In diesem Artikel wenden wir uns der Frage zu, ob es eine wahre Religion gibt, bzw. vielmehr, woran zu erkennen ist, ob eine Religion wahr oder falsch ist. Voraussetzung für die kommenden Inhalte ist entweder der Artikel „Existiert Gott?“ oder die Annahme der Existenz eines allmächtigen, allwissenden und vollkommenen Gottes.
Die Frage nach der wahren Religion ist die Frage, ob sich Gott bereits dem Menschen geoffenbart hat. Da Gott allmächtig ist, hat er natürlich die Möglichkeit, sich dem Menschen zu offenbaren. Die Anzahl der Gott offenstehenden Möglichkeiten dafür ist wegen seiner Allmacht unbegrenzt. Die Möglichkeiten sind grob unterscheidbar in allgemeine und private Offenbarungen. Allgemeine Offenbarung besteht darin, der Menschheit als Ganzes zuteil zu werden, und private darin, einer einzelnen Person zuzukommen. In diesem Artikel geht es einzig um die Frage, woran eine allgemeine Offenbarung zu erkennen ist.
Wenn Gott sich dem Menschen tatsächlich bereits geoffenbart hat, müssen zum einen die Offenbarungsinhalte wegen der Vollkommenheit Gottes wahr sein, da Falschheit ein Mangel an Wahrheit ist und dies somit unvollkommen wäre (siehe „Was ist das Gute?“). Gott kann aber nicht unvollkommen sein (siehe „Existiert Gott?“). Zum anderen könnte über eine nachweisliche Offenbarung Gottes hinaus keine weitere bestehen, die sich im Widerspruch zu ihr befände, da auch dies wegen der Vollkommenheit Gottes unmöglich ist. Anders ausgedrückt sieht es so aus, dass es vielleicht eine wahre Religion gibt. Es kann aber nicht mehrere wahre Religionen geben, wenn sie in irgendwelchen Punkten inhaltlich zueinander im Widerspruch stehen. Woran man erkennen kann, ob es eine wahre Religion gibt, soll durch diesen Artikel beantwortet werden.
Vorab sei angemerkt, dass alle Religionen ausscheiden, die kein monotheistisches Gottesbild vertreten (siehe „Existiert Gott?“).
Da in diesem Artikel lediglich die Kriterien erarbeitet werden, anhand derer zu erkennen ist, ob eine Religion wahr oder falsch ist, werden keine sogenannten empirischen Wissensinhalte als bekannt vorausgesetzt. Es wird rein rational, wie wir es durch die vorigen Artikel bereits gewöhnt sind, vorgegangen. Die Anwendung der in diesem Artikel vorgestellten Kriterien kann von jedem selbst vollzogen werden. Ich habe jedoch vor, zu einem späteren Zeitpunkt einen Artikel der Anwendung der Kriterien zu widmen.
Wenn Gott sich der Menschheit bereits geoffenbart hat, muss er dem Menschen grundsätzlich die Möglichkeit geben, zu dieser Offenbarung vorzudringen. Andernfalls wäre Gott nicht allmächtig, weil er, wenn er sich der Menschheit offenbart, will, dass die Menschen seine geoffenbarten Wahrheiten wissen können. Da die großen und allgemein zugänglichen monotheistischen Offenbarungsreligionen als Offenbarungsüberbringer alle mindestens eine Person haben, werden sich die in diesem Artikel vorgestellten Kriterien auf Personen als Offenbarungsüberbringer beziehen. Die Anzahl der Kriterien, anhand derer zu erkennen ist, ob eine monotheistische Offenbarungsreligion, die von mindestens einer Person überbracht wurde, wahr oder falsch ist, beläuft sich auf insgesamt fünf.
Im Folgenden sprechen wir im Singular von einem Überbringer göttlicher Wahrheiten, damit der Lesefluss nicht gestört wird. Bei Religionen mit mehreren Personen als Überbringer kann bei der Anwendung der Kriterien gedanklich der Plural den Singular ersetzen.
Viel Freude beim Lesen.
Erstes Kriterium
Das erste Kriterium bezieht sich auf die Person des Überbringers göttlicher Wahrheiten und besteht in seiner moralischen Güte. In „Existiert Gott?“ haben wir gesehen, dass Gott die Vollkommenheit und das Gutsein selbst ist. Wenn Gott der Menschheit seine Wahrheiten durch eine Person offenbaren will, ist es zum einen so, dass der Überbringer göttlicher Wahrheiten eine gute Beziehung zu Gott haben bzw. Gott moralisch nahe stehen muss, um aus der Beziehung zu Gott bzw. durch die moralische Nähe zu Gott die Wahrheiten zu empfangen, die der Menschheit überbracht werden sollen. Wie kann jedoch ein moralisch schlechter Mensch eine gute Beziehung zu Gott haben bzw. Gott moralisch nahe stehen, da das moralische Schlechtsein mit einer schlechten Beziehung zu Gott bzw. der moralischen Entfernung von Gott verbunden ist (mehr hierzu siehe den Artikel „Gott, Moral & Glück“)?
Zum anderen ist Angemessenheit eine Vollkommenheit. Gott ist die Vollkommenheit (siehe „Existiert Gott?“). Es ist angemessen, dass der Überbringer der Wahrheiten der absoluten Vollkommenheit als Mensch selbst vollkommen ist. Die Vollkommenheit eines Menschen besteht jedoch in seiner moralischen Güte, in seinem moralischen Gutsein (siehe „Was ist das moralisch Gute?“).
Wenn, darüber hinaus, Gott seine Wahrheiten der Menschheit mitteilt, dann will Gott, dass die Menschheit die Wahrheiten zu erkennen vermag. Wenn den Menschen über eine moralisch schlechte Person göttliche Wahrheiten mitgeteilt würden, sähen die Menschen eine Spannung zwischen dem Gutsein Gottes und der moralischen Bedenklichkeit des Überbringers, was die Menschen kaum dazu brächte, die Wahrheiten anzunehmen. Der Überbringer göttlicher Wahrheiten muss demnach einen sehr hohen Grad an moralischer Güte haben.
Die moralische Güte einer Person ist von außen nur bis zu einem gewissen Grad und einzig an der Summe der bekannten moralischen Akte der Person zu erkennen. Da die bekannten moralischen Akte eines Offenbarungsbringers die einzigen äußerlich zugänglichen Informationen über den moralischen Stand des Offenbarungsbringers sind, würde die Vollkommenheit und Allmacht Gottes es nicht zulassen, dass ein authentischer Offenbarungsbringer in seinen äußerlich bekannten moralischen Akten anders erscheint, als er eigentlich ist. Die Folge wäre nämlich, dass wir Menschen in die Irre geführt würden. Das heißt, der Überbringer göttlicher Wahrheiten kann der Menschheit nicht durch moralisch schlechte Akte bekannt sein. Moralisch gute Akte sind insbesondere Akