In diesem Artikel geht es um das allgemeine Gute und Schlechte. Damit ist nicht eine spezielle Hinsicht des Guten oder Schlechten gemeint, wie das moralische Gutsein und Schlechtsein des Menschen, sondern ganz allgemein die Frage, was die Begriffe des Guten und Schlechten inhaltlich, unabhängig vom Kontext, bezeichnen. Die Frage nach dem Wesen des Guten und Schlechten bedeutet, danach zu fragen, was alle Dinge miteinander gemeinsam haben, insofern und insoweit sie gut oder schlecht sind. Die Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des Guten und Schlechten soll sich auf alles beziehen, was gut oder schlecht ist.
Sich dieser Frage zuzuwenden kann – neben einem Wissenswachstum im Bereich Metaphysik des Guten und Schlechten – insofern von Bedeutung sein, als dadurch andere interessante Fragen leichter zugänglich werden, wie z.B. die Frage nach dem Wesen des moralischen Gutseins oder die Frage nach der Existenz Gottes.
Wichtig beim Lesen dieses Artikels ist Ruhe. Die Inhalte sind durch Nachdenken nachvollziehbar. Es werden keine sogenannten empirischen Wissensinhalte als bekannt vorausgesetzt. Es kommt höchstens im weiteren Verlauf des Artikels vor, dass er auf Inhalten des Artikels „Was ist der Mensch?“ aufbaut. Dies wird vorher jedoch immer angekündigt. Da der Artikel recht umfangreich und inhaltsvoll ist, lohnt es sich, Zeit für ihn mitzubringen und den ein oder anderen Teil, um eines tieferen Verständnisses willen, mehrfach zu lesen.
Der Frage nach dem genauen Wesen moralischen Gutseins wird ein späterer Artikel gewidmet. Der gegenwärtige Artikel hat nicht das Ziel, darauf einzugehen.
Der Hauptteil kann gedanklich in zwei ungleich große Teile gegliedert werden. Im ersten Teil wird untersucht, worin das allgemeine Wesen vom Guten und Schlechten besteht, und im zweiten Teil wird tiefer in die Wirklichkeiten des Guten und Schlechten eingetaucht.
Viel Freude beim Lesen.
Begrenzte Anzahl an Optionen
Bei der Frage nach dem Wesen des allgemeinen Guten und Schlechten besteht bereits eine Reihe verschiedener Vorstellungen hinsichtlich ihrer Beantwortung. Die Anzahl an Optionen, worin das Gute und Schlechte bestehen könnten (was also das Wesen des Guten und Schlechten sein könnte), ist sogar logisch begrenzt. Im Folgenden werden die grundlegenden Optionen vorgestellt, auf die sich alle Theorien über das Gute und Schlechte zurückführen lassen. In diesem Artikel wird vorausgesetzt, dass die Worte „gut“, „vollkommen“, „das Gute“ und „Gutsein“ zwar verschiedene Wortarten und Ausdrücke sind, sich jedoch – jedes auf eigene Weise – auf dieselbe Wirklichkeit bzw. Sache beziehen. Sie haben den gleichen Inhalt und werden in diesem Artikel dementsprechend verwendet. Gleiches gilt für die Wörter „schlecht“, „unvollkommen“, „das Schlechte“ und „Schlechtsein“.
Wir beginnen nun mit der Darlegung der Optionen: Entweder kann der Mensch erkennen, ob es das Gute und Schlechte gibt und was es ist, oder nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch vollständig nicht erkennen kann, ob es so etwas wie Gutes und Schlechtes gibt und was dies sein soll, haben wir bereits die erste Option, die wir hier nun „nicht erkennen“ nennen.
Wenn wir annehmen, dass der Mensch erkennen kann, was gut und schlecht ist und ob es solches gibt, besteht zum einen die Option, dass es das Gute und Schlechte gibt, und zum anderen die, dass es das Gute und Schlechte nicht gibt. Die Option, dass es das Gute und Schlechte nicht gibt, nennen wir ab jetzt „gibt es nicht“.
Wenn wir davon ausgehen, dass es das Gute und Schlechte gibt und wir es zumindest teilweise erkennen können, gibt es nun die beiden Alternativen, dass entweder der Mensch bestimmt, was gut und schlecht ist, oder dass es das Gute und Schlechte unabhängig vom Menschen gibt. Die Option, dass der Mensch das Gute und Schlechte bestimmt, nennen wir „subjektiv“.
Wenn es das Gute und Schlechte unabhängig von menschlichen Bestimmungen gibt, kann es entweder veränderlich oder unveränderlich sein. Die Option, dass das Gute und Schlechte veränderlich seien, nennen wir hier nun „veränderlich“.
Wenn wir davon ausgehen, dass das Gute und Schlechte erkennbar, existent, objektiv und unveränderlich ist, verbleiben die folgenden Optionen. Zum einen diejenige, dass alles Seiende entweder gut oder schlecht ist und das Schlechte oder Gute in einem Mangel an Sein besteht, dass also das Gute oder Schlechte inhaltlich mit dem Sein bzw. Seienden zusammenfallen. Die Option, dass alles Seiende gut ist und das Schlechte in einem Mangel an Sein besteht, nennen wir ab jetzt „realistisch“. Die Option, dass alles Seiende schlecht ist und das Gute in einem Mangel an Sein besteht, nennen wir „pessimistisch“.
Eine weitere Option ist die, dass das Gute und Schlechte zwei gegensätzliche Prinzipien des Seins sind, die entweder alles oder ein Teil dessen, was ist, durchdringen und von denen alles oder ein Teil dessen, was ist, durchdrungen ist. Diese Option nennen wir „zwei Prinzipien“.
Die letzte Option besteht darin, dass ein Teil dessen, was ist, gut und ein anderer Teil dessen, was ist, schlecht ist. Diese Option nennen wir „partikular“.
Untersuchung der Optionen
Mit diesen vorgestellten Optionen haben wir alle Möglichkeiten abgedeckt, auf die sich die Begriffe „gut“ und „schlecht“ zurückführen lassen. Anders ausgedrückt kann man sagen, dass wir mit der Vorstellung der Optionen alle Möglichkeiten haben, was die Ausdrücke „gut“ und „schlecht“ inhaltlich bedeuten könnten, oder worin die Wörter „gut“ und „schlecht“ inhaltlich bestehen könnten. Die vorgestellten Optionen sind in der Darlegung allgemein gehalten, von denen es verschiedene konkrete Formen gibt, die hier jedoch nicht ausgeführt werden. Sobald die allgemeine Form einer Option widerlegt wurde, sind auch alle konkreteren Formen widerlegt, die sich auf die allgemeine zurückführen lassen.
Im Folgenden wollen wir versuchen herauszufinden, welche der vorgestellten Optionen die richtige oder wahre ist. Wenn sich Optionen gegenseitig widersprechen, kann es nicht sein, dass sie zugleich richtig sind. Eine jedoch muss richtig sein, da alle möglichen Standpunkte, diese Fragestellung betreffend, in der Anzahl an Optionen abgedeckt sind.
Beginnen wir mit der Option „nicht erkennen“. Sie – um es zu wiederholen – bestand darin, dass wir nicht erkennen können, ob es Gutes und Schlechtes gibt. Um auf diese und auch die weiteren Optionen angemessen zu antworten, nehmen wir grundlegendes Erfahrungswissen zu Hilfe. Anhand des grundlegenden Erfahrungswissens werden wir den möglichen Wahrheitsgehalt der einzelnen Optionen prüfen.
Wenn die Option „nicht erkennen“ richtig wäre, könnten wir die Ausdrücke „gut“ und „schlecht“ nicht nutzen, da wir in keinem Fall wüssten, ob etwas gut oder schlecht ist. Wörter in unsere Sprache zu integrieren wäre absurd, wenn uns deren Bedeutung völlig unbekannt ist. Ein Phänomen, wie den einheitlichen und geordneten Gebrauch unbekannter Wörter von vielen Personen ist unmöglich. Zur Prüfung der Option „nicht erkennen“ wenden wir uns nun ein paar Beispielfällen zu, durch die unser grundlegendes Erfahrungswissen uns helfen soll.
Beispielfall Eins: Beim Schnelligkeitslaufen zwischen zwei Personen gewinnt unter gleichen Umständen immer Person Eins. Wenn „nicht erkennen“ wahr wäre, könnten wir nicht sagen, dass Person Eins im Schnelligkeitslaufen besser ist.
Beispielfall Zwei: Wir haben zwei Waschmaschinen. Die erste Waschmaschine braucht für einen bestimmten Waschgang 3 Stunden. Die zweite Waschmaschine braucht für den gleichen Waschgang 1 Stunde. Bei der zweiten Waschmaschine ist die Wäsche am Ende sauberer und weniger beschädigt. Alle anderen Umstände sind gleich. Wäre „nicht erkennen“ wahr, könnten wir nicht sagen, dass die zweite Waschmaschine – als Waschmaschine – besser ist als die erste Waschmaschine.
Es ließen sich noch zahlreiche weitere Beispielfälle anführen: Wenn „nicht erkennen“ wahr wäre, könnten wir nicht sagen, dass der Holocaust schlecht war oder dass es schlecht ist, wenn jemand grundlos unser Kind töten will und noch sehr viele mehr. Dank unseres grundlegenden Erfahrungswissens können wir jedoch sagen und erkennen, dass Person Eins beim Schnelligkeitslaufen und die zweite Waschmaschine als Waschmaschine besser sind. Zudem wissen wir auch, dass der Holocaust und die grundlose, willentliche Tötung unseres Kindes schlecht sind. Daraus folgt, dass die Option „nicht erkennen“ nicht wahr sein kann.
Fahren wir nun fort mit der Option „gibt es nicht“. Diese Option besagte, dass es das Gute und Schlechte nicht gäbe. Diese Option ist bereits durch die Widerlegung von „nicht erkennen“ als falsch erwiesen. Das Gute muss es sowohl im Schnelligkeitslaufen geben, wenn Person Eins darin besser sein soll, als auch bei Waschmaschinen, wenn die zweite Waschmaschine besser sein soll. Darüber hinaus muss es das Schlechte in der Moral geben, wenn sowohl der Holocaust schlecht war als auch die grundlose, willentliche Tötung unseres Kindes schlecht ist.
Als Nächstes wenden wir uns der Option „subjektiv“ zu. Sie besagt, dass das Gute und Schlechte vom Menschen abhingen, dass der Mensch gut und schlecht bestimme. Um herauszufinden, ob diese Option wahr sein kann, nehmen wir uns als Hilfe wieder unsere Beispielfälle zur Hand und passen sie etwas an die Option „subjektiv“ an: Stellen wir uns zunächst einmal eine Welt vor, in der es keine Menschen gibt und in der es auch niemals Menschen gab. In einer solchen menschenlosen Welt wäre es eine Möglichkeit, dass es reale Menschen gibt. Zudem ist es in dieser menschenlosen Welt eine Möglichkeit, dass unsere beiden schnelligkeitslaufenden Personen existieren, von denen unter gleichen Umständen immer Person Eins gewinnt. Wenn es diese menschenunabhängige und menschenunbestimmte Welt wirklich gäbe, ist es trotzdem wahr, dass in der in ihr seienden Möglichkeit der Existenz der beiden Personen, die Person Eins im Schnelligkeitslaufen besser ist.
Stellen wir uns außerdem eine Welt vor, in der es zwar keine Menschen gibt, dafür aber schmutzige Wäsche und unsere beiden Waschmaschinen. In solch einer Welt wäre die zweite Waschmaschine im Wäsche waschen weiterhin besser.
Stellen wir uns zu guter Letzt noch vor, dass in unserer realen Welt die Menschheit in der Zukunft den Holocaust und die grundlose, willentliche Tötung von Kindern zu etwas Gutem erhebt. Selbst wenn diese Zukunft wirklich würde, wären der Holocaust und die grundlosen Kindermorde weiterhin etwas Schlechtes, was wohl keiner infrage stellen dürfte. Dies zeigt, dass auch die Option „subjektiv“ nicht wahr sein kann.
Eine weitere Option war „veränderlich“. Sie besagt, dass das, worin Gutsein und Schlechtsein bestehen, veränderlich sei. Das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gut ist, könne zu einem anderen Zeitpunkt schlecht sein. Das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt schlecht ist, könne zu einem anderen Zeitpunkt gut sein. Die Folge dieser Option ist, dass es möglich wäre, dass irgendwann die Person Eins im Schnelligkeitslaufen schlechter sein wird als die Person Zwei, obwohl Person Eins weiterhin schneller ist. Gleiches gilt bezogen auf die Waschmaschinen. Außerdem wäre die Folge dieser Option, dass der Holocaust und der grundlose Kindermord irgendwann gut sein könnten. Dies steht jedoch im Widerspruch zu dem, was wir sicher wissen.
