gewicht eines Steins), und dem, was jemand oder etwas ist (z.B. die Materie eines Steins, die wesenhafter Teil der Substanz „Stein“ ist). Das, was jemand oder etwas hat, ist er oder es nicht, und das, was jemand oder etwas ist, hat er oder es nicht. Alles andere würde zu einem Widerspruch führen, da jemand oder etwas dann eine Eigenschaft hätte, die zugleich die eigene Substanz wäre und nicht die eigene Substanz wäre. Demnach ist die wesenhafte Existenz nicht selbst existierend, bzw. der reine Akt nicht selbst aktual. Beim reinen Akt kann es keine Hinsicht geben, in der er etwas hat. Der reine Akt muss also in jeder Hinsicht, aus der ihm etwas zugeschrieben wird, das, was ihm zugeschrieben wird, selbst sein. Alles, was jemandem zugeschrieben werden kann, muss existieren. Da der reine Akt jedoch nicht existiert, sondern die Existenz selbst ist, muss er alles ihm Zugeschriebene selbst sein. Würde dem reinen Akt etwas zugeschrieben werden können, was er seinem Wesen nach nicht ist, würde das dem reinen Akt Zugeschriebene etwas zu seinem Wesen hinzufügen. Könnte dem Wesen des reinen Aktes etwas hinzugefügt werden, wäre es nicht der reine Akt, der die Vollkommenheit selbst ist. Wenn dem reinen Akt also Eigenschaften zugeschrieben werden, ist dies nur als helfende Vereinfachung für unser Denken zulässig.
Unsere Gotteserkenntnis: Analoge Begriffe
Wie wir im Artikel „Woher wissen wir, was wahr ist?“ sahen, erkennen wir mit unserem Verstand durch Begriffe die Wirklichkeit. Die Begriffe sind dasjenige, womit wir rational erkennen. Wenn wir also über den reinen Akt bzw. die wesenhafte Existenz sprechen und uns dieser erkennend nähern, geschieht dies ebenfalls durch Begriffe. Um unser Wissen über den reinen Akt besser verstehen zu können, werden wir hier auf die Begriffe in sich und in Bezug zum reinen Akt eingehen.
Es gibt drei Arten von Begriffen. Es gibt die univoken, die äquivoken und die analogen Begriffe. Ein univoker Begriff ist ein Begriff, der von verschiedenen Dingen denselben Inhalt aussagt. Ein Beispiel hierfür ist der Begriff „Tier“. Der Begriff „Tier“ wird in derselben Weise von einem Hund und von einer Katze ausgesagt. Ein Hund und eine Katze sind in derselben Weise Tiere. Der äquivoke Begriff ist ein Begriff, der sich auf Dinge bezieht, die dem Namen nach identisch sind, während sie vollständig verschiedene Inhalte haben. Ein Beispiel wäre der Begriff „Bank“. Eine Bank kann sowohl eine Sitzgelegenheit als auch ein Kreditinstitut sein. Über univoke und äquivoke Begriffe hinaus gibt es noch analoge Begriffe. Analoge Begriffe sind ein Mittleres zwischen univoken und äquivoken Begriffen. Analoge Begriffe sagen weder etwas Identisches zwischen mehreren Dingen aus, noch bezeichnen sie eine vollständige Verschiedenheit zwischen Dingen. Analoge Begriffe zeigen eine Ähnlichkeit zwischen Dingen an. Analoge Begriffe beziehen sich auf Dinge mit verhältnismäßig gleichbedeutendem Inhalt. Analoge Begriffe bezeichnen Dinge, in denen Inhalte dem entsprechen, was in anderen Dingen die Beziehung der Dinge zu bestimmten Inhalten ist. Dies fängt ganz allgemein mit dem Seinsbegriff selbst an. Der Seinsbegriff – als der allgemeinste Begriff überhaupt – wird von allem ausgesagt, jedoch nicht in derselben Weise. Lebewesen kommt z. B. in einer anderen Weise Sein zu als den Eigenschaften, die sich an den Lebewesen befinden, wie deren Farbe oder Größe. Aktualität kommt in einer anderen Weise Sein zu als Potenzialität. Dem notwendigen Seienden (z.B. logischen oder mathematischen Inhalten) kommt in einer anderen Weise Sein zu als dem zufällig Seienden. Dem vollständigen Seienden kommt in einer anderen Weise Sein zu als dem unvollständigen Seienden. Das Sein bezieht sich nicht auf genau dieselbe Weise auf die Dinge der Beispiele, jedoch auch nicht auf vollständig unterschiedliche Weise, sondern auf analoge Weise.
Diese analogen Begriffe sind es nun, dank deren wir positives Wissen über den reinen Akt haben können. Äquivoke Begriffe vermitteln überhaupt kein Wissen und univoke Begriffe erfordern denselben Inhalt zwischen mehreren Dingen. Der reine Akt kann jedoch mit nichts denselben Inhalt haben, da der reine Akt seinem Wesen nach, die Existenz ist, während bei allem anderen, die Existenz zum Wesen hinzukommt. Somit ist es nur möglich, analoge Begriffe über den reinen Akt zu bilden. Wenn wir dem reinen Akt also Gutsein oder Vollkommenheit zuschreiben, heißt dies, dass es im reinen Akt eine Entsprechung zu dem geben muss, was bei uns Menschen vollkommen oder gut ist. Wenn wir dem reinen Akt andere Inhalte zuschreiben, wie Wissen oder Macht, heißt dies, dass es im reinen Akt eine Entsprechung zu dem geben muss, was bei uns Menschen Wissen oder Macht ist. In univoker Weise jedoch, können wir keine Begriffe haben, die sich auf den reinen Akt beziehen. Trotz der Gemeinsamkeiten durch die Entsprechungen in den analogen Begriffen, bleiben die Verschiedenheiten in den analogen Begriffen, die sich auf den reinen Akt beziehen, nicht nur bestehen, sondern unendlich, da die Entsprechungen von Endlichem aufs Absolute vollzogen werden. Die Gemeinsamkeiten in der Analogie zwischen dem Gutsein eines Menschen und dem Gutsein einer Speise sind also insofern größer als die Gemeinsamkeiten in der Analogie zwischen dem Gutsein eines Menschen und dem Gutsein des reinen Aktes, als im ersten Fall die Analogie zwischen Endlichem besteht und im zweiten Fall die Analogie zwischen Endlichem und Absolutem.
Unsere Gotteserkenntnis: Erfahrung
Uns Menschen stehen – wie wir sahen – lediglich Begriffe für unser rationales Denken zur Verfügung. Unsere Begriffe sind entweder durch Abstraktion dessen gewonnen, was wir sinnlich erfahren können, oder durch die Beziehungssetzung verschiedener Begriffe zueinander. Durch das zueinander in Beziehung setzten von Begriffen vermögen wir es, unter anderem, sowohl Eigenschaften zu verneinen als auch Analogien zu bilden. Wir können z.B. durch sinnliche Erfahrungen den Begriff des Baumes bilden. Der Begriff des Baumes schließt die Eigenschaft des Baumes ein, der räumlichen Ausdehnung nach begrenzt zu sein. Unser Verstand vermag es nun, durch Verneinung und Analogie aus dem Begriff der räumlichen Begrenzung den Begriff der qualitativen Unbegrenztheit zu bilden. Durch die Verneinung wird aus der Unvollkommenheit der Begrenztheit die Unbegrenztheit. Das Prädikat „räumlich“ ist der Kategorie der Quantität zuordbar. Die Analogie überträgt hier das Prädikat von der Kategorie der Quantität hin zur Kategorie der Qualität. Durch die Analogie wird hier der Kategorie der Qualität etwas zugesprochen, das dem entspricht, was in der Kategorie der Quantität die Unbegrenztheit ist. Diesem Zugesprochenen in der Kategorie der Qualität wird dann derselbe Name gegeben, wie demjenigen aus der Kategorie der Quantität, dem es entspricht, nämlich „Unbegrenztheit“.
Was kompliziert klingt, kann auch einfacher ausgedrückt werden: Alles nicht Sinnliche (das Rationale) wird vom Menschen im Normalfall nicht erfahren. Lediglich das Sinnliche wird vom Menschen im Normalfall erfahren. Die rationalen Begriffe werden mittelbar aus dem Sinnlichen erworben (abstrahiert) und komplex zueinander in Beziehung gesetzt. Erfahrung setzt einen bestimmten Grad an Unmittelbarkeit voraus. Dieser Grad ist bei den Sinnen vorhanden. Dieser Grad an Unmittelbarkeit ist jedoch nicht in der Abstraktion und in der Beziehungssetzung von Begriffen gegeben.
Wie im Artikel „Was ist der Mensch?“ gesehen, ist der Gegenstand der Sinne in gewisser Weise abhängig von Materie. Alles Materielle wiederum ist voll von Veränderungen und somit voll von Potenzen. Der reine Akt kann demnach nicht materiell oder Materie sein. Unser reiner Akt kann somit nicht sinnlich erfasst oder erfahren werden. Er ist im Normalfall also für uns Menschen nicht erfahrbar. Alles, was wir über den reinen Akt zu sagen vermögen, ist demnach durch rationale Analogie und Verneinung erfassbar. Der reine Akt ist für uns lediglich komplex erschließbar. Diese Erschließung wiederum kann nur mit den uns zur Verfügung stehenden Begriffen vollzogen werden, die auf den reinen Akt in einer anderen Weise angewendet werden als auf das, worauf wir sie normalerweise anwenden und wodurch wir sie erworben haben.
Es ist zwar so, dass wir es nicht durch alle Schlussfolgerungen vermögen, der Erfahrung des reinen Aktes näher zu kommen. Darüber hinaus ist die begriffliche, schlussfolgernde Erfassung des reinen Aktes wegen des Grades an Abstraktheit und Komplexität, und ihrer Grenzen schwer und unvollkommen. Zu all dem sind wir nicht einmal imstande, das Wenige, das wir über den reinen Akt mühsam und unvollkommen zu erkennen vermögen, zu ergründen. Doch trotz alledem sind wir imstande, immerhin etwas auf unvollkommene Weise schlussfolgernd über den reinen Akt sicher zu erfassen.
Wesensbestimmung des reinen Aktes: Fortsetzung
Im Folgenden wollen wir sehen, wie das bisher Erkannte umgesetzt wird. Wir stellen fest, dass z.B. Menschen und Tiere verschiedene Fähigkeiten, Vermögen, Kräfte oder Tätigkeitsmöglichkeiten haben, durch welche Wirkungen zustande kommen. Wir fassen diesen Punkt hier unter dem zusammen, wozu jemand oder etwas fähig ist. Zu etwas fähig zu sein, ist eine Vollkommenheit. Je größer die Fähigkeiten von etwas sind, umso vollkommener ist etwas. Unser reiner Akt, der die Vollkommenheit selbst ist, muss demnach zu allem fähig sein. Anders ausgedrückt, er muss allmächtig sein. Wäre er nicht allmächtig, hätte er Potenziale. Da er jedoch der reine Akt ist, kann er keine Potenziale haben. Die Macht des reinen Aktes und die Macht z.B. des Menschen gleichen sich jedoch nur insofern, als es im reinen Akt eine Entsprechung zu dem gibt, was bei uns Menschen die Befähigung ist, Tätigkeiten auszuführen. Das war es auch schon. Was es genau heißt, allmächtig zu sein, ist für uns nicht ergründbar. Wir können lediglich durch Analogie schlussfolgern, dass es so ist, dass die Macht des reinen Akts sich auf alles, was logisch möglich und seiend ist, erstrecken muss. Bei uns sind die Tätigkeitsvermögen von unserem Wesen verschieden. Im reinen Akt gibt es keine solchen Unterscheidungen. Seine Macht und seine Tätigkeiten sind mit seinem Wesen identisch. Er ist seine Macht und sein Tätigsein. Was dies auf nicht analoge und nicht negative Weise heißt, können wir nicht verstehen. Wir können lediglich schlussfolgern, dass im reinen Akt seine Macht, seine Tätigkeiten und sein Wesen zusammenfallen oder eines sind, da Macht und Tätigkeiten existent sind und alles Existente, das dem reinen Akt zugeschrieben wird, das Wesen des reinen Aktes selbst ist (zur Wiederholung: Wesen und Existenz sind im reinen Akt eines). Zudem haben Tätigkeiten, die vom Wesen des Tätigen verschieden sind, immer Folgen auf den Verwirklichungsgrad des Tätigen (mehr dazu siehe „Was ist das Gute?“). Der reine Akt kann jedoch nicht mehr oder weniger verwirklicht sein, da er das Wirklichsein selbst ist. Wenn wir die Tätigkeiten von Pflanzen, mit denen des Menschen vergleichen, haben diese unverhältnismäßig viel mehr Gemeinsamkeiten miteinander als der Vergleich zwischen den Tätigkeiten des reinen Aktes und denen des Menschen ergibt.
Es ist eine Vollkommenheit, Wahrheiten zu wissen. Der reine Akt als die Vollkommenheit muss also alle Wahrheiten wissen. Er ist allwissend. Wäre er nicht allwissend, hätte er Potenziale, die er als rein aktual nicht haben kann. Er ist nicht nur allwissend, sondern er ist die Allwissenheit. Dies zu ergründen, ist uns nicht möglich. Dies auf nicht analoge und nicht negative Weise zu verstehen, ist uns nicht möglich. Wir können lediglich schlussfolgern, dass es eine Entsprechung im reinen Akt zu dem geben muss, was bei uns Menschen als Wissen-haben bezeichnet wird. Dieser Entsprechung im reinen Akt wird dann derselbe Begriff zugeschrieben, wie bei uns Menschen, wobei die Verschiedenheiten die Gemeinsamkeiten immer übersteigen.
So kann stetig weiter gemacht werden. Die Gegenwart eines Wesens ist Akt eines Wesens.
Wenn ein Mensch an einem bestimmten Ort ist, ist der Mensch aktual an diesem Ort und potenziell an anderen Orten. Der reine Akt muss an jedem Ort gegenwärtig sein, ansonsten hätte er Möglichkeiten. Zudem muss er immateriell sein, da alles Materielle veränderlich und der reine Akt unveränderlich ist. Der reine Akt muss also auf immaterielle Weise im Raum allgegenwärtig sein. Da der Raum in sich von Materie (in metaphysischem Sinne) abhängig ist (siehe „Was ist der Mensch?“) und der reine Akt immateriell ist, muss der reine Akt zugleich auch überräumlich sein. Das Gleiche gilt auch auf die Zeit bezogen. Der reine Akt muss mit seinem Wissen und dadurch mit seinem Wesen in der Zeit allgegenwärtig sein und zugleich überzeitlich und ewig sein. Doch was es heißt, allgegenwärtig und ewig zu sein, können wir nicht durch geistige Erfahrung wissen.
Einwände
Wenn wir nun wissen, dass der reine Akt allmächtig ist, muss er dann z.B. auch einen Stein werfen können (des besseren Verständnisses wegen formulieren wir die Sätze hier trotzdem so, dass dem reinen Akt etwas zugeschrieben wird)? Um einen Stein werfen zu können, bedarf man eines materiellen Körpers. Wir sahen jedoch bereits, dass der reine Akt immateriell ist, da er ansonsten Potenzen hätte. Da dies eine Unvollkommenheit im reinen Akt nach sich zöge und somit zu einem Widerspruch führte, kann der reine Akt keinen materiellen Körper haben und somit keinen Stein werfen. Dass der reine Akt keinen Körper hat, ist eine Vollkommenheit des reinen Aktes, da einen Körper zu haben, im Widerspruch zu höheren Vollkommenheiten steht, die im reinen Akt absolut sind. Der reine Akt vermag es natürlich, ohne einen Körper, Steine zu bewegen.
Kann der reine Akt denn dann einen Stein schaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht bewegen kann? Dies ist auch ein Widerspruch. Widersprüchen kann keine Existenz zukommen. Das Sein von Eigenschaften eines Widerspruchs wird durch andere Eigenschaften des Widerspruchs wieder genommen, sodass er Sein-los bleibt. Sein-los heißt nicht zu sein. Widersprüche haben außerhalb unseres Bewusstseins keinen Bestand. Sie haben keine Möglichkeit zu existieren. Sie sind in sich unfähig zur Existenz (mehr hierzu siehe „Woher wissen wir, was wahr ist?“).
Genauso wenig kann der reine Akt mathematische oder logische Gesetzmäßigkeiten verändern. Die Widerspruchslosigkeit der Realität und die Gültigkeit notwendiger Wahrheiten sind Ausfluss des Wesens des reinen Aktes. Wäre dies anders, wäre es ein Mangel an Vollkommenheit und somit ein Mangel an Allmacht des reinen Aktes.
Wenn der reine Akt allmächtig wäre, muss er auch schlechte Taten vollziehen können, doch in diesem Falle wäre er nicht vollkommen gut. Dieser Einwand verkennt das Wesen schlechter Taten. Eine schlechte Tat ist ein Mangel an Sein. Mehr hierzu siehe den Artikel „Was ist das Gute?“. Allmacht heißt, alles Wirkliche machen zu können. Da Schlechtes jedoch nichts Wirkliches ist, sondern ein Mangel an Wirklichem, stehen Allmacht und vollkommene Güte nicht im Widerspruch zueinander.
Wenn der reine Akt alles Seiende geschaffen hat, muss er auch dasjenige Seiende erschaffen haben, was zueinander in einer diametral entgegengesetzten Beziehung steht. Diametral entgegengesetzte Inhalte bedürfen für ihre Existenz allerdings verschiedene Prinzipien, und der reine Akt ist nur ein Prinzip. Dieser Einwand ist ebenfalls Folge eines Missverständnisses. Zum reinen Akt als Prinzip alles Seienden bzw. alles Existierenden, kann kein weiteres Prinzip hinzukommen, da alles Existierende in diesem Prinzip eingeschlossen ist. Diametral entgegengesetzt zu dem, was existiert, ist das, was nicht existiert. Doch das nicht Existente existiert nicht und kann somit keines Prinzips bedürfen. Da der reine Akt jedoch Prinzip alles Existierenden – insofern und insoweit es existiert – ist, bedarf es für das Existierende keines weiteren Prinzips als des reinen Akts.
Einfachheit
Es ist allgemein bekannt, dass es Dinge und Wesen gibt, die aus Teilen bestehen, seien die Teile nun physisch oder metaphysisch (z.B. Akt und Potenz oder Wesenheit und Existenz). Da alles einen Grund hat, muss es bei den Dingen und Wesen auch einen Grund für das Zusammengesetztsein der Teile geben, aus den sie bestehen. Die Dinge und Wesen können nicht selbst ihre Zusammensetzung vollzogen haben, da ihr Sein ja in der Zusammengesetztheit der Teile besteht und sie dann bereits hätten existieren müssen, bevor sie existiert haben, um ihre Zusammensetzung zu vollziehen. Dies gilt für jeden Augenblick, in dem ein zusammengesetztes Ding als zusammengesetztes Ding existiert. Der reine Akt ist demnach nicht aus Teilen bestehend, sondern vollkommen einfach. Der Grund für die Einfachheit des reinen Aktes liegt im reinen Akt selbst. Oder, um eine andere Formulierung zu verwenden: der reine Akt ist aus sich selbst heraus notwendig.
Da der reine Akt vollkommen einfach ist, kann in ihm keine Unterscheidung vorgenommen werden zwischen seiner Allmacht, seiner Allwissenheit, seiner Allgegenwart und seiner Ewigkeit. Es gibt auch keinen Unterschied zwischen sowohl dem Wesen und den Tätigkeiten als auch den Tätigkeiten untereinander vom reinen Akt. Die Unterschiede bestehen nur logisch als von uns gedacht. Im reinen Akt fällt alles zusammen. Der reine Akt ist ein Akt. Der reine Akt ist sein Akt. Der reine Akt erfasst mit seinem einen Akt erschöpfend die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er erfüllt mit ihm alles und verleiht mit ihm allem Seienden durch Teilhabe die Existenz.