Überdies gibt es weitere Gründe, warum „veränderlich“ nicht wahr sein kann: Unabhängig davon, worin gut und schlecht zu einem beliebigen Zeitpunkt bestehen, muss es wahr sein, dass das existiert, worin gut und schlecht zu einem beliebigen Zeitpunkt bestehen, damit das Gute und Schlechte darin bestehen können. Zudem muss es wahr sein, dass dasjenige, worin gut und schlecht bestehen, das ist, was es ist, damit es existieren kann. Zu fragen, worin gut und schlecht bestehen, heißt nach der Wahrheit zu fragen, worin gut und schlecht bestehen. Die Existenz von gut und schlecht und das Wesen dessen, worin das Gute und das Schlechte bestehen, ist jeweils eine Wahrheit. Dass das existiert, worin gut und schlecht bestehen, ist eine Wahrheit. Wenn das Wesen von gut und schlecht in xyz besteht, ist es eine Wahrheit, dass das Wesen von gut und schlecht in xyz besteht. Wenn das Wesen von gut und schlecht in xyz besteht, ist es wahr, dass es existent ist, dass das Wesen von gut und schlecht in xyz besteht. Unabhängig davon, was der Inhalt der Wahrheit dessen ist, was das existierende Wesen von Gut und Schlecht ist, kann bereits etwas über das Wesen von Wahrheiten im Allgemeinen gesagt werden. Ein Bestandteil des Wesens von Wahrheiten ist, dass sie unveränderlich sein müssen, und zwar aus folgendem Grund: Wäre es wahr, dass Wahrheiten veränderlich sind, würde es irgendwann wahr sein müssen, dass Wahrheiten unveränderlich sind. Wenn es wahr ist, dass Wahrheiten unveränderlich sind, können sie nicht mehr veränderlich werden oder sein. Angenommen, es ist wahr, dass ich gegenwärtig, also zum Zeitpunkt X, in meiner rechten Hand eine Schere halte, wird es auch in tausend Jahren wahr bleiben, dass ich in einer vergangenen Gegenwart – nämlich zum Zeitpunkt X – eine Schere in der rechten Hand hielt.
Da die Existenz des Wesens von gut und schlecht eine Wahrheit ist, muss das Wesen von gut und schlecht unveränderlich sein. Somit kann die Option „veränderlich“ auch ausgeschlossen werden (mehr zum Thema Wahrheiten siehe den Artikel "Woher wissen wir, was wahr ist?").
Einwand: Könnte es nicht sein, dass das, was mit den Optionen „subjektiv“ und „veränderlich“ gemeint ist, sowie das, was über Wahrheiten gesagt wurde, sich nur auf einen Teil bezieht? Dass also nur ein Teil des Guten und Schlechten subjektiv oder veränderlich ist und dass nur ein Teil aller Wahrheiten veränderlich oder subjektiv ist?
Antwort: Wenn man von einer Sache spricht (z.B. über das Gute oder über das Wahre) kann das, was die Sache in ihrem Wesen mit Notwendigkeit bestimmt (z.B. Veränderlichkeit oder Subjektivität), als notwendiges Wesensmerkmal nicht neben anderen notwendigen Wesensmerkmalen bestehen, die das Gegenteil dessen sind (z.B. Unveränderlichkeit oder Objektivität), unter Bewahrung des Einsseins der Sache. Wenn also das Gute oder das Wahre zugleich objektiv und subjektiv wären, sowie unveränderlich und veränderlich, wären sie nicht dieselbe Sache. Der subjektive oder veränderliche Teil wäre eine andere Sache als der objektive oder unveränderliche Teil. Beide Teile zusammen können jedoch nicht eine Sache (z.B. das Gute oder das Wahre) sein. Wenn also ein Teil des Guten oder Wahren objektiv und unveränderlich ist, gilt dies für das Gute und Wahre im Allgemeinen, also für alles Gute und alles Wahre. Mit „notwendigen Wesensmerkmalen“ ist das gemeint, was eine Sache haben muss, damit es die Sache ist und bleibt. Würde sich ein notwendiges Wesensmerkmal verändern, würde sich somit auch die Sache verändern.
Im Folgenden machen wir weiter mit der Option „zwei Prinzipien“. Sie bestand darin, dass das Gute und Schlechte zwei gegensätzliche Prinzipien des Seins seien, die entweder alles oder einen Teil dessen, was ist, durchdringen und von denen alles oder ein Teil dessen, was ist, durchdrungen ist.
Was könnten diese Prinzipien sein? Yin und Yang – ungeachtet des Wahrheitsgehalts dieser daoistischen Lehre – können es nicht sein, da z.B. sowohl das Gute als auch das Schlechte aus beiden Gegensätzen hervorgehen können.
Entstehen und Vergehen können es nicht sein, da sie nicht grundlegend sind. Sie setzen zum einen immer etwas voraus, das entsteht oder vergeht, und zum anderen eine Ursache des Entstehens und Vergehens. Gleiches gilt für Ordnung und Chaos. Darüber hinaus können beide Gegensatzpaare unsere Erfahrungen von gut und schlecht nicht angemessen erklären.
Geist und Materie können es auch nicht sein, da dies eine falsche Vorstellung von Geist und Materie mit sich brächte. Dieser Vorstellung zufolge wären Geist und Materie zwei sich völlig fremde, vollständige Wirklichkeitsbereiche, die z.B. im Menschen zwar zusammenkommen, in ihrem Sein allerdings getrennt voneinander bleiben. Dies hätte das gleiche Problem zur Folge, welchem auch die Reinkarnationstheorie unterliegt und das im Artikel „Was ist der Mensch?“, näher dargelegt ist. Darüber hinaus ist diese Theorie mit unseren Erfahrungen von gut und schlecht nicht vereinbar.
Ein guter Gott und ein schlechter Gott können diese beiden Prinzipien auch nicht sein, da eine Zusammenarbeit zwischen beiden Göttern vom guten Gott schlecht und vom schlechten Gott gut wäre. Darüber hinaus hat diese Vorstellung märchenhafte Grundannahmen, die, als grundlos gültig vorausgesetzt, dieser Vorstellung einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder Wahrheit verleihen, der dem eines Fantasieromans entspricht.
Unabhängig davon, welche beiden Prinzipien mit dem Guten und Schlechten identifiziert werden sollen, ist damit nicht das Wesen von gut und schlecht erklärt. Insgesamt fällt es schwer und erscheint konstruiert, zwei beliebige Prinzipien mit dem Guten und Schlechten gleichzusetzen, sodass es vernünftig erscheint, die Option „zwei Prinzipien“ auf die Option „subjektiv“ zurückzuführen.
Im weiteren Verlauf fahren wir fort mit der Option „partikular“. Sie besteht darin, dass ein Teil dessen, was ist, gut und ein anderer Teil dessen, was ist, schlecht ist. Über sie kann vom Grundsatz her Ähnliches gesagt werden wie über die Option „zwei Prinzipien“. Es fällt schwer, etwas zu finden – geschweige denn etwas Sinnvolles oder Begründbares zu finden – mit dem das Gute und Schlechte gleichgesetzt werden sollen. Es liegt jedenfalls eine starke Unstimmigkeit bei dieser Option „partikular“ vor, da auf der einen Seite leicht viele Beispiele dafür angeführt werden können, was gut und was schlecht ist, während es auf der anderen Seite nicht möglich zu sein scheint, zum einen solche Beispiele durch die Option „partikular“ auch nur im Ansatz zu erklären und zum anderen inhaltlich das Gute und Schlechte überhaupt mit irgendetwas zu füllen. Es kann nicht etwas Beliebiges oder Willkürliches mit dem Guten und Schlechten identifiziert werden. Aufgrund dessen liegt es nahe, auch diese Option auf entweder „nicht erkennen“ oder „subjektiv“ zu reduzieren.
Wenden wir uns nun der Option „pessimistisch“ zu. Sie besteht darin, dass alles Seiende schlecht ist und das Gute in einem Mangel an Sein besteht. Mit dem Begriff „alles Seiende“ ist alles gemeint, was es gibt, alles, was existiert. Alles, was ist, ist seiend. Das, was ist, ist. Zu dem, was alles seiend ist, zählen Substanzen und Akzidenzien (siehe Artikel „Was ist der Mensch?“), Form und Materie (siehe Artikel „Was ist der Mensch?“), Mögliches und Wirkliches sowie Notwendiges (z.B. die Gültigkeit mathematischer und logischer Gesetzmäßigkeiten) und nicht Notwendiges (z.B. Menschen, Tiere und Pflanzen). Die Inhalte der aufgezeigten Unterscheidungen sind jedoch nicht in der gleichen Weise seiend, sondern jede auf ihre eigene Weise. Etwas Mögliches ist z.B. möglichseiend, und etwas Wirkliches ist wirklichseiend. Daraus folgt, dass die Wirklichkeit (als Summe dessen, was ist) nicht eindimensional ist, sondern sehr umfangreich, und mehrere Wirklichkeitsbereiche umfasst.
Die Option „pessimistisch“ beinhaltet zudem, dass Seiendes mehr oder weniger seiend sein kann. Der Grund dafür ist simpel: Das Seiende (Existierende) wird bei dieser Option mit dem Schlechten gleichgesetzt. Nun wissen wir, dass etwas nicht nur schlecht oder auch nicht schlecht sein kann, sondern dass die Dinge auch mehr oder weniger schlecht sein können. Wenn jedoch etwas mehr oder weniger schlecht sein kann und das Schlechte mit dem Sein bzw. dem Seienden gleichgesetzt wird, dann kann etwas auch mehr oder weniger seiend sein.
Wenden wir diese Option nun auf unsere Beispiele von oben an, um ausreichend Informationen bezüglich des Wahrheitsgehalts dieser Option zu erwerben. Im ersten Beispiel ging es um einen Schnelligkeitslauf zwischen zwei Personen, von denen unter gleichen Umständen immer Person Eins gewinnt. Das heißt, dass Person Eins schneller ist als Person zwei. Person Eins leistet mehr als Person Zwei. Dieses „mehr“ von Person Eins ist nun das, aufgrund dessen der Option „pessimistisch“ zufolge die Person Eins schlechter ist als Person Zwei. Dieses Ergebnis ist jedoch absurd, da dieses „mehr“ der Grund dafür ist, dass Peron Eins im Schnelligkeitslaufen besser ist als Person Zwei.
Gerne können wir bei diesem Beispiel stehen bleiben und uns den Ursachen für dieses „mehr“ im Rahmen der Option „pessimistisch“ zuwenden: Ein Schnelligkeitslauf betrifft den körperlichen Teil des Menschen. Da alle anderen Umstände gleich sind, muss die Ursache dafür, dass Person Eins schneller ist, auf den Körper von Person Eins zurückgeführt werden. Letztlich auf den Bereich des Körpers, der für Schnelligkeitsläufe wesentlich ist. Da Person Eins im Schnelligkeitslaufen besser ist, muss der Bereich des Körpers von Person Eins, der für Schnelligkeitsläufe wichtig ist, besser sein. Der Option „pessimistisch“ zufolge müsste jedoch der Bereich des Körpers von Person Eins, der für Schnelligkeitsläufe wichtig ist, weniger seiend bzw. schlechter sein. Dieses Beispiel widerspricht also der Option „pessimistisch“.
Doch schauen wir weiter und wenden wir „pessimistisch“ auf das nächste Beispiel an. Das nächste Beispiel war das mit den zwei Waschmaschinen, von denen die erste Waschmaschine für einen bestimmten Waschgang 3 Stunden braucht, während die zweite Waschmaschine für den gleichen Waschgang 1 Stunde braucht. Bei der zweiten Waschmaschine war die Wäsche am Ende sauberer und weniger beschädigt. Alle anderen Umstände waren identisch. Dieses Beispiel ist vom Prinzip her gleich mit dem Beispiel zuvor. Die zweite Waschmaschine ist besser, weil sie in derselben Hinsicht unter gleichen Umständen mehr Leistung bringt. Der Option „pessimistisch“ zufolge müsste die zweite Waschmaschine aber schlechter sein, da sie mehr leistet.
Wir wenden „pessimistisch“ trotzdem noch auf das nächste Beispiel an. Dieses war das mit dem Holocaust. Der Holocaust, sowie seine Ursache, waren schlecht. Der Holocaust besteht im Völkermord einer siebenstelligen Anzahl an Juden durch Nazis während des zweiten Weltkrieges. Man könnte auch sagen, dass der Holocaust darin besteht, dass einer großen Anzahl an Menschen das Leben genommen wurde. Das Leben und zu leben zählt zu dem, was ist. Da der Holocaust schlecht war und der Holocaust darin besteht, dass vielen Menschen ihr Sein genommen wurde, kann „pessimistisch“ (= Nichtsein/Mangel ist gut) nicht wahr sein.
Der Blick auf die Ursache führt zum selben Ergebnis: Die Ursache des Holocausts war eine bestimmte Anzahl an Nazis. Wir nennen sie der Einfachheit halber ab jetzt „HoloNazis“. Der Teil innerhalb der HoloNazis, der den Holocaust verursacht hat, war derjenige, durch den freie menschliche Handlungen zustande kommen, nämlich der Wille. Wir nennen den Willen mit den guten und schlechten Entscheidungen, die er trifft und ausführt ab jetzt den moralischen Bereich des Menschen. Innerhalb des moralischen Bereichs im Menschen ist dasjenige, was sich auf die Beziehung zu anderen Menschen richtet, die Gerechtigkeit. Wenn jemand moralisch gut in Bezug auf sein Gegenüber handelt, ist er gerecht. Wenn jemand moralisch schlecht in Bezug auf sein Gegenüber handelt, ist er nicht gerecht, also ungerecht. Da sich die HoloNazis mit dem Holocaust auf andere Menschen bezogen, waren die HoloNazis mit dem Holocaust sehr ungerecht. Ungerecht war das, was nicht gerecht ist. Ungerechtigkeit ist ein Mangel an Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit ist ein Mangel an Moral im Menschen. Da „pessimistisch“ zufolge der Mangel jedoch gut ist, müsste der Holocaust mit seinen Ursachen gut gewesen sein. Die Anwendung auf das letzte Beispiel lassen wir aus, da es vom Prinzip diesem Beispiel entspricht und wir die Option „pessimistisch“ bereits als falsch dargelegt haben.
Zu guter Letzt kommt unsere Option „realistisch“. Sie bestand darin, dass alles Seiende gut ist und das Schlechte in einem Mangel an Sein bestünde. Da dies unsere letzte Option ist, muss es die richtige sein. Darüber hinaus ist sie das genaue Gegenteil von „pessimistisch“. Bei „pessimistisch“ werden die aufmerksamen Leser vielleicht gemerkt haben, dass das Gegenteil von „pessimistisch“ Sinn ergeben könnte. Wenn wir nun die Option „realistisch“ mit unserem Erfahrungswissen von gut und schlecht in Einklang bringen können, wissen wir, worin das Gute und Schlechte besteht.
Genau wie bei „pessimistisch“ ist es auch bei „realistisch“ so, dass es mehrere Wirklichkeitsbereiche gibt und das Seiende immer auf eigene Weise seiend ist. Zudem kann das Seiende auch bei „realistisch“ mehr oder weniger seiend sein. Bei dieser Option wird das Seiende allerdings mit dem Guten gleichgesetzt, statt mit dem Schlechten. Da hier also angenommen wird, dass alles, was existiert, gut ist und Dinge mehr oder weniger gut sein können, müssen die Dinge auch mehr oder weniger stark existieren können. Auch wenn dies vielleicht zunächst etwas seltsam klingen mag, lohnt es sich, dieser Option Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir nehmen uns zu Beginn wieder unsere Beispiele als Unterstützung zur Hand.
Das erste Beispiel war das, in dem Person Eins, aufgrund von mehr körperlicher Leistung, im Schnelligkeitslaufen besser ist. Der Option „realistisch“ zufolge kann es auch nicht anders sein. Leistung ist etwas Seiendes und das „mehr“ der Leistung von Person Eins ist der Grund, dass sie besser ist. Bei der Anwendung auf die Ursache für dieses „mehr“ an Leistung sieht es genauso aus: Wenn alle anderen Umstände gleich sind, muss es in der körperlichen Verfassung von Person Eins etwas geben, in der sie Person Zwei überlegen ist, bzw. in der sie Person Zwei übersteigt. Diese Überlegenheit liegt in dem Bereich der körperlichen Verfassung, der wesentlich ist für Schnelligkeitsläufe. Diese Überlegenheit in dem Bereich macht Person Eins in dem Bereich besser als Person Zwei. In dieser Überlegenheit ist die Person Eins in dem Bereich mehr seiend als die Person Zwei. Dieses Beispiel und die Option „realistisch“ stehen in völligem Einklang.
Beim nächsten Beispiel ist es genauso. Die zweite Waschmaschine ist als Waschmaschine besser als die erste Waschmaschine. Da die zweite Waschmaschine als Waschmaschine besser ist, muss sie „realistisch“ zufolge im Waschmaschinensein seiender sein. Das heißt, dass es in dem, was die Waschmaschine zu einer Waschmaschine macht, etwas geben muss, das bei der zweiten mehr ist als bei der ersten. Dieses „mehr“ ist die größere Sauberkeit, die schnellere Geschwindigkeit und der größere Wäscheschutz beim Waschen. Auch dieses Beispiel steht mit „realistisch“ im völligen Einklang.
Beim Beispiel mit dem Holocaust war es so, dass der Holocaust deswegen schlecht ist, weil er darin besteht, dass vielen Menschen ihr Leben genommen wurde. Leben ist etwas Seiendes. Das Leben zu nehmen ist somit eine Form davon, dass Seiendes weniger wird. Der Option „realistisch“ zufolge ist der Verlust an Seiendem etwas Schlechtes, was wiederum zeigt, dass diese Option in völliger Harmonie mit dem steht, was wir sicher wissen.
Überdies war der Holocaust auch deshalb schlecht, weil er durch die Ungerechtigkeit der HoloNazis zustande kam und dadurch vielen Menschen großes Leid zugefügt wurde. Der Holocaust ist also insofern schlecht, als er einen gewaltigen Mangel an Moral darstellt. Ungerechtigkeit, statt der moralischen Gerechtigkeit; Hass, statt der moralischen Liebe; Egoismus, statt der moralischen Demut. Ungerechtigkeit ist der Mangel an Gerechtigkeit, Hass der Mangel an Liebe und Egoismus ist der Mangel an Demut.
Jetzt könnte man einwenden, dass der Holocaust nicht nur ein Mangel von etwas war. Faktisch sind beim Holocaust doch viele Menschen vergast, erschossen, beleidigt und geschlagen worden. Vergasen, erschießen, beleidigen und schlagen ist doch nicht nichts, sondern etwas, und etwas heißt Seiendes. Für Vergasungen wurden Gaskammern und Gas benötigt. Zum Erschießen bedurfte es Schusswaffen und Munition. Bei Beleidigungen wurden mit Informationen enthaltene Laute geschrien, und Schläge kamen durch geballte Hände oder Stöcke mit kraftvollen Armbewegungen zustande.
Es stimmt, dass die Inhalte der Aufzählung alle in gewisser Weise einen bestimmten Grad an Sein und somit Gutsein haben. Der eine Teil der Aufzählung sind materielle Gegenstände, denen als materielle Gegenstände Sein und somit Gutsein zukommt. Das Schlechte, das mit diesen materiellen Gegenständen getan wurde, betrifft den moralischen Wirklichkeitsbereich, das Gutsein der Gegenstände selbst, den physikalischen Wirklichkeitsbereich. Eine Pistole mit Munition sowie Gaskammern sind in sich nicht moralisch schlecht. Der Mensch ist es, der sie mit seiner Absicht, ihrem Gebrauch und ihrer Herstellung zu Werkzeugen von etwas zutiefst Schlechtem macht.
Das gleiche gilt für kraftvolle Armbewegungen, sei es mit geballten Händen oder Stöcken. Diese Bewegungen sind als Bewegungen seiend. Zudem setzen kraftvolle Armbewegungen einen gewissen Grad an körperlicher Fitness voraus. Dieser Grad an körperlicher Fitness ist ebenfalls seiend und insofern gut. Kraftvolle Armbewegungen selbst sind, als kraftvolle Armbewegungen, seiend und gut. Körperliche Fitness und kraftvolle Armbewegungen sind jedoch auf eine andere Weise gut, als dasjenige schlecht ist, wodurch sie zustande kamen und was mit ihnen gemacht wurde. Dass körperliche Fitness und kraftvolle Armbewegungen dazu genutzt wurden, Menschen Leid zuzufügen, ist auf moralischer Ebene schlecht, während das Gutsein von körperlicher Fitness und kraftvollen Armbewegungen den biologischen Wirklichkeitsbereich des Menschen betreffen.
Informationen enthaltende Laute laut aussprechen zu können, ist auf linguistischer Ebene gut. Dass die Informationen Beleidigungen waren, die andere Menschen verletzen sollten, ist auf moralischer Ebene schlecht. Wir sehen auch hier, dass dieses Beispiel zu der Option „realistisch“ in völligem Einklang steht.
Das letzte Beispiel ist vom Prinzip her genauso. In ihm ging es um die grundlose, willentliche Tötung unseres Kindes. Diese, wissen wir, ist schlecht. Der Option „realistisch“ zufolge ist das Schlechtsein in diesem Beispiel ein Mangel an Moralität, und nach Vollzug der Verlust eines Lebens. Zudem wissen allerdings auch, dass die Umsetzung einer Tötung nicht nur ein Mangel an Moralität sein kann, sondern verschiedener Aktionen bedarf, um ausgeführt zu werden. Die Option „realistisch“ sagt dazu, dass diese Aktionen in einer anderen Weise seiend sind als das Ziel, welches durch die Handlungen erreicht werden soll. Das Ziel bzw. die Absicht der Tötung unseres Kindes ist in moralischer Hinsicht schlecht, während zugleich die ausführenden Aktionen in einer nicht moralischen Hinsicht gut sein können. Auch dieses Beispiel harmoniert völlig mit der Option „realistisch“.
Von den oben aufgezählten Optionen muss, wie bereits aufgezeigt, eine wahr sein. Nun sind alle bis auf drei Optionen mithilfe der Beispiele als falsch dargelegt worden. Bei den drei übrig gebliebenen Optionen war „realistisch“ die einzige Option, die inhaltlich in völliger Übereinstimmung steht mit unserem sicheren Erfahrungswissen von gut und schlecht. Die anderen beiden Optionen hingegen stehen nicht einmal vom Ansatz her in Übereinstimmung mit unserem sicheren Erfahrungswissen. Zudem steht die Option „realistisch“ insofern im Widerspruch zu allen anderen Optionen, als dass, wenn die Option „realistisch“ wahr ist, alle anderen Optionen nicht wahr sein können. Daraus folgt die Richtigkeit der Option „realistisch“. Die Option „realistisch“ ist diejenige Option, die das Gute und Schlechte inhaltlich richtig bestimmt. Das Gute ist also das Seiende oder dasjenige, was ist. Gut und seiend sind also eins. Je mehr etwas ist, umso besser ist es.
Im weiteren Verlauf des Hauptteils wird in sechs Abschnitten tiefer auf die Wirklichkeit von gut und schlecht eingegangen. Die folgenden Ausführungen enthalten das, was sich logisch aus der Richtigkeit der Option „realistisch“ ergibt. Die Option „realistisch“ beinhaltet und umfasst, worauf im Folgenden eingegangen wird. Im ersten Abschnitt geht es um die Beziehung zwischen dem Wesen einer Sache und dem Guten und Schlechten. Der zweite Abschnitt taucht ein in die Frage, ob der Mangel an Sein in bestimmter Hinsicht Ursache sein kann. Im dritten Abschnitt wird sich der Beziehung zwischen dem Guten und dem vom Menschen Begehrten zugewandt. Der vierte Abschnitt soll das Gutsein von Substanzen näherbringen, und der fünfte Abschnitt stellt die Unterschiede des Gutseins von Substanzen und Artefakten heraus. Daraufhin wird sich in einem Abschnitt offenen Fragen gegenüber „realistisch“ zugewandt und im letzten Abschnitt des Hauptteils soll aufgezeigt werden, wodurch sich der Mensch selbst zu verbessern imstande ist.
Das Wesen der Dinge und das Gute und Schlechte
Der Umfang dessen, was seiend ist, war, wie wir sahen, alles. Alles, was es gibt, ist seiend. Zu allem zählen z.B. gezeichnete Dreiecke, Fußballspiele und Geburten. Von zwei gezeichneten Dreiecken ist eines per Hand gezeichnet. Die Linien sind dadurch etwas ungerade und unsauber und die Winkelsumme beträgt aufgrund dessen nicht exakt 180°. Das andere gezeichnete Dreieck wurde mit Geodreieck vollzogen. Die Linien sind gerade, sauber, und die Winkelsumme beträgt exakt 180°. Von beiden gezeichneten Dreiecken ist das zweite Dreieck besser und deswegen auch seiender. Umgekehrt genauso: Von beiden gezeichneten Dreiecken ist das zweite seiender oder mehr seiend und somit besser.