Die Möglichkeiten des reinen Aktes
In diesem Abschnitt werden wir versuchen, noch etwas tiefer in das Wesen des reinen Aktes schlussfolgernd einzutauchen. Die Freiheit ist eine Vollkommenheit. Sie muss demnach im reinen Akt, als demjenigen, der die Vollkommenheit selbst ist, auch enthalten sein, bzw. der reine Akt ist aufgrund seiner Einfachheit die Freiheit selbst, die sich von seiner Vollkommenheit nicht unterscheidet. Frei zu sein heißt, die Möglichkeit zu haben, etwas zu tun oder auch nicht zu tun. Freiheit schließt per definitionem also Möglichkeiten, bzw. Potenzen ein. Doch wie ist dies zu verstehen, wenn der reine Akt als reiner Akt keine Potenzen hat?
Im Artikel „Was ist das Gute?“ haben wir Folgendes kennengelernt: Potenzen können unterschieden werden in aktive und passive. Aktive Potenzen sind solche, die durch den Träger der aktiven Potenz selbst aktualisiert werden können. Passive Potenzen sind solche, die durch den Träger der passiven Potenz entweder nicht selbst aktualisiert oder nur durch aktive Potenzen des Trägers aktualisiert werden können. Darüber hinaus haben wir zum einen dargelegt, dass aktive Potenzen Voraussetzung für die Selbstvervollkommnung von Substanzen sind, und zum anderen, dass die Vervollkommnung von etwas darin besteht, das Wesen von etwas zu aktualisieren.
Wenn wir bisher vom reinen Akt gesprochen haben als demjenigen, der keine Potenzen hat, ist damit gemeint gewesen, dass das Wesen des reinen Aktes nicht aktualisiert werden kann, da es die Vollkommenheit selbst und absolut aktual, ohne Steigerungsmöglichkeit, ist. Über kein anderes Wesen oder Ding ist ähnliches aussagbar. Bei Menschen ist es so, wie in „Was ist das Gute?“ gesehen, und zwar, dass sie durch ihr Tätigsein ihr Wesen aktualisieren. Was für Menschen gilt, gilt auch für alle anderen Lebewesen. Auch Tiere und Pflanzen aktualisieren ihr Wesen durch ihr Tätigsein. Ein Maximum oder eine Grenze, bei der das Wesen von Lebewesen voll aktual ist, gibt es nicht.
Bei anorganischen Substanzen haben wir gesehen, dass sie die Voraussetzungen dafür nicht erfüllen, ihr Wesen zu aktualisieren. Das heißt jedoch nicht, dass das Wesen anorganischer Substanzen rein aktual wäre. Im Gegenteil. Rein aktual zu sein heißt, in jeder möglichen Hinsicht vollkommen zu sein. Dies ist anorganischen Substanzen jedoch nicht zusprechbar. Darüber hinaus ist das Wesen anorganischer Substanzen voll von passiven Potenzen. Eine passive Potenz hat ihre Vollkommenheit nur im Hinblick auf den Akt, zu dem sie werden kann. Passive Potenzen sind nicht-aktuale Vollkommenheiten und stellen einen Mangel an Einfachheit dar. Sie begrenzen den Träger.
Angenommen, es gäbe körperlose Geistwesen, die nicht der reine Akt sind. Solche Geistwesen hätten als Potenzen, durch die sie vervollkommnet würden, z.B. Wahrheiten, die sie nicht wissen, aber wissen könnten. Ferner hätten sie einen Mangel an vollkommener Einfachheit durch das reale Verschiedensein zwischen ihrer Wesenheit und ihrer Existenz.
Wenn wir also vom reinen Akt sprechen als demjenigen, dem keine Potenzen innewohnen, heißt das, dass der reine Akt in keiner Hinsicht zu einer Aktualisierung, Verwirklichung, Entfaltung oder Vervollkommnung fähig, dass er in jeder möglichen Hinsicht absolut vollkommen und absolut einfach ist, und dass der reine Akt keine passiven Potenzen innehat. Der reine Akt hat allerdings aktive Potenzen. Er muss sie sogar haben, wenn er allmächtig und frei sein soll. Zum einen aber führen beim reinen Akt die aktiven Potenzen mit ihrem Tätigsein, wie gesagt, nicht zu einer Vervollkommnung, und zum anderen sind die aktiven Potenzen vom Wesen des reinen Aktes nicht verschieden. Der reine Akt ist seine aktiven Potenzen. Der reine Akt ist die Omnipotenz.
Konsequenzen im reinen Akt
Weiter oben haben wir gesehen, dass im reinen Akt sein Wesen mit seinen Tätigkeiten zusammenfallen. Wenn etwas zum Wesen einer Sache gehört, muss es immer Teil der Sache bleiben, damit die Sache fortbesteht. Die Winkelsumme von 180 Grad ist z.B. Teil des Wesens des Dreiecks. Damit etwas ein Dreieck ist und bleibt, muss die Winkelsumme notwendig 180 Grad betragen. Falls die Winkelsumme einer geometrischen Figur nicht oder nicht mehr 180 Grad beträgt, kann sie kein Dreieck (mehr) sein. Wenn bei etwas das Tätigsein identisch mit dem eigenen Wesen ist, hat dies zur Folge, dass das Etwas immer tätig sein muss, um fortzubestehen. Wenn das Wesen von Etwas sein Tätigsein ist, gäbe es das Etwas nicht mehr, wenn es nicht tätig ist.
Versuchen wir dies auf den reinen Akt anzuwenden. Der reine Akt ist z.B. insofern tätig, als er allem Existierenden Existenz verleiht. Die Existenz von z.B. uns gerade lebenden Menschen gibt es jedoch erst seit ein paar Jahrzenten. Der reine Akt allerdings existiert schon seit Ewigkeiten. Wie kann es dann sein, dass er die Tätigkeit der Existenzerhaltung von uns Menschen der Gegenwart seit Ewigkeiten ausführt? Ganz einfach. Der reine Akt ist, wie gesehen, frei. Er kann also entscheiden, wann die Wirkungen seiner freien Tätigkeiten eintreten. Jede Tätigkeit, einschließlich der Entscheidungen, führt der reine Akt also immer aus. Seit Ewigkeiten und in Ewigkeiten wird vom reinen Akt jede seiner Tätigkeiten innerhalb eines einzigen Aktes ausgeführt, der sein Wesen ist.