Bei zwei Fußballspielen wird beim ersten Fußballspiel von beiden Mannschaften voller Einsatz gegeben. Der Teamgeist kommt stark zum Ausdruck, die Schüsse sind präzise, die Ballbeherrschung ist hoch und die Taktik vorbildhaft. Beim anderen Fußballspiel sind die Spieler beider Mannschaften unmotiviert und müde, was sich beim Spielen zeigt. Es ist kaum Teamgeist vorhanden, der Ball rollt unkontrolliert übers Feld, und die Spieler wirken fehl am Platz. Von beiden Fußballspielen ist das erste seiender und aufgrund dessen besser.
Wir haben zwei Geburten. Die erste Geburt verläuft ohne Komplikationen. Die Mutter hat kaum Schmerzen und das Kind kommt direkt zur Welt. Weder Mutter noch Kind haben Schäden durch die Geburt davongetragen. Die zweite Geburt verläuft mit zahlreichen Komplikationen. Es dauert längere Zeit, bis das Kind zur Welt kommt, die Mutter hat starke Schmerzen dabei, und durch die Komplikationen bei der Geburt muss das Kind einige Wochen künstlich versorgt werden. Von beiden Geburten ist die erste Geburt mehr seiend und deshalb besser.
Wenn herausgefunden werden soll, wie gut etwas ist, muss zunächst einmal bestimmt werden, was dieses etwas ist. Notwendige Grundvoraussetzung beim Erkennen des Grades an Güte eines Dinges oder einer Sache ist die Kenntnis des Wesens dieses Dinges oder dieser Sache. Bei den aufgezeigten Beispielen ist es leicht festzustellen, welche der beiden jeweiligen Varianten die bessere ist, da zum einen klar war, was das ist, worum es im jeweiligen Beispiel ging, und zum anderen eine der Varianten immer voll dem Wesen des jeweiligen Inhalts des Beispiels entsprach, während die jeweils andere Variante diesem zumindest teilweise nicht entsprach.
Zum Wesen eines gezeichneten Dreiecks gehört es, ein Dreieck richtig darzustellen. Ein Dreieck ist seinem Wesen nach gradlinig und hat eine Winkelsumme von 180°. Wenn es also dementsprechend gezeichnet wird, entspricht die Zeichnung dem Wesen eines gezeichneten Dreiecks natürlich mehr, als wenn es nicht dementsprechend gezeichnet wird. Wenn ein gezeichnetes Dreieck dem Wesen des Dreiecks mehr entspricht, ist es als gezeichnetes Dreieck besser. Wenn ein gezeichnetes Dreieck dem Wesen des Dreiecks mehr entspricht, ist es als gezeichnetes Dreieck mehr seiend.
Zum Wesen eines Fußballspiels gehört es, dass die Spieler vollen Einsatz zeigen, sich als teamfähig erweisen, hohe Ballkontrolle zeigen und taktisch vorgehen. Wenn diese Eigenschaften umgesetzt werden, entspricht ein Fußballspiel dem Wesen oder dem Ideal eines Fußballspiels mehr, als wenn ein Fußballspiel diese Eigenschaften nicht umsetzt. Wenn dem Wesen eines Fußballspiels entsprochen wird, ist ein Fußballspiel als Fußballspiel besser oder mehr seiend, als wenn dem Wesen eines Fußballspiels nicht entsprochen wird.
Zum Wesen von Geburten gehört es, lebende Kinder auf die Welt zu bringen. Wenn eine Geburt dies bewirkt, ist sie dem Wesen von Geburten entsprechender, als wenn durch die Geburt das Kind stirbt. Wenn eine Geburt dem Wesen von Geburten mehr entspricht, ist sie als Geburt mehr seiend.
Sobald man also weiß, worin das Wesen von etwas besteht, ist die Grundvoraussetzung dafür gegeben, das Gutsein von etwas zu bestimmen. Je mehr etwas seinem Wesen entspricht, umso seiender und umso besser ist das Etwas, und je weniger etwas seinem Wesen entspricht, umso weniger seiend und umso schlechter ist etwas. Der Mangel an Sein ist schlecht. Der Mangel an Sein ist das Schlechte.
Jetzt könnte man sich fragen, wie es dann sein kann, dass eine körperlich schmerzende Verletzung durch z.B. einen Schnitt ein Mangel sein soll, oder wie es sein kann, dass die Krankheit durch einen fremden Organismus ein Mangel sein soll? Und wie ist es mit stark geistig Eingeschränkten und Säuglingen, also wären sie dann weniger gute Menschen?
Bei einer Schnittverletzung durch ein Messer ist die Verletzung selbst der Mangel, der Schmerz jedoch ist seiend. Würde der Schmerz nach einer Verletzung nicht da sein, wäre dies ein größerer Mangel, da es zum biologisch-sinnlichen Sein gehört, auf Verletzungen mit Schmerzen zu reagieren.
Bei Krankheiten durch fremde Organismen ist die Krankheit der Mangel des Trägers. Die Krankheit des Trägers wiederum ist das Gut des fremden Organismus.
Bei der Frage, ob jemand ein guter Mensch ist, muss als Voraussetzung klar sein, was der Mensch überhaupt ist. Wenn ich wissen will, was der Mensch ist, muss ich den Menschen auf eine Gattung zurückführen und ihn von anderen Arten derselben Gattung unterscheiden können. Der Mensch ist seiner Gattung nach, ein sinnliches Lebewesen. Sinnliche Lebewesen sind jedoch auch alle Tiere. Was den Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet, ist seine Rationalität (siehe „Was ist der Mensch?“). Die Rationalität ist dasjenige, wodurch der Mensch Verstand und Willen hat, und somit auch dasjenige, wodurch der Mensch ein moralisches Wesen ist. Kein Tier ist ein moralisches Wesen. Die Moral hebt den Menschen vom Tier ab und bestimmt die eigentliche Güte seines Wesens. Die Frage danach, ob jemand ein guter Mensch ist, ist die Frage danach, ob jemand ein moralisch guter Mensch ist. Wenn ich wissen will, ob jemand in einer bestimmten Hinsicht ein guter Mensch ist, kann dies jeden möglichen Wirklichkeitsbereich des Menschen betreffen. Wenn jedoch allgemein gefragt wird, ob jemand ein guter Mensch ist, betrifft das den moralischen Wirklichkeitsbereich des Menschen.
Wenn ich etwas über die allgemeine Güte eines Menschen wissen möchte, ist eine Voraussetzung, dass der Mensch moralisch relevante Tätigkeiten setzt. Die moralischen Akte können dann dem Sein der Moral entsprechen oder einen Mangel an Moral darstellen. Wenn jedoch ein Mensch nicht dazu imstande ist, moralisch relevante Tätigkeiten auszuführen, betritt dieser Mensch den moralischen Wirklichkeitsbereich erst gar nicht. Er kann dann nicht mehr oder weniger moralisch gut oder schlecht handeln, sondern er hat in diesem Fall überhaupt nicht die Befähigung dazu, moralisch gut oder schlecht zu sein. Bei stark geistig Eingeschränkten kann dies der Fall sein. Unabhängig davon, ob eine stark geistig eingeschränkte Person den moralischen Wirklichkeitsbereich betreten kann oder nicht, ist und bleibt sie eine vollständige menschliche Person und hat aufgrund dessen eine unantastbare Würde.
Bei der Frage, ob ein Säugling ein guter Mensch ist, muss man wissen, dass es zum Wesen des Menschen gehört, eine Entwicklung zu durchlaufen. Das heißt, dass es Entwicklungsstadien gibt, bei denen es zum Wesen des Menschen gehört, zu gewissen Akten noch nicht fähig zu sein, anders als wie in späteren Entwicklungsstadien. Wenn ein Säugling also nicht dem Entwicklungsstadium entspricht, den ein Erwachsener durchläuft, heißt dies nicht, dass der Säugling ein schlechter Mensch ist. Also sind auch Säuglinge keine weniger guten Menschen.
Da oft nicht nur das Wesen von etwas nicht bekannt ist, sondern vor allem nicht, inwieweit etwas seinem Wesen entspricht, kann oft auch nicht der Grad an Gutsein von etwas bestimmt werden.
Ist der Mangel als Ursache seiend?
Der Mangel kann scheinbar als Ursache angesehen werden, was durch folgende Beispiele veranschaulicht werden soll: Bei einer Verletzung ist der Mangel an körperlicher Unversehrtheit Ursache für die aktiven Heilungskräfte des Körpers. Bei einem Stuhl mit nur drei Beinen ist das Fehlen des vierten Beines Ursache dafür, dass die Person, die sich soeben auf ihn gesetzt hat, mit ihm zu Boden fiel. Bei einem Blinden ist der Mangel des Sehens Ursache dafür, dass der Blinde beim Gehen vor einen Laternenmast läuft.
Den Mangel in der soeben vollzogenen Weise als Ursache und somit als seiend anzusehen, ist nur in unserem Bewusstsein möglich. In der Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins ist es dem Mangel nicht möglich, Ursache für irgendetwas zu sein, weil er selbst nicht ist, er ist ja die Abwesenheit von etwas. Die Ausdrücke „Mangel an Sein“ und „Abwesenheit von etwas“ sind selbst nur in unserem Bewusstsein und in unserer Ausdrucksweise, also informativ etwas und somit seiend. Sie bezeichnen inhaltlich jedoch nichts Reales, da alles Reale seiend ist. In unserem Bewusstsein sind diese Ausdrücke jedoch eine hilfreiche Unterstützung zum schnelleren Verständnis von Sachverhalten.
In der Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins ist nicht der Mangel an körperlicher Unversehrtheit die Ursache für die aktiven Heilungskräfte des Körpers, sondern der Körper selbst, dem es natürlich ist, bei einem Mangel an Gesundheit oder Unversehrtheit Heilungskräfte zu aktivieren. Der Mangel als Auslöser ist nur in unserem Bewusstsein eine Betrachtungsweise. In Wirklichkeit ist nämlich nicht der Mangel der Auslöser, sondern, je nachdem, z.B. ein Messer, Viren oder zu viel Sonnenlicht, also dasjenige, was den Mangel bewirkt hat.
Bei dem dreibeinigen Stuhl ist nicht das Fehlen des vierten Beines Ursache für den Sturz, sondern physikalische Gesetzmäßigkeiten, wie die der Gravitation in Kombination mit der Massenverteilung des Körpers auf der Sitzfläche des Stuhls. Bei dem Blinden ist die Ursache dafür, dass er vor einen Laternenmast lief, die, dass er sich entschied, eine Strecke zu gehen, auf der sich zufällig ein Laternenmast befand. Bei der Programmierung eines Systems, bei dem ein bestimmter Vorgang eingeleitet werden soll, wenn über eine bestimmte Dauer nichts passiert, ist nicht das Nichts die Ursache für den eingeleiteten Vorgang, sondern die Programmierung. Die Programmierung sieht vor, dass der bestimmte Vorgang nach der festgelegten Dauer eingeleitet werden soll, außer, es passiert in der Zwischenzeit etwas.
Es ist zulässig, als Vereinfachung für uns in unserem Bewusstsein den Nahrungsmangel als Ursache für den Tod durchgehen zu lassen. In der Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins ist es jedoch genau umgekehrt. Nicht der Mangel an Nahrung ist die Ursache für den Mangel an Leben, sondern die Nahrung ist (Mit-)Ursache fürs Leben. Wenn die Nahrung als notwendige Ursache fürs Leben ausbleibt, bleibt auch die Wirkung – nämlich zu leben – irgendwann aus.
Es ist auch zulässig, als Vereinfachung zu behaupten, dass Lasterhaftigkeit unglücklich macht. Dabei ist es auch hier genau umgekehrt. Die Tugendhaftigkeit macht glücklich. Wenn die Tugend fehlt, bleibt auch ihre Wirkung – das Glück – aus.
Wenn jemand durch die Lüge eines anderen gekränkt wird, ist auch hier die Lüge als moralischer Mangel nicht die Ursache des Gekränktseins. Die Ursache des Gekränktseins ist auf Seiten des Lügners die Lüge. Jedoch nicht als moralischer Mangel, sondern als seiender Informationsgehalt. Der Mangel an Wahrheit der Informationen wird als Lüge vom Gekränkten erkannt. Die Erkenntnis führt in Kombination mit der Erwartungshaltung, nicht belogen werden zu wollen, auf Seiten des Gekränkten zur Kränkung. Hier beeinflusst die Stärke der Erwartungshaltung, sei sie bewusst oder unbewusst, den Grad des Gekränktseins. Stark etwas wollen zu können, ist ein Gut. Dazu ist die Erkenntnis des Gekränkten, belogen worden zu sein, selbst seiend, auch wenn der Inhalt der Erkenntnis, die Lüge, ein moralischer Mangel ist.
Bezogen auf Leid, welches zum moralischen Gutsein motiviert, ist es nicht anders: Hier ist es nicht das Leid als Mangel, welches die Ursache für moralisch gute Handlungen ist. Will man das Verhältnis hier genau bestimmen, muss man auf konkrete Beispiele schauen, da sowohl das Leid sehr vielfältig ist als auch die möglichen daraus resultierenden moralisch guten Handlungen umfangreich sein können.
Bei allen Fällen, in denen in unserem Bewusstsein das Nichts oder der Mangel als Ursache angenommen wird, gibt es reale Entsprechungen, in denen nicht das Nichts oder der Mangel die Ursache ist, sondern etwas Seiendes. Sicherlich sind jedoch zahleiche Fälle vorhanden, in denen es nicht leicht ist, herauszufinden, was die reale Entsprechung ist.
Das Gute und das Begehren des Menschen
Es ist eine Tatsache, dass der Mensch eine Vielzahl von Dingen hat, die er begehrt und erstrebt. Darüber hinaus ist es auch eine Tatsache, dass die Dinge, welche ein Mensch erstrebt und begehrt, sich oft nicht nur vom Erstrebten und Begehrten anderer Menschen unterscheiden, sondern einander sogar widersprechen. Nehmen wir zur besseren Veranschaulichung ein paar Beispiele:
Es gibt Menschen, die Reichtum und Einfluss begehren. Andere begehren es, eine Familie zu haben bzw. zu gründen oder als Menschen tugendhaft zu sein. Wieder andere begehren es, sich zu prostituieren, Filme und Serien zu schauen, eine Arbeit zu haben, keine Arbeit zu haben oder Menschen zu ermorden.
Dies sind ein paar Beispiele dafür, was der Mensch zu begehren und zu erstreben imstande ist. Natürlich kann ein Mensch auch mehrere der Beispiele zugleich begehren oder erstreben. Inwiefern stehen diese Gegenstände des Begehrens nun in Beziehung zu dem, was gut und schlecht ist?
Jeder Mensch hat einen Grund oder eine Motivation dafür, etwas zu begehren. Mit „begehren“ ist hier etwas Aktives gemeint, also das, was der Mensch will. Natürlich kann der Mensch sich auch von etwas angezogen fühlen und insofern passiv zum Gegenstand des Begehrens stehen. Die passivere Variante des Begehrens wird weiter unten im Abschnitt aufgegriffen. Im Folgenden wird auf die aktive Variante des Begehrens eingegangen. Also zurück. Wenn der Mensch etwas willentlich begehrt, gibt es einen Grund oder eine Motivation dafür. Andernfalls würde der Mensch nichts wollen können. Ein Grund oder eine Motivation ist die Befähigung für den Menschen, überhaupt etwas wollen zu können. Jeder Grund und jedes Motiv des Wollens sind etwas Gutes. Der Mensch kann nur insofern etwas wollen, als etwas gut ist. Das, was der Mensch will, will der Mensch, insofern es gut ist. Das Gute ist somit die Befähigung für den Menschen, etwas wollen zu können, und der Gegenstand des Wollens ist immer etwas Gutes. Das heißt natürlich nicht, dass der Mensch immer etwas moralisch Gutes will oder dass ein nichtmoralisches Gut nicht auch zugleich moralisch schlecht sein kann. Wir haben bereits weiter oben gesehen, dass die Wirklichkeit umfangreich und nicht eindimensional ist. Jeder Seinsebene und jeder Seinsart entspricht eigenes Gutsein. Etwas Physikalisches kann von Biologischem unterschieden werden, und Soziales kann von Moralischem unterschieden werden. Etwas physikalisch Gutes muss nicht biologisch gut sein, etwas sozial Gutes muss nicht moralisch gut sein, etwas erotisch Gutes muss nicht freundschaftlich gut sein, und ein Gut in künstlerischer Hinsicht muss kein Gut in ontologischer Hinsicht sein.
Die Frage nach dem „Warum“ oder Motiv einer Handlung ist die Frage nach dem Gut einer Handlung. Das Gut kann von außen oft nicht genau bestimmt werden. Beispielsweise kann bei der Absicht des moralisch verwerflichen Akts der Ermordung eines Menschen das Gut sein, dass man Triebe oder Emotionen befriedigen will, oder man will ausschließen, dass der zu Ermordende andere Menschen verletzt, oder man will dadurch die Freundschaft einer anderen Person erlangen.
Das Gut bei der Absicht des reich und einflussreich werden Wollens kann sein, dadurch anderen Menschen zu helfen. Dies wäre ein moralisches Gut. Es kann aber auch sein, dass man reich und einflussreich werden will, um anderen Menschen überlegen zu sein, sie dadurch ausnutzen zu können und anderen Menschen Leid zuzufügen. Das Gut dieser Absicht wäre finanzielle und soziale Macht. Zugleich ist diese Absicht jedoch moralisch schlecht. Sie ist zutiefst egoistisch und eventuell sogar hasserfüllt.
Gehen wir nun auf die passivere Variante des Begehrens ein. Sie besteht darin, dass sich der Mensch passiv zu etwas hingezogen fühlt und etwas begehrt, was sich in Gefühlen ausdrückt. Wir fassen diese Variante des Begehrens mit dem Ausdruck „sinnliches Begehren“ zusammen.
Hier eine kurze Anmerkung für die Fachkundigeren: Der Begriff „sinnliches Begehren“ bezieht sich in diesem Artikel lediglich auf einen Teil dessen, was klassisch unter dem sinnlichen Begehrungs-/Strebevermögen verstanden wird. Zum einen schließt er die (Selbst- und Arterhaltungs-) Triebe aus und zum anderen bezieht er sich nur auf die Bewegung des sinnlichen Strebevermögens zu einem Gut hin. Unter „sinnliches Begehren“ sind also nur positive sinnliche Gefühle bzw. Emotionen gemeint.
Die Passivität des sinnlichen Begehrens besteht darin, dass der Mensch dieses Begehren hat, ohne es zu beabsichtigen, also unabhängig davon, ob er dieses Begehrte willentlich begehrt oder nicht. Das heißt, das sinnliche Begehren ist ohne Motiv oder bewussten Grund. Die eine Person begehrt sinnlich z.B. besonders Äpfel und Kakis und die andere Person Pfannkuchen und Nudeln. Oder die eine Frau begehrt sinnlich besonders große und extrovertierte Männer und die andere Frau eher kleine, ruhige und in sich gekehrte Männer.
Dies führt dazu, dass das Verhältnis zwischen dem Guten und sinnlichem Begehren anders ist als zwischen dem Guten und dem willentlichen Begehren. Beim Gut des sinnlichen Begehrens kommt es nicht darauf an, was sinnlich begehrt wird, sondern wie stark es begehrt und bei Vereinigung genossen wird. Das Gut des sinnlichen Begehrens besteht in der Stärke sowohl des Begehrens als auch, beim Besitz bzw. bei der Vereinigung, des Genusses. Der Gegenstand sinnlichen Begehrens ist dann als Gegenstand sinnlichen Begehrens gut, wenn er den Menschen dazu bringt, ihn stark zu begehren und bei Vereinigung zu genießen. Das Verhältnis zwischen dem Guten und dem willentlichen Begehren bestand darin, dass der Gegenstand des Willens das Gute, das allgemeine Gute ist. Mit allgemeinem Guten ist gemeint, dass das Gut des willentlichen Begehrens nicht auf einen Wirklichkeitsbereich oder eine Gutseinsart beschränkt oder festgelegt ist. Der Gegenstand des Willens als das Gut des Willens kann alles Mögliche sein. Das Gut des sinnlichen Begehrens ist nicht, wie beim willentlichen Begehren, der Gegenstand des Begehrens, sondern ein Gefühl. Es ist auf einen Wirklichkeitsbereich beschränkt und festgelegt, nämlich auf den Wirklichkeitsbereich der Gefühle.
Hier eine kurze Gegenüberstellung unserer beiden Arten menschlichen Begehrens:
Das sinnliche Begehren besteht in Gefühlen, ist passiv und Ausdruck unserer emotionalen Individualität. Das Ziel sinnlichen Begehrens ist das Empfinden von Gefühlen, aufgrund dessen sind das Gut sinnlichen Begehrens die Gefühle. Beim sinnlichen Begehren ist der Gegenstand um der Gefühle wegen.
Das willentliche Begehren besteht in Entscheidungen, ist aktiv und Ausdruck unserer moralischen Individualität. Das Ziel willentlichen Begehrens ist der Besitz des Gegenstands, aufgrund dessen das Gut willentlichen Begehrens sein Gegenstand ist. Beim willentlichen Begehren sind die Entscheidungen um der Gegenstände des Willens wegen.
Zum Ende des Abschnitts gehen wir auf die Objektivität und Subjektivität des Gutes beider Arten menschlichen Begehrens ein. Das Gut des willentlichen Begehrens ist objektiv. Es muss in der Realität existieren, damit der Mensch sich darauf richten kann. Das Gut des willentlichen Begehrens kann es sogar sein, sinnlich zu begehren, bzw. positiv zu fühlen. Der Wirklichkeitsbereich der Gefühle kann zum Gegenstand willentlichen Begehrens werden. Das Gut des sinnlichen Begehrens ist subjektiv, und zwar insofern, als es zum einen davon abhängig ist, die Dauer seiner Existenz über empfunden zu werden, und zum andern, weil es von Person zu Person unterschiedlich ist, durch welche Gegenstände es erreicht wird. Die eine Person z.B. begehrt es sinnlich, Sport zu machen, und hat eine Abneigung gegen Musikmachen, und die andere Person begehrt es sinnlich, Musik zu machen, und hat eher eine Abneigung gegen Sport.
Die beiden Arten des menschlichen Begehrens bestätigen die Objektivität der Wirklichkeit von Gut und Schlecht. Zunächst einmal ist es objektiv, dass das Gut des sinnlichen Begehrens in der eben beschriebenen Hinsicht subjektiv ist. Außerdem wurde aufgezeigt, dass das Gut des sinnlichen Begehrens die Gefühle sind. Die Existenz von Gefühlen ist allerdings objektiv, sie werden lediglich subjektiv empfunden. Die objektive Existenz der Gefühle im Subjekt ist Voraussetzung dafür, sie subjektiv empfinden zu können. Selbst wenn man behaupten würde, dass die Existenz der Gefühle subjektiv sei, würde es objektiv sein müssen, dass die Existenz der Gefühle subjektiv sei. Dies reicht zur Bestätigung der Objektivität von gut und schlecht, da es selbst in diesem Fall objektiv sein müsste, dass es in diesem Wirklichkeitsbereich gut ist, wenn die subjektive Existenz subjektiven sinnlichen Begehrens und Genießens stark ist. Darüber hinaus ist es objektiv, dass das Gut des sinnlichen Begehrens in Gefühlen besteht.
Dass das willentliche Begehren die Objektivität der Wirklichkeit von gut und schlecht bestätigt, ist aus den Ausführungen dieses Abschnitts unmittelbar ersichtlich.
Vertiefung in das Gutsein von Substanzen
Einige der Inhalte des Artikels „Was ist der Mensch?“ werden in diesem Abschnitt als bekannt vorausgesetzt. Diese sind das Wissen über den Substanzbegriff und über immanente Tätigkeiten. Weiter oben haben wir bereits festgestellt, dass die Güte vom Grad des Seins abhängt. Dies gilt auch für Substanzen. Je mehr eine Substanz seiend ist, umso besser. Den Grad des Seins bei Substanzen kann man in zwei verschiedene Hinsichten unterscheiden. Die eine Hinsicht haben wir vom Ansatz her bereits weiter oben kennengelernt und wenden sie nun auf Substanzen an. Sie besteht darin, dass eine Substanz dem Wesen ihrer Substanzart mehr oder weniger entsprechen kann. Ein tugendhafter Mensch entspricht dem Wesen des Menschseins mehr als ein lasterhafter Mensch. Eine Buche, die schnell in die Höhe und Breite wächst, viel Photosynthese betreibt und reichlich Samen produziert, entspricht dem Buchensein mehr als eine Buche, auf die das Gegenteil zutrifft. Je mehr eine Substanz dem Wesen der jeweiligen Substanzart entspricht, umso höher ist ihr Grad an Gutsein. Es ist also möglich, den Grad an Gutsein zweier Substanzen derselben Art zu untersuchen.