Zusammenfassung: Einfachheit
In diesem Abschnitt werden kurz die Inhalte zusammengefasst, die mit der Einfachheit des Wesens des reinen Aktes in Zusammenhang stehen. Wir stellten oben fest, dass Eigenschaften jemandem oder etwas entweder zugesprochen werden oder jemand oder etwas dem eigenen Wesen nach, die Eigenschaften ist. Wenn z.B. die Kugel ihrem Wesen nach, die Rundheit ist, wird der Kugel das Rundsein nicht gleichzeitig auch als etwas zum Wesen Hinzukommendes zugeschrieben.
Beim reinen Akt stellten wir fest, dass er seinem Wesen nach, die Existenz ist. Da der reine Akt seinem Wesen nach, die Existenz ist, kann die Eigenschaft zu existieren, nicht etwas sein, das zum Wesen des reinen Aktes zusätzlich noch hinzukommt. Die Baha ist ihrem Wesen nach z.B. ein vernunftbegabtes Sinneswesen, welchem es zukommt, Klavier spielen zu können. Die Fähigkeit des Klavierspielen-Könnens ist nicht das Wesen von Baha oder auch nur ein Teil davon, sondern etwas, das dem Wesen von ihr hinzukommt.
Alles, was jemandem oder etwas zugesprochen werden kann, muss existent sein. Dem Wesen des reinen Aktes muss vieles zugesprochen werden, nämlich sämtliche Vollkommenheiten in absoluter Weise, wozu z.B. Allmacht und Allwissenheit zählen. Die dem Wesen des reinen Aktes zugesprochenen Vollkommenheiten, wie Allmacht und Allwissenheit, müssen existent sein, damit der reine Akt sie hat. Wenn diese Vollkommenheiten im reinen Akt existent sind, können sie zum Wesen des reinen Aktes nicht hinzukommen, sondern müssen das Wesen des reinen Aktes selbst sein.
Dasselbe zählt für das Tätigsein des reinen Aktes. Würde das Tätigsein des reinen Aktes dem reinen Akt als etwas zum Wesen Hinzukommendes angesehen werden, hätte der reine Akt eine Hinsicht, in der dem Wesen etwas Existentes hinzukommt – der reine Akt ist jedoch selbst seinem Wesen nach, die Existenz. Da also dem Wesen des reinen Aktes nichts Existentes hinzukommt, ist das Tätigsein des reinen Aktes das Wesen des reinen Aktes selbst.
Weiter oben haben wir gesehen, dass alles Zusammengesetzte einen Grund außerhalb seiner selbst für seine Zusammensetzung hat. Der reine Akt hat aber keinen Grund außerhalb seiner selbst. Er hat seinen Grund in sich selbst. Alles andere würde zu Unvollkommenheiten im reinen Akt führen. Der reine Akt kann demnach seinem Wesen nach nicht aus seinen Vollkommenheiten, wie seiner Allmacht und Allwissenheit einschließlich seinem Tätigsein, zusammengesetzt sein. Wenn wir im reinen Akt eine Unterscheidung zwischen seinen Vollkommenheiten vornehmen, können sie als verschieden nur von uns gedacht bestehen. Die Vollkommenheiten können jedoch nicht im reinen Akt selbst als verschieden bestehen. Im reinen Akt selbst gibt es keine Unterscheidung zwischen Vollkommenheiten, die der reine Akt seinem Wesen nach ist.
Daraus folgt, dass es im reinen Akt nicht einmal eine Unterscheidung zwischen seinen Tätigkeiten gibt. Das vom reinen Akt Vollzogene kann lediglich an seinen Wirkungen unterschieden werden. Im reinen Akt selbst fallen seine Tätigkeiten zu einer zusammen. Diese eine Tätigkeit bzw. dieser eine Akt wiederum fällt mit seinem Wesen und mit seinen Vollkommenheiten in eins zusammen.
Gott
Dieser reine Akt bzw. diese wesenhafte Existenz oder dieses Eine ist das, was gemeinhin als „Gott“ bezeichnet wird. Mit „Gott“ ist dasjenige gemeint, welchem alle vollkommenen Attribute in absoluter Weise zugeschrieben werden, wie z.B. Allmacht, Allwissenheit, vollkommene Güte, Allgegenwart und so weiter. Wir sahen, dass es etwas gibt – nämlich den reinen Akt bzw. die wesenhafte Existenz bzw. dieses absolut Einfache – auf den diese Eigenschaften zutreffen. Demnach ist dieser reine Akt, diese wesenhafte Existenz bzw. dieses aus sich selbst heraus Notwendige, inhaltlich identisch mit dem, was klassisch Gott zugeschrieben wird. Also existiert Gott.
Verschiedene Formen des Skeptizismus
An dieser Stelle, wenden wir uns direkt verschiedenen Formen von Einwänden gegen die Erkennbarkeit der Existenz Gottes zu; Einwänden, die unsere Erkenntnismöglichkeiten in irgendeiner Weise infrage stellen und dadurch zur Folge haben, dass unser Erkennen sich nicht wirklich auf Gott zu beziehen vermag. Hier werden somit Themen behandelt, die den Bereich menschlichen Erkennens betreffen und die im Artikel „Woher wissen wir, was wahr ist?“ weitaus ausführlicher behandelt werden. Während hier lediglich kurz falsche Vorstellungen über die Möglichkeiten unseres Erkennens widerlegt werden, wird im Artikel „Woher wissen wir, was wahr ist?“ auch eine ausführliche positive Beschreibung und Erklärung unseres Erkennens gegeben.
Wir beginnen unsere Ausführungen hier mit der Antwort auf die radikalste Variante der Infragestellung unserer Erkenntnismöglichkeiten und arbeiten uns zu zunehmend gemäßigteren Varianten vor.
Der radikale Skeptizismus besteht darin, dass grundsätzlich jede Erkenntnismöglichkeit infrage gestellt wird. Wir Menschen seien nicht dazu fähig, Wahrheit zu erkennen und Wissen zu haben. Die Folgen dieser Überzeugung für die Erkennbarkeit Gottes sind die, dass jede Form der Erkenntnis Gottes und des Wissens von Gott unmöglich ist.
Der radikale Skeptizismus bietet jedoch keine ernstzunehmende Gefahr für die Erkennbarkeit Gottes, da er selbstwidersprüchlich ist. Würden wir nämlich allgemein keine Wahrheiten erkennen und kein Wissen haben können, könnten wir keinen Anspruch auf Richtigkeit des radikalen Skeptizismus erheben. Wenn der radikale Skeptizismus wahr wäre, könnten wir seine Wahrheit nicht erkennen und wir könnten ebenfalls kein Wissen über den radikalen Skeptizismus haben. Die Tatsache, dass wir eine Theorie, wie den radikalen Skeptizismus, zu formulieren imstande sind, widerlegt seinen Inhalt.