Die andere Hinsicht davon, den Grad des Seins zu bestimmen, besteht darin, Substanzarten übergreifend Vergleiche anzustellen. Man kann nicht nur zwei Menschen oder zwei Buchen zueinander in Beziehung setzen, sondern es ist auch möglich, Menschen mit Buchen, Hunde mit Steinen oder Pflanzen mit Tieren zu vergleichen. In „Was ist der Mensch?“ haben wir bereits eine Klassifikationsmöglichkeit von Substanzen kennengelernt, deren Unterscheidungskriterium der Vollkommenheitsmaßstab von Substanzgattungen ist. Dieses war die Immanenz. Verschiedene Substanzgattungen können unterschiedlich hohe Grade an Immanenz aufweisen. Je höher der Grad an Immanenz, umso höher der Grad an Gutsein, Güte oder Vollkommenheit einer Substanzgattung. Daraus ergibt sich folgende aufsteigende Reihenfolge: anorganische Substanzen < vegetative Substanzen < sinnliche Substanzen < rationalbegabte Substanzen. Dieser Vollkommenheitsmaßstab ist allerdings recht grob. Es ist nicht möglich, feinere Unterscheidungen mit ihm vorzunehmen, wie etwa zwischen Hund und Katze.
Es gibt einen weiteren Substanzarten übergreifenden Vollkommenheitsmaßstab, und zwar den der Seinsmöglichkeiten einer Substanz. Die erste Hinsicht, den Grad an Güte einer Substanz zu bestimmen, war der, dass überprüft wurde, inwieweit eine Substanz dem Wesen der zugehörigen Substanzart entsprach. Wir haben festgestellt, dass Substanzen mehr oder weniger dem Wesen der eigenen Substanzart entsprechen können. Jetzt ist es so, dass die Möglichkeit, dem Wesen der eigenen Substanzart mehr oder weniger stark entsprechen zu können, verschieden hoch sein kann. Es gibt Substanzen, die dem Wesen der eigenen Substanzart zu einem hohen Grad nicht entsprechen können. Es gibt Substanzen, die dem Wesen der eigenen Substanzart nur zu einem geringen Grad nicht entsprechen können. Es gibt Substanzen, die dem Wesen der eigenen Substanzart überhaupt nicht nicht entsprechen können. Je höher die Möglichkeit, dem Wesen der eigenen Substanzart nicht entsprechen zu können, umso höher die Seinsmöglichkeiten einer Substanz. Bei anorganischen Substanzen besteht nicht die Möglichkeit, dem Wesen anorganischer Substanzen mehr oder weniger stark zu entsprechen. Bei vegetativen Substanzen besteht die Möglichkeit, dem Wesen vegetativer Substanzen mehr oder weniger stark zu entsprechen. Die Möglichkeit vegetativer Substanzen, ihrem Wesen mehr oder weniger stark zu entsprechen, besteht in vegetativen Tätigkeiten. Bei sinnlichen Substanzen besteht zu einem höheren Grad die Möglichkeit, dem Wesen sinnlicher Substanzen mehr oder weniger stark zu entsprechen. Die Möglichkeit sinnlicher Substanzen, ihrem Wesen mehr oder weniger stark zu entsprechen, besteht in sinnlichen und vegetativen Tätigkeiten. Bei rationalbegabten Substanzen besteht der höchste Grad an Möglichkeiten, dem Wesen rationalbegabter Substanzen mehr oder weniger stark zu entsprechen. Die Möglichkeit rationalbegabter Substanzen, ihrem Wesen mehr oder weniger stark zu entsprechen, besteht in rationalen, sinnlichen und vegetativen Tätigkeiten.
Das Ergebnis dieses zweiten Vollkommenheitsmaßstabs von Substanzarten ist dieselbe, wie das des ersten: anorganische Substanzen < vegetative Substanzen < sinnliche Substanzen < rationalbegabte Substanzen. Dieser Vollkommenheitsmaßstab ist allerdings ebenfalls recht grob. Er unterstützt lediglich bestätigend die Ergebnisse des ersten Vollkommenheitsmaßstabs.
Unterschiede des Gutseins von Substanzen und Artefakten
Vorausgesetzt werden auch hier Inhalte aus dem Artikel „Was ist der Mensch?“ und zwar die, in denen es um Substanzen und Artefakte geht. Die Ausdrücke „Wesen“, „Wesenheit“ und „Form“ werden hier synonym verwendet.
Wir haben bereits gelernt, dass das Gutsein in der Entsprechung zum Wesen einer Sache besteht. Bei Substanzen in der Entsprechung zum Wesen der Substanzart, der eine Substanz zugerechnet wird. Doch was ist eigentlich eine Substanzart? Gibt es real überhaupt Substanzarten, oder sind nicht alle Individuen vielmehr artenlos und völlig verschieden von allen anderen? Im Folgenden wird auf diese Fragen, in zwei kurzen Schritten, näher eingegangen. Im ersten Schritt wird dargelegt, dass es so etwas wie Wesenheiten, Naturen bzw. Formen gibt. Dies wird übrigens ausführlicher im Artikel „Was ist der Mensch?“ dargelegt. Im zweiten Schritt wird durch den Wesenheitsbegriff der Substanzartenbegriff gebildet.
Voraussetzung für den ersten Schritt ist die Anerkennung, dass es in Individuen etwas Unveränderliches und Gleichbleibendes gibt. Ein Mensch im Alter von drei Jahren ist z.B. dieselbe Person wie im Alter von fünfzig Jahren. Oder die Kontinuität der Einheit, welche mit einem beliebigen Baum identifiziert wird, begründet z.B. einen unveränderlichen und gleichbleibenden Teil im Baum. Demnach muss es etwas geben, wodurch ein Individuum über die Dauer seines Bestehens in gewisser Weise gleich bleibt, unveränderlich oder eine bestimmte Einheit ist. Dasjenige, wodurch eine Substanz über die Dauer ihres Bestehens dieselbe Substanz bleibt, ist dasjenige, was auch als Wesen, Wesenheit, Natur oder Form bezeichnet wird.
Der zweite Schritt setzt die Anerkennung dessen voraus, dass Individuen zueinander einen unterschiedlich hohen Grad an Gemeinsamkeiten aufweisen können, z.B. weist das, was man zwei Fische nennt, größere Gemeinsamkeiten auf als das, was man Fisch und Vogel nennt. Dasjenige, wodurch es möglich ist, dass Individuen einen unterschiedlich hohen Grad an Gemeinsamkeiten aufweisen können, ist ebenfalls das Wesen der Individuen. Die größtmöglichen Grade an Gemeinsamkeiten mehrerer Individuen setzen für ihre Gemeinsamkeiten das gleiche Wesen, die gleiche Wesenheit, Natur oder Form voraus. Unabhängig vom Grad werden Gemeinsamkeiten zwischen Individuen von dem, was ein Individuum ist (nämlich eine Substanz) und nicht von dem, was ein Individuum hat (nämlich Akzidentien – mehr hierzu siehe „Was ist der Mensch?“), durch Gemeinsamkeiten im Wesen der Individuen begründet. Eine Substanzart ist die Summe aller Substanzen mit der gleichen Wesenheit.
Hier eine kurze Randbemerkung: Oft werden die Begriffe „Wesen“ und „Wesenheit“ insofern unterschieden, als dass die Wesenheit die Abstraktion bezeichnet, die allen Individuen einer Art zukommt, wohingegen das Wesen (bzw. die Form) die konkrete Instanziierung oder Verwirklichung (bzw. das konkrete Enthaltensein) der allgemeinen Wesenheit in einem bestimmten Individuum meint. Um thematisch jedoch nicht auszuufern und den Lesern einen schnelleren Zugang zu gewährleisten, findet diese Unterscheidung hier keine Beachtung.
Schauen wir uns anhand der Beispiele von Fischen und Vögeln an, inwiefern Individuen Wesenheiten haben. Es gibt eine zahlreiche Anzahl von Fischen und Vögeln. Es gibt an Fischen z.B. Forellen, Hechte und Walhaie. An Vögeln gibt es z.B. Finken, Papageien und Geier. Eine Forelle hat das Wesen einer Forelle, ein Hecht hat das Wesen eines Hechtes und ein Walhai hat das Wesen eines Walhais. Die Wesenheiten von Forellen, Hechten und Walhaien schließen alle jeweils das Wesen des Fisches und das Wesen des Tieres mit ein. Es gibt kein individuelles Tier, das nur Tier ist, ohne z.B. ein bestimmter Fisch, ein bestimmter Vogel oder irgendein anderes bestimmtes Tier zu sein. Das gleiche gilt für die Wesenheit Fisch. Es gibt keinen konkreten Fisch, der nicht z.B. eine bestimmte Forelle, ein bestimmter Hecht oder Walhai ist. Das konkrete Wesen eines bestimmten Individuums schließt die allgemeineren Wesenheiten in sich ein. Finken, Papageien und Geier haben zur jeweiligen Wesenheit eines Finken, Papageien und Geiers noch alle gemeinsam die Wesenheit des Vogels und mit allen Fischen zusammen die Wesenheit des Tieres. Kein Individuum hat mehrere Wesenheiten, sondern die eine Wesenheit schließt in sich die allgemeineren Wesenheiten ein. Daher kommen auch die Gemeinsamkeiten zwischen Individuen. Dass zwei Finken ihren hohen Grad an Gemeinsamkeiten haben, setzt voraus, dass sie beide jeweils die Wesenheit von Finken haben. Dass eine Forelle und ein Hecht ihren Grad an Gemeinsamkeiten haben, setzt voraus, dass das Wesen der Forelle und das Wesen des Hechts in sich das Wesen des Fisches einschließen. Dass ein Papagei und ein Walhai ihren Grad an Gemeinsamkeiten haben, setzt voraus, dass ihre jeweiligen Wesenheiten die Wesenheit des Tierseins einschließen. Man kann sogar noch weiter gehen: Die Gemeinsamkeiten eines Gänseblümchens und eines Schäferhundes setzen voraus, dass ihre jeweiligen Wesenheiten die Wesenheit des Lebewesens einschließen. Die Gemeinsamkeiten eines Minerals und eines Menschen setzen voraus, dass ihre jeweiligen Formen mit Materie eine substanzielle Einheit bilden.
Aus dem Dargelegten geht hervor, dass es Wesenheiten in den Individuen bzw. Substanzen gibt. Wesenheiten sind von Natur aus in den Substanzen, unabhängig, ob es vom Menschen erkannt wird oder inwieweit es erkannt wird.
Die bisherige Formulierung, dass das Gutsein bei Substanzen in der Entsprechung zum Wesen der Substanzart, der eine Substanz zugerechnet wird, besteht, ist genutzt worden, um den Inhalt leichter zugänglich zu machen. Man kann die Formulierung auch wie folgt verkürzen: Das Gutsein einer Substanz besteht in der Entsprechung zu seinem Wesen.
Das, was bisher über das Wesen von Substanzen gesagt wurde, hat notwendig zur Folge, dass der Substanz ihr Wesen innerlich ist. Das Wesen ist Bestandteil der Substanz. Die Substanz in sich betrachtet, enthält ihr Wesen. Bei Artefakten ist dies etwas anders. Artefakte sind vom Menschen gemacht, um sie nutzen zu können. Sie sollen das Leben von Menschen erleichtern. Artefakte bestehen aus einer oder mehreren Substanzen. Das Wesen des Artefakts ist abhängig von einem äußeren Gebraucher oder Nutzer des Artefakts. Das Wesen des Artefaktseins besteht also mit darin, dem Menschen auf bestimmte Weise nützlich zu sein. Hat ein Artefakt die Möglichkeit des Nutzens für den Menschen verloren, ist es kein Artefakt mehr, z.B. eine kaputte Schnalle. Es ist dann die Substanz bzw. Summe der Substanzen, aus de(r)nen es besteht, ohne die Möglichkeit des Nutzens. Sobald die kaputte Schnalle repariert ist, ist sie wieder ein Artefakt. Das Ding in sich betrachtet, welches das Artefakt ist, ist immer die Summe der Substanzen. Jede Eigenschaft eines Artefakts, in sich betrachtet, ist die Eigenschaft der Substanz-/en, aus denen das Artefakt besteht, z.B. ist die Härte eines Computers die Eigenschaft der Metall Substanzen des Computers. Das Wesen des Artefakts ist das Ding bzw. sind die Substanzen, welche das Artefakt sind, äußerlich betrachtet, z.B. die Anordnung der Substanzen eines Computers, durch welche die Funktionen eines Computers zustande kommen. Wenn jemand wissen will, was ein bestimmtes Artefakt ist, bezieht sich diese Frage auf etwas Äußerliches. Die Funktionen eines Computers sind den Substanzen eines Computers äußerliche Tätigkeiten. Das Wesen eines Artefakts entsteht aus den Substanzen, aus denen es besteht. Das Wesen der Substanz ist ein Teil dessen, woraus sie besteht. Das Wesen des Artefakts ist nicht dasjenige, woraus es besteht. Das Wesen des Artefakts ist eine bestimmte Anordnung dessen, woraus es besteht. Die bestimmte Anordnung des Artefakts enthält die Möglichkeit zum Nutzen des Menschen. Dasjenige, wodurch das Wesen des Artefakts aus den Substanzen, aus denen es besteht, entsteht, ist die Idee des Herstellers oder Gebrauchers. Die Idee ist selbst die bestimmte Anordnung der Substanzen hin zu einem Artefakt. Die Idee zu einem aus Substanzen bestehenden Ding macht das Ding zum Artefakt. Die Idee eines Artefakts ist das Wesen des Artefakts. Aus der Idee des Artefakts folgen die dem Menschen nützlichen Funktionen des Artefakts.