Wir fahren fort mit einer Variante des Skeptizismus, die wir hier den „gemäßigten Skeptizismus“ nennen. Der gemäßigte Skeptizismus besteht in der Annahme, dass wir nur mehr oder weniger Wahrscheinliches wissen können, nichts jedoch mit Sicherheit. Die Folge für unsere Gotteserkenntnis wäre die, dass wir nur mit einer mehr oder weniger hohen Wahrscheinlichkeit sagen können, dass Gott existiert. Sichere Gotteserkenntnis wäre jedoch ausgeschlossen.
Die Theorie des gemäßigten Skeptizismus ist jedoch – genau wie der radikale Skeptizismus – in sich widersprüchlich. Zum einen erhebt der gemäßigte Skeptizismus den Anspruch, wahr zu sein und nicht nur wahrscheinlich, womit er sich selbst entkräftet. Darüber hinaus ist es ein sicheres Wissen, wenn wir wissen, dass etwas mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Der gemäßigte Skeptizismus ist also als potenzielle Gefahr für unsere Erkenntnis der Existenz Gottes ebenfalls unbedenklich.
An dieser Stelle wenden wir uns einer Form des Skeptizismus zu, den wir „milder Skeptizismus“ nennen. Der milde Skeptizismus stellt die Möglichkeit infrage, dass sich unsere Verstandesschlüsse auf die Wirklichkeit beziehen. Der milde Skeptizismus besagt also, dass sich unsere Schlussfolgerungen nicht auf die Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins zu beziehen vermögen. Wenn der milde Skeptizismus wahr wäre, hätte er zur Folge, dass unsere logisch bindenden Gründe für die Existenz Gottes nichts über die Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins sagen. Sie wären in dem Fall nichts weiter als Gedankenspielereien.
Nun könnte man nach der Ursache für eine solche Überzeugung fragen. Klar ist, dass der milde Skeptizismus lediglich eine nicht beweisbare Behauptung ist, denn sollte versucht werden ihn zu beweisen, sich genau dem bedient werden muss, das eigentlich infrage gestellt wird: die Schlussfolgerungen. Zudem steht der milde Skeptizismus im Widerspruch zu jeder Form von Wissenschaft. Weiterhin verkennt der milde Skeptizismus, dass Schlussfolgerungen aus Begriffen zusammengesetzt sind. Wir Menschen haben im Normalfall in unserem Verstandeserkennen nicht die Möglichkeit zu Erkenntnisformen ohne Begriffe. Würden sowohl Schlussfolgerungen als auch Begriffen der Wirklichkeitsbezug abgesprochen werden, ist dies eine Infragestellung der Verstandeserkenntnis allgemein. Wenn die Verstandeserkenntnis allgemein angezweifelt wird, wäre die Folge der radikale Skeptizismus.
Der milde Skeptizismus kann stattdessen behaupten, dass zwar die Begriffe Wirklichkeitsbezug haben, nicht jedoch die aus Begriffen bestehenden Schlussfolgerungen. Er könnte behaupten, dass die logischen Gesetze, welche die Gültigkeit von Schlussfolgerungen bestimmen, lediglich Anwendung im Denken finden, nicht jedoch Teil der bewusstseinsunabhängigen Realität sind.
Diese Annahme ist nicht besser. Zunächst einmal sei darauf verwiesen, dass zu den notwendigen Voraussetzungen zur Formulierung dieser Behauptung dasjenige gehört, dem der Wirklichkeitsbezug abgesprochen wird: die Logik. Dieser Standpunkt untergräbt sich also ebenfalls selbst. Ein weiteres Problem des milden Skeptizismus ist es, darzulegen, was Logik eigentlich ist und wie sie zustande kommt, wenn nicht die geordnete Struktur der bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit der Ausgangspunkt unseres Besitzes an Logik ist. Weiterhin ist es widersinnig, anzunehmen, dass Begriffe Wirklichkeitsbezug haben, Begriffskonstellationen (Schlussfolgerungen) jedoch nicht. Begriffe stünden in dem Fall isoliert und unabhängig voneinander nebeneinander. Das widerspricht jedoch völlig unseren Erfahrungen. Zudem wäre ausgeschlossen, dass manche Begriffe in anderen enthalten sind. Es wäre also unmöglich, vom Ganzen Rückschlüsse auf seine Teile zu ziehen und umgekehrt. Es wäre unmöglich, vom Allgemeinen aufs Individuelle zu folgern und umgekehrt. Es wäre unmöglich, von der Begrenzung in den Eigenschaften von Dingen, auf die Begrenzung der Dinge selbst zu schließen. Es wäre unmöglich, aus der Handlung einer Person, auf die reale Möglichkeit zu dieser Handlung zu Schlussfolgern. Dies ist jedoch offensichtlich falsch. Somit hat auch der milde Skeptizismus nichts zu bieten, um unserer Erkenntnis der Existenz Gottes im Weg zu stehen.
Die verschiedenen Gottesbilder
Im letzten Teil dieses Artikels wollen wir kurz darauf eingehen, welches Gottesbild die bisherigen Ausführungen zur Folge haben. Zunächst einmal gibt es den Agnostizismus. Er besagt, dass wir mit unserer Vernunft nichts über die Existenz eines göttlichen Wesens zu sagen vermögen. Es mag einen Gott geben, muss es aber nicht. Wir können es jedenfalls nicht wissen.
Nach den bisherigen Ausführungen in diesem Artikel mag wegen eines rauchen Kopfes vielleicht Sympathie für dieses Weltbild aufgekommen sein. Doch wenn die Prämissen des Artikels richtig und die Schlussfolgerungen gültig sind, müssen die Inhalte wahr sein. Zudem ist im vorigen Abschnitt „Verschiedene Formen des Skeptizismus“ gezeigt worden, dass Vorstellungen, welche die Erkenntniskraft des Menschen allgemein in Zweifel ziehen, falsch sind. Ich gebe zu, dass ich auf manche der Voraussetzungen dieses Artikels, in diesem Artikel nicht eingehen konnte. Es gibt Voraussetzungen aus den Bereichen der Logik, Erkenntnistheorie und Gewissheitstheorie, auf die im Artikel „Woher wissen wir, was wahr ist?“, ausführlich eingegangen wird. Wen diese Voraussetzungen also interessieren, verweise ich auf genannten Artikel. Hier sei nur angemerkt, dass die Voraussetzungen solche sind, die in völligem Einklang mit dem sogenannten gesunden Menschenverstand stehen, aufgrund dessen es im Grunde nicht nötig ist, diese als wahr zu beweisen, sondern die, bei eventuellen Zweifeln über deren Gültigkeit, als falsch nachzuweisen sind. Zu solchen Voraussetzungen zählt z.B., dass unser Verstand Wahres zu erkennen vermag, dass es eine Wirklichkeit außerhalb unseres persönlichen Bewusstseins gibt oder dass es allgemeingültige Denk- und Seinsgrundsätze gibt, wie, dass Widersprüche nicht zugleich wahr sein können und das Ganze mehr ist als eines seiner Teile.
Zudem haben wir in diesem Artikel einen Abschnitt der Weise gewidmet, in welcher Art von Begriffen unser Wissen von Gott besteht: in den analogen Begriffen. Ein verbreiteter Grund des für-wahr-Haltens des Agnostizismus ist der, dass die Unterscheidung zwischen univoken und analogen Begriffen unbekannt ist. Da manche Menschen zurecht infrage stellen, dass wir mit unserer Vernunft zu Wissen von Gott durch univoke Begriffe gelangen können, während sie zudem nichts von analogen Begriffen wissen, ist die Annahme des Agnostizismus nicht ganz unverständlich.
Wir können Gott zwar nicht ergründen. Darüber hinaus ist das, was unsere Vernunft über ihn zu erkennen vermag, wenig. Doch wenig ist nicht nichts und der Agnostizismus somit falsch (natürlich kann weitaus mehr über Gott gesagt werden, als dieser Artikel hergibt).
Über den beliebten Agnostizismus hinaus gibt es die aktuell weniger beliebt werdende Variante, den Atheismus. Sie besagt, dass es keinen Gott gibt. Die Inhalte dieses Artikels sollten die Möglichkeit des Atheismus widerlegt haben. Sicherlich könnten auch weitere Gegenargumente gebracht werden, doch die meisten resultieren aus Missverständnissen der Inhalte. Die Gegenargumente, die nicht Resultat eines Missverständnisses sind, sind selbst wiederum mehrfach widerlegt. Für Interessenten verweise ich auf das Einsteigerwerk Edward Fesers „Five Proofs of the Existence of God“, welches in deutscher Übersetzung im Verlag „Editiones Scholasticae“ unter dem Titel „Fünf Gottesbeweise“ erhältlich ist. Aufgrund des Umfangs ist dieser Artikel nicht auf weitere mögliche Gegenargumente eingegangen. Die Ausführungen dieses Artikels widerlegen also auch den Atheismus.
Als Nächstes fahren wir mit einem beliebter werdenden Gottesbild fort. Dieses nennt man Pantheismus und es besteht darin, Gott mit der Welt bzw. dem Kosmos gleichzusetzen.
Da die Welt oder der Kosmos voll von passiven Potenzen und somit veränderlich ist, können die Ausführungen dieses Artikels nicht den Pantheismus zur Folge haben. Gott ist nämlich unveränderlich und darüber hinaus einfach, im Sinne von nicht-zusammengesetzt.
Oft wird Gott auch mit einer Art a-personalen Macht identifiziert, die allem Seienden zugrunde liegt. Da Personalität jedoch eine Vollkommenheit ist, muss Gott personal, bzw., wenn es möglich wäre, sogar überpersonal sein. Das, was Personen an Vollkommenem zugesprochen wird, muss analog in Gott absolut sein. Dass Gott allem zugrunde liegt, ist jedoch in gewisser Weise richtig. Gott ist allem gegenwärtig und in allem. Das heißt jedoch nicht, dass alles Gott ist. Gott, als das Sein schlechthin, ist verschieden von seiner Schöpfung, dem Seienden.
Eine weitere Vorstellung ist der Polytheismus. Ihm zufolge gibt es mehrere Götter. Die Annahme, es könnte mehrere Götter geben, schließt notwendig ein, dass sich die Götter voneinander unterscheiden. Wenn Mehreres in vollständig jeder Hinsicht unterschiedslos wäre, könnte es nicht Mehreres sein. Die Voraussetzung für eine Mehrzahl von etwas sind Unterschiede bzw. Verschiedenheiten. Zwei identisch aussehende Münzen z.B. sind räumlich und von ihren Elementarteilchen her verschieden und insofern mehrere. Ohne Verschiedenheiten gibt es keine Mehrzahl von etwas.
Mehrere Götter müssten sich also in irgendetwas unterscheiden, damit man von einer Mehrzahl von Göttern überhaupt sprechen kann. Das hätte zur Folge, dass in der Verschiedenheit dem einen etwas zugesprochen werden muss, das dem anderen fehlt, und umgekehrt. Dies wiederum hieße, dass diese mehreren Götter nicht der reine Akt sein können, dem ja, wie gezeigt, nichts fehlen kann. Er ist in jeder Hinsicht vollkommen. Er hat alles.
Mehrere reine Akte kann es nicht geben, weil notwendige Voraussetzung für Mehrheit Verschiedenheit ist. Da jedoch nur der reine Akt in jeder Hinsicht vollkommen ist und da nur der reine Akt Gott ist, kann es nur einen Gott geben.
Als vorletztes Gottesbild haben wir den Deismus. Der Deismus besagt, dass ein Gott existiert, der vor langer Zeit die Welt bzw. den Kosmos geschaffen hat und sich dann zurückzog. Dem Deismus zufolge läuft die Welt von sich aus weiter und bedarf des aktiven Eingreifens Gottes nicht. Gott ist dem Deismus nach wie ein Uhrmacher, der eine Uhr schafft, die, nachdem der Uhrmacher sie gemacht hat, des Uhrmachers nicht weiter bedarf.
Den Inhalten dieses Artikels zufolge kann der Deismus nicht wahr sein, da alles Seiende, auch die Welt oder der Kosmos als Ganzes, der Existenzerhaltung durch Gott bedarf. Würde Gott einen Moment lang nichts im Dasein erhalten, würde alles Seiende ins Nichts zurückfallen. Die Existenz von etwas ist ohne die wesenhafte Existenz unmöglich, ähnlich, wie es keine Stimme ohne Sprecher gibt.
Die Ausführungen dieses Artikels lassen als einziges Gottesbild den Theismus bzw. Monotheismus zu. Dem monotheistischen Gottesbild zufolge gibt es einen vollkommenen und absoluten Gott, der allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, ewig, allgütig, einfach usw. ist. Dieser Gott ist das, was durch die Vernunft als reiner Akt oder wesenhafte Existenz erkannt werden kann.
Gott und die Welt
In diesem Abschnitt soll kurz die Beziehung zwischen Gott und der Welt angeschnitten werden. In den obigen Ausführungen haben wir dargelegt, dass Gott vollkommen einfach ist und in Gott alle Vollkommenheiten absolut bzw. unendlich sind. Erkennen und wollen zu können, sind zwei Vollkommenheiten. Somit müssen diese Vollkommenheiten in Gott absolut sein. Oder anders ausgedrückt: Es gibt in Gott etwas, das dem entspricht, was bei uns Menschen die Fähigkeiten sind, etwas erkennen und wollen zu können. Diese Entsprechungen in Gott sind unendlich bzw. unbegrenzt und sowohl voneinander als auch vom Wesen Gottes nicht verschieden. Das Erkennen und Wollen Gottes ist analog zu dem Erkennen und Wollen von uns Menschen.