Die Funktion des Buchs ist es, Wissen zu vermitteln. Die Möglichkeit, Wissen zu vermitteln, geschieht durch die Idee des Buchs. Ist es einem Buch nicht mehr möglich, Wissen zu vermitteln, ist es kein Buch mehr. Die Funktion einer Schnalle liegt darin, Gegenstände zu verbinden, zu sichern und anzupassen. Die Möglichkeit, Gegenstände zu verbinden, zu sichern und anzupassen, existiert durch die Idee der Schnalle. Ist eine Schnalle defekt und somit unfähig, Gegenstände zu verbinden, zu sichern oder anzupassen, ist es keine Schnalle mehr. Es wäre erst dann wieder eine Schnalle, wenn sie repariert ist. Die Funktion eines Föhns ist die, einen temperatur- und stärkevariierenden Luftstrom zu bilden. Die Möglichkeit dazu, wird durch die Idee des Föhns begründet. Ist ein Föhn nicht mehr dazu in der Lage, Luft in Wallung zu bringen, ist der Gegenstand kein Föhn mehr.
Das Wesen eines Artefakts hängt auch von der Idee eines Nutzers ab und kann sich somit schnell verändern. Es ist leicht möglich, Artefakte zu zweckentfremden. Zweckentfremdete Artefakte erhalten durch den Gebraucher in der Nutzung ein verändertes Wesen im Vergleich zur Idee des Herstellers.
Das Wesen einer Büroklammer ist es, mehrere Blätter lösbar aneinander zu befestigen. Wenn eine Büroklammer so verbogen wird, dass mit ihr Bilder an der Wand befestigt werden können, hat sie ihr altes Wesen verloren und ein neues Wesen bekommen. Das Wesen von Kleidungsstücken ist es, jemanden zu bekleiden. Wird ein Kleidungsstück als Putzlappen genutzt, erhält die Idee des Herstellers am Gegenstand noch die Idee des Nutzers hinzu. Es ist somit vom Wesen her Kleidungsstück durch die Idee des Herstellers als auch Putzlappen durch die Idee des Nutzers.
Im Gegensatz zu Artefakten sind die Funktionen biologischer Substanzen immanent statt transitiv (siehe „Was ist der Mensch?“). Die biologischen Funktionen sind selbstständig. Sie benötigen zwar Energie von außen, doch diese wird selbstständig durch die biologische Substanz aufgenommen und sogar in die biologische Substanz umgewandelt. Darüber hinaus liegen die Ziele biologischer Funktionen in der biologischen Substanz selbst, wie z.B. das der Selbsterhaltung.
Die Funktionen von Artefakten sind dagegen unselbständig. Zum Beispiel können die Funktionen eines Computers selbst bei einem plötzlichen Aussterben aller Menschen nur so lange weiterlaufen, wie der Mensch vor seinem Aussterben dafür gesorgt hat, dass der Computer Energie zur Verfügung hat. Selbst wenn der Computer sich selbst mit Energie versorgen könnte, könnte er dies nur durch den Menschen. Außerdem bleibt die Energie während der Nutzung durch den Computer immer etwas vom Computer Verschiedenes. Darüber hinaus liegen die Ziele der Funktionen von Artefakten in etwas vom Artefakt Verschiedenem.
Immanente Funktionen finden innerhalb eines Etwas statt. Bei nicht immanenten (transitiven) Funktionen wirkt Verschiedenes aufeinander ein. Immanente Funktionen sind inneres Tätigsein, und transitive Funktionen sind äußeres Tätigsein.
Fassen wir nun zusammen. Das Wesen des Artefakts besteht in der Idee des Herstellers oder auch Gebrauchers. Die Entsprechung zu dieser Idee ist das Gutsein des Artefakts. Die Idee ist etwas Äußeres an einer oder mehreren Substanzen. Das Gutsein des Artefakts ist also äußerlich. Darin besteht der Unterschied zum Gutsein von Substanzen. Das Wesen von Substanzen ist den Substanzen nämlich innerlich. Das Gutsein von Substanzen ist innerlich.
Offene Fragen
In diesem Abschnitt wollen wir uns dem Thema der offenen Fragen an die Metaphysik von gut und schlecht zuwenden. Durch die vorigen Abschnitte ist bereits auf wichtige Inhalte eingegangen worden, die sowohl zu einem tieferen Verständnis des Guten und Schlechten führen als auch eine Antwort auf zahlreiche Einwände darstellen, die erhoben werden können. Dennoch können Missverständnisse nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden und sich aus dem Weiterdenken der Ausführungen neue Fragen ergeben. Wenn es uns auch nicht möglich ist, ohne den Rahmen zu sprengen auf alle Punkte einzugehen, wollen wir hier einen wichtigen und noch offenen Punkt thematisieren.
Wir beginnen unser Thema mit einem kleinen Gedankenexperiment: Stellen wir uns mal eine Welt vor, in der es nur einen einzigen Stein gibt. Es gibt dort keine Pflanzen, Tiere, Menschen, weitere Steine oder sonstiges. Diese Welt enthielte dann die Güte des Seins eines Steines. Stellen wir uns nun vor, dass diese Welt einen weiteren Stein hinzugewänne. Die Folge dessen wäre, dass die Welt um die Güte eines weiteren Steines reicher geworden ist. Doch wie sieht dieses Reicher-geworden-Sein an Güte aus? Worin besteht die Weise des Mehrwerdens an Güte? Da dasjenige, was an Güte hinzugekommen ist, die gleiche Qualität hat wie das, was bereits da war, ist das Wachstum an Güte ein quantitatives Wachstum gewesen. Die Qualität an Güte vor und nach dem Hinzukommen des zweiten Steines ist unverändert. Dies würde sich auch dann nicht ändern, wenn noch hundert, tausend oder Milliarden weiterer Steine hinzukämen. Die Qualität an Güte in der Welt bliebe dieselbe, lediglich die quantitative Güte würde mehr.
Wenn wir uns nun vorstellen, dass die Welt eine Pflanze hinzubekäme, ändert sich dies. In diesem Artikel sind wir bereits auf den Vollkommenheitsmaßstab von Substanzen eingegangen, demzufolge die Pflanzen über den Steinen stehen. Durch die Pflanze erhält unsere fiktive Welt nun eine Qualität an Güte, die durch eine unbegrenzt hohe Anzahl an Steinen nicht erreicht werden kann.
Jetzt könnte die Frage gestellt werden, ob eine Welt umso besser ist, je voller sie ist von qualitativen Substanzen. Ist eine Welt umso besser, je mehr sie an qualitativen Substanzen hat? Ist eine Welt umso besser, je mehr Pflanzen, je mehr Tiere oder je mehr Menschen sie hat?
Wir haben gelernt, dass die Güte einer einzigen bestimmten Pflanze, eines einzigen bestimmten Tieres oder eines einzigen bestimmten Menschen wachsen oder abnehmen kann. Das heißt, die Qualität an Güte eines Menschen, eines Tieres oder einer Pflanze ist variierbar. Da die Qualität zu Graden an Güte vordringen kann, die durch Quantität unerreichbar sind, steht die Qualität über der Quantität. Kehren wir nun zu unserer Frage zurück. Ist eine Welt umso besser, je mehr z.B. Pflanzen in ihr leben? Die Antwort ist ja, aber nur unter einer Voraussetzung: Die Anzahl an Pflanzen darf nicht so groß sein, dass sich die Pflanzen in ihrer Entfaltung gegenseitig behindern. Wenn die Welt so überfüllt ist von Pflanzen, dass die einzelnen Pflanzen zu wenig Raum, Nährstoffe und Sonnenlicht haben, um zu wachsen und sich zu entfalten, um also ihren Grad an Güte zu steigern, könnte die Welt besser sein, wenn weniger Pflanzen in ihr wären. Vom Prinzip her gilt dasselbe für Tiere und Menschen.
Die Selbstverwirklichung des Menschen
Wenn eine Substanz mit einem bestimmten Grad an Sein zu einem höheren Grad an Sein aufsteigt, hat sich eine Veränderung zugetragen. Der Übergang von Sein zu mehr Sein ist eine Veränderung. Um die Frage dieses Abschnitts zu klären, muss also zunächst einmal die Frage beantwortet werden, was denn Veränderung ist. Die Frage nach dem Wesen von Veränderung ist eine sehr alte Frage. Sie führt uns zu einem neuen Begriffspaar, welches von Aristoteles eingeführt wurde. Er gilt als der erste Philosoph, der eine bestimmte Erkenntnis über die Realität vollzogen hatte.
In der Antike herrschte bei einigen Philosophen die Meinung vor – die insbesondere von Parmenides vertreten wurde –, dass Veränderungen nicht möglich seien. Als Begründung führten die Philosophen an, dass etwas entweder (seiend) ist oder dass es überhaupt nicht ist. Parmenides nahm an, dass wenn es Veränderungen geben würde, etwas nicht-Seiendes seiend werden müsste. Zugleich nahm Parmenides an, dass es unmöglich sei, dass aus dem Nichts etwas entsteht. Folglich ist es richtig, dass für Veränderungen kein Platz in der Realität ist.
Aristoteles antwortete darauf mit einer Unterscheidung innerhalb der Realität, die auf der einen Seite Veränderungen zu begründen und zu erklären vermochte und gleichzeitig nicht annehmen muss, dass aus dem Nichts etwas entsteht. Diese Unterscheidung führt uns zu unserem neuen Begriffspaar. Aristoteles legte dar, dass die Realität zum einen aus dem besteht, was wirklich ist und zum anderen aus dem, was möglich ist. Aristoteles führte somit die Begriffe des Wirklichen oder des Wirklichseins und des Möglichen oder des Möglichseins ein. Alles, was es gibt, kann unterschieden werden in Wirkliches und Mögliches. Es ist z.B. wirklich, dass ich beim Schreiben dieser Zeilen vor meinem Laptop sitze. Es ist eine Möglichkeit, dass ich eine Kaki esse. Sobald ich eine Kaki esse, ist diese Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden. Gegenwärtig ist es wirklich, dass ich sitze, und möglich, dass ich stehe. Wenn es wirklich ist, dass ich sitze, kann es nicht zugleich möglich sein, dass ich sitze. In derselben Hinsicht kann etwas nicht zugleich wirklich und möglich sein. Es muss aber eines von beidem sein. Baha beherrscht der Wirklichkeit nach, das Klavierspielen einer Fortgeschrittenen entsprechend und der Möglichkeit nach einem Profi entsprechend.
Wenn Aristoteles von Möglichkeiten spricht, meint er damit jedoch keine bloß logischen Möglichkeiten, sondern reale Möglichkeiten. Eine logische Möglichkeit ist eine Möglichkeit, die als widerspruchslos und in sich kohärent in unserem Bewusstsein existiert, jedoch nicht in unserer Realität. Es ist z.B. eine logische Möglichkeit, dass unser Universum andere Naturgesetze hat. Oder es ist eine logische Möglichkeit, dass die Vergangenheit anders verlaufen wäre. Oder es ist eine logische Möglichkeit, dass Superman existiert, Menschen Superkräfte als normale Eigenschaften haben und Steine singen können. Diese logischen Möglichkeiten zeichnet aus, dass sie widerspruchslos gedacht werden können und dass von ihnen stimmige Begriffe gebildet werden können. Dies zählt übrigens nicht für alles: Wir können z.B. keinen stimmigen Begriff von einem runden Quadrat bilden und es ist keine logische Möglichkeit, dass zwei plus zwei gleich fünf ist. Auf der anderen Seite kommt logischen Möglichkeiten keine realen Entsprechungen zu. Sie bestehen lediglich in unserem Bewusstsein, nicht jedoch in der Realität. Dies unterscheidet sie von den realen Möglichkeiten, die sehr wohl Teil der bewusstseinsunabhängigen Realität sind. Diese realen Möglichkeiten sind es, die Aristoteles gemeint hat.
Alles, was ist, kann also unterschieden werden in Wirklichkeit oder (reale) Möglichkeit, und was nicht unterschieden werden kann in Wirklichkeit oder Möglichkeit, ist nicht seiend oder nicht real. Wirklichkeit und Möglichkeit sind somit Seinsprinzipien. Die Begriffe des Wirklichen und Möglichen, insofern alles Seiende in diese unterschieden werden kann, werden ab jetzt, der Einfachheit wegen, Akt und Potenz genannt. Der Akt ist das Wirkliche und die Potenz ist das Mögliche. Die Ausdrücke „Akt“ und „Potenz“ sind auch diejenigen Ausdrücke, die das Mittelalter hindurch genutzt wurden, wenn sich auf die besagte Unterscheidung von Aristoteles bezogen wurde.
Eine Eichel besteht aus dem Akt seines Wesens. Dazu hat die Eichel aktual die Farbe Braun, eine bestimmte räumliche Lage und wird aktual von der Sonne angeschienen. Dieselbe Eichel hat die Potenz, ein ausgewachsener Eichenbaum mit vielen Ästen, Blättern und Früchten zu sein. Die Eichel hat potenziell eine andere Gestalt, eine veränderte räumliche Lage und Schatten.
Alles Seiende besteht aus Akt und Potenz; alles Seiende kann unterschieden werden in Akt und Potenz; Akt und Potenz sind allumfassend. Eine kurze Andeutung soll zeigen, wie umfangreich sich die beiden Seinsprinzipien auf alles Seiende erstrecken. Im Artikel „Was ist der Mensch?“, haben wir die beiden Prinzipien stofflicher Substanzen kennengelernt, und zwar Form und Materie. Form und Materie stehen zueinander in der Beziehung wie Akt und Potenz. Der Form entspricht der Akt und der Materie die Potenz. Darüber hinaus ist es möglich, aus einer weiteren Hinsicht eine Unterscheidung alles Seienden vorzunehmen, und zwar die in Existenz und Wesenheit bzw. in Dasein und Sosein. Dasein und Sosein stehen auch zueinander in der Beziehung wie Akt und Potenz. Dem Dasein entspricht der Akt und dem Sosein die Potenz. Diese Andeutung ist inhaltlich jedoch irrelevant für diesen Abschnitt und den ganzen Artikel.
Kommen wir nun zurück zu dem, was Veränderung ist. Veränderung ist nichts anderes als der Übergang von einer Potenz hin zu einem Akt. Anders ausgedrückt ist Veränderung der Übergang von etwas potenziell Seiendem hin zum aktual Seienden, oder die Aktualisierung einer Potenz. Oder Veränderung ist der Übergang des Zustands der Potenzialität hin zum Zustand der Aktualität.
Ich habe die Potenz, eine Reise zu unternehmen, essen zu gehen, etwas gegessen zu haben, mich in meinem Garten aufzuhalten oder auch duschen zu gehen. Sobald ich eine Reise unternehme, essen gehe, etwas gegessen habe, in meinem Garten bin oder auch dusche, habe ich die Potenzen aktualisiert.
Die Selbstvervollkommnung einer Substanz ist auch eine Veränderung. Sie ist jedoch nicht allgemein eine Veränderung, sondern eine bestimmte Art der Veränderung. Um sie verstehen zu können, muss eine weitere Unterscheidung vorgenommen werden, und zwar die in aktive und passive Potenzen. Eine aktive Potenz ist eine solche, die durch den Träger der aktiven Potenz selbst aktualisiert werden kann. Beispiele hierfür sind die letzten fünf, in denen ich jeweils eine Potenz von mir selbst aktualisiert habe. Eine passive Potenz ist eine solche, die durch den Träger der passiven Potenz entweder nicht selbst aktualisiert oder nur durch aktive Potenzen des Trägers aktualisiert werden kann. Ein grauer Stein hat die passive Potenz, rot zu sein. Ein Stein kann sich nicht selbst rot machen, doch durch das Lackieren eines Menschen kann ein Stein rot werden. Eine Kaffeemaschine hat die passive Potenz, eingeschaltet zu werden, da sie sich nicht selbst einschalten kann. Eine Leinwand hat die passive Potenz, ein Gemälde zu sein. Ein Mensch hat die passive Potenz, die Haare gefärbt zu haben. Der Mensch hat jedoch in seinen aktive Potenzen die Möglichkeit, seine passiven Potenzen selbst zu aktualisieren.
Die Selbstvervollkommnung ist nur Substanzen möglich, die aktive Potenzen haben. Aktive Potenzen haben nur organische Substanzen. Die aktiven Potenzen organischer Substanzen sind deren Vermögen. Durch die Vermögen sind organische Substanzen zu Tätigkeiten fähig. Der Grad an Möglichkeiten der Selbstvervollkommnung einer Substanz ist abhängig vom Grad der Seinsmöglichkeiten einer Substanz. Die Vervollkommnung einer Substanz ist die Entfaltung oder Verwirklichung des Wesens einer Substanz bzw. die Aktualisierung des Wesens einer Substanz. Dasjenige, wodurch der Mensch sein Wesen aktualisiert, sind zum einen die seinem Wesen entsprechenden Tätigkeiten. Zum anderen sind es die seine Individualität prägenden, zu bestimmtem Tätigsein disponierenden, relativ festsitzenden Tätigkeitsqualitäten, auch Tätigkeitshabitus genannt, wenn sie zum Tätigsein disponieren, welches dem Wesen des Menschen entspricht. Die Tätigkeitshabitus sind für die Vervollkommnung wesentlicher als die Tätigkeiten. Die Tätigkeit, Klavier zu spielen, vervollkommnet den Menschen weniger als der Tätigkeitshabitus, gut Klavier spielen zu können. Tätigkeitshabitus können durch viele Tätigkeiten erworben werden. Je charakteristischer die Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus dem menschlichen Wesen sind, umso größer ihre Kraft, den Menschen zu vervollkommnen. Die dem Menschen charakteristischsten Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus sind die, welche mit dem Verstand und dem Willen in direktem Zusammenhang stehen, da der Verstand und der Wille den Menschen am grundlegendsten kennzeichnen. Hier ist es auch als einziges möglich, dem menschlichen Wesen durch Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus zu widersprechen, statt nur nicht zu entsprechen. Die den Menschen am meisten vervollkommnenden Tätigkeitshabitus sind die, welche dem Willen zugerechnet werden und dem menschlichen Wesen entsprechen. Der Grund für diese Hoheitsstellung des Willens ist die, dass er die menschliche Freiheit begründet. Die Tätigkeitshabitus des Willens werden moralische Tugenden genannt.
Auch wenn die rationalen Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus die größte Kraft haben, den Menschen zu vervollkommnen, haben die sinnlichen und körperlichen Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus auch einen starken Einfluss darauf. Die vegetativen Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus vervollkommnen den Menschen auch, und zwar automatisch, auf der vegetativen oder biologischen Ebene und ohne, dass der Mensch einen direkten oder bewussten Einfluss auf sie hat. Der Mensch hat allerdings z.B. durch das, was er an Nahrung aufnimmt, indirekten Einfluss auf sie.
Kurz werden noch zwei Einwände angeführt. Der erste Einwand bringt vor, dass es aktivistisch wäre anzunehmen, die Selbstvervollkommnung des Menschen geschähe durch Tätigkeiten und Tätigkeitshabitus. Für die Vervollkommnung des Menschen seien Zeiten der Tätigkeitslosigkeit wichtig. Darauf ist zu erwidern, dass Zeiten der Tätigkeitslosigkeit darauf abzielen, als Erholung die Leistungsfähigkeit des Tätigseins zu steigern. Darüber hinaus kann unterschieden werden zwischen aktiveren und passiveren Tätigkeiten. Gefühle z.B. sind auch eine Art des Tätigseins, welche einen eher unbewussten Ausgangspunkt haben, bewusst empfunden werden und das Verhalten auf bestimmte Weise geneigt machen. Sie zählen zum passiveren Tätigsein. Bei der Meditation und Kontemplation, welche beide wichtig sind für die Vervollkommnung, ist der Mensch übrigens hoch aktiv. In der Achtsamkeit ist man sehr aufmerksam und stark konzentriert, und zwar unabhängig davon, ob es Mühe kostet oder nicht. Das Ziel, loszulassen oder sich freizumachen, wird sowohl durch einen Willensakt gesetzt als auch durch den Willen verfolgt.
Der zweite Einwand stellt die moralische Tugend als das den Menschen am meisten Vervollkommnende infrage, und zwar zugunsten der unmittelbaren positiven geistigen Schau von Wahrheiten, die unter gewissen Umständen in tiefer Versenkung ins eigene Innerste vollzogen werden können. Dazu soll lediglich gesagt werden, dass die Schau für das gute Leben des Menschen nicht notwendig ist, die moralische Tugend jedoch schon.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Gute nichts Äußeres ist, das an die Wirklichkeit herangetragen wird. Die Wirklichkeit besteht vielmehr aus dem, was gut ist. Das Gute und das Wirkliche bzw. das Seiende oder das Existierende sind inhaltlich identisch. Die Ausdrücke sind miteinander konvertibel. Das Gute ist das, was ist. Je mehr etwas seiend ist, umso besser ist es.
Das Schlechte wiederum ist der Mangel an Sein, die Abwesenheit des Seins oder der Verlust des Seins. Das Schlechte ist das Fehlen oder das Nichtvorhandensein des Guten. Die Ausdrucksweise, dass das Schlechte in irgendeiner Weise „ist“, ist eigentlich unpassend. Diese Formulierung wird nur insofern gebraucht, als es nicht anders möglich ist, zu erklären, was mit dem Schlechten gemeint ist. Das Schlechte „ist“ eben nicht, sondern es bezeichnet das Fehlen von etwas, das eigentlich vorhanden sein sollte.
Die Identität von Sein und Gutsein führt jedoch nicht zu einer eintönigen Wirklichkeit. Vielmehr umfasst die Realität horizontale und vertikale Ebenen des Seins. Die Realität ist ein hierarchisch gestuftes Gefüge. Damit verbunden ist die komplexe Verschiedenheit der Seienden, denen eigenes Gutsein und Schlechtsein entspricht. Wenn etwas mehr seiend ist, heißt dies, dass das Etwas mehr seinem Wesen entspricht. Jedes Seiende hat nämlich ein bestimmtes Wesen, seien es Menschen, leblose Dinge, Situationen oder Absichten. Die Wesen der jeweiligen Seienden unterscheiden sich stark voneinander. Das Wesen von Menschen ist anders als das Wesen von leblosen Dingen, und das Wesen von Situationen ist anders als das Wesen von Absichten. Das Sein von Situationen und von Absichten z.B. hängt von anderem ab, während Menschen und leblose Dinge in sich bestehend nicht von anderem abhängen.
Das Gutsein von etwas – und somit auch das Gutsein von Substanzen – besteht in der Entsprechung zum eigenen Wesen. Das Gutsein von Substanzen substanzübergreifend bestand im Grad an Immanenz und in den Seinsmöglichkeiten. Das Gutsein von Substanzen kann erhöht werden, und zwar indem die eigenen realen und wesentlichen Möglichkeiten verwirklicht werden, das heißt, indem das eigene Wesen (bzw. die Potenzen des eigenen Wesens) aktualisiert wird. Akt und Potenz sind die beiden Seinsprinzipien, die alles Seiende durchdringen und aus denen alles Seiende besteht. Je mehr ein Seiendes im Akt ist, umso besser ist es. Je mehr ein Seiendes in Potenz ist, umso besser kann es noch werden.
Das Thema dieses Artikels bildet die Grundlage, sich der Ethik zuzuwenden, was im nachfolgenden Artikel getan wird. Zur weiterführenden Lektüre des Themas des gegenwärtigen Artikels seien zum einen die Werke des Verlags „Editiones Scholasticae“ und zum anderen die Werke Thomas von Aquins empfohlen, die auch die Grundlage einiger der Inhalte dieses Artikels waren. Zudem möchte ich das sehr lesenswerte Buch von David Oderberg empfehlen, welches 2019 unter dem Titel „The Metaphysics of Good and Evil“ erschien.
Um Selbstverwirklichung zu mehren,
müssen wir oft in uns kehren.