Um das Erkennen Gottes verstehend etwas besser ertasten zu können, sei zunächst einmal auf die Erkenntnis im Allgemeinen näher eingegangen. Es gibt immer ein erkennendes Subjekt und ein erkanntes Objekt. Das erkennende Subjekt kann vom erkannten Objekt verschieden sein und es kann mit ihm zusammenfallen. Wenn das erkannte Objekt vom erkennenden Subjekt verschieden ist, bestimmt das erkannte Objekt in der Erkenntnis das erkennende Subjekt. Erkanntes Objekt und erkennendes Subjekt verhalten sich zueinander, hinsichtlich des Erkennens, wie das Bestimmende zum Bestimmbaren, wie der Akt zur Potenz. Sind erkennendes Subjekt und erkanntes Objekt verschieden, steht das erkennende Subjekt zum erkannten Objekt also in Potenz. Das erkennende Subjekt wäre im Erkennen abhängig vom erkannten Objekt. Dies kann auf Gott nicht zutreffen. Gott kann nicht in Potenz stehen, Gott kann nicht bestimmt werden und Gott kann nicht abhängig sein. Somit kann Gott unmittelbar nur sich selbst erkennen. Dies ist keine Folge eines Mangels in Gott, sondern die Folge seiner grenzenlosen Seinsfülle.
Doch wie kann Gott dann die Welt erkennen? Würde Gott nicht jede Wahrheit erkennen, die sich auf die Welt bezieht, wäre dies doch ein Mangel … Das ist richtig. Und Gott erkennt natürlich erschöpfend die Welt einschließlich aller Dinge in ihr. Gott erkennt die Welt dadurch, dass Gott sich selbst erkennt. Gott erkennt durch die Selbsterkenntnis die Welt. Gott erkennt unmittelbar sich selbst und dadurch mittelbar die Welt. Der Grund dafür ist der, dass Gott die ständige Ursache der Welt ist. Alles, was existiert – hierzu gehört alles, dem Sein zukommt: belebte und unbelebte Dinge, Eigenschaften, Relationen, Naturgesetze, Informationen, Energie, usw. – existiert nur, weil es von Gott Existenz verliehen bekommt. Gott schafft jeden Augenblick, unablässig und fortwährend alles Existierende, insofern Existierendes weiterexistiert. Dadurch, dass Gott sich selbst erkennt, erkennt Gott auch das, was er schafft. Dadurch, dass Gott sich selbst erkennt, erkennt Gott alles Existierende. Die Macht Gottes und das Erkennen Gottes – wie könnte es anders sein – fallen natürlich, wegen seiner Einfachheit, in eins zusammen.
Wenden wir uns nun dem Wollen zu. Wir wissen durch Erfahrung, dass unser eigenes Wollen das Ziel hat, uns Menschen zu verwirklichen oder weiterzubringen, Güter zu erwerben, bzw. Mängel auszufüllen. Alles verschiedene Beschreibungen desselben Inhalts. Auf Gott bezogen kann dies natürlich nicht zutreffen, da Gott die Wirklichkeit, Vollkommenheit und Aktualität (das Akt-Sein) selbst ist. Gott ist selbst das höchste Gut und keines Mangels fähig. Gott kann also nicht etwas wollen, was er noch nicht hat oder ist. Da das Wollen immer auf etwas Gutes gerichtet ist (der metaphysische Mangel kann nicht um seiner selbst willen gewollt werden und Gott kann nicht etwas nicht Gutes wollen) und Gott das Gutsein selbst ist, ist der Gegenstand des göttlichen Wollen Gott selbst. Gott will sich selbst. Gott will sich selbst, und da er sich selbst bereits hat, ist Gott in sich selbst ruhend absolut glücklich. Gott will sich also selbst, und Gott selbst ist die Existenz. Gott will also die Existenz. Alles Existierende will Gott demnach, insofern es existiert, und alles Existierende will Gott, insoweit es existiert.
Gott handelt – da er vollkommen ist – sinnvoll, mit Grund bzw. Absicht, oder zielgerichtet und nicht willkürlich oder planlos. Da Gott die Welt geschaffen hat und weiterhin schafft, gibt es dafür einen Grund. Da Gott gut ist, will er nur das Gute. Da Gott gut ist, will er für alles Existente nur das Gute. Da Gott gut ist, will Gott also für alles Existente das Gute seiner selbst. Der Grund für die Schöpfung Gottes ist also der, dass Gott dem Geschaffenen Anteil haben lassen will, an seiner eigenen Vollkommenheit. Es kann keinen anderen Grund geben. Gott will der Schöpfung Anteil an der Existenz geben. Gott will allem Geschaffenen insoweit Anteil an der Existenz geben, als es dem Wesen des Geschaffenen möglich ist. Der Grad an Möglichkeiten von Verwirklichung variiert von Seinsstufe zu Seinsstufe der Dinge und Lebewesen. Pflanzen stehen über unbelebten Dingen, Tiere stehen über Pflanzen und der Mensch steht über den Tieren. Mehr hierzu siehe die Artikel „Was ist das Gute?“ und „Was ist der Mensch?“. Durch die Rationalität hat der Mensch die Möglichkeit, in die Beziehung zu Gott einzutreten, was den nicht rationalen Wesen unmöglich ist. Die Beziehung zu Gott wiederum hat Einfluss auf den Grad an Verwirklichung bzw. moralischem Gutsein des Menschen – mehr hierzu siehe den Artikel „Gott, Moral & Glück“.
Die Inhalte sollten gezeigt haben, dass Gott existiert. Auch wenn unsere Vernunft bis zu einem gewissen Grad aus sich selbst heraus das Wesen Gottes ertasten kann, ist das, was die Vernunft aus sich über Gott nicht zu erkennen vermag, unendlich viel mehr. Um weiteren Aufschluss über Gott erhalten zu können, bedürfen wir Menschen der Selbstoffenbarung Gottes, sei sie allgemein oder persönlich. Doch selbst mit göttlicher Hilfe vermag es kein begrenzter, geschaffener Verstand, das ganze Wesen Gottes vollständig zu verstehen, da es unermesslich und grenzenlos ist. Der Einzige, der Gott ganz versteht, ist er selbst.
Zur weiterführenden Lektüre seien zum einen die Werke der mittelalterlichen Geistesgröße Thomas von Aquin und zum anderen die Schriften des Verlags „Editiones Scholasticae“ empfohlen, welche auch die Grundlage für einige der Inhalte dieses Artikels waren.
Wie kann es sein, dass Kontingentes überhaupt ist da,
wenn nicht Notwendiges als Letztbegründung dies macht wahr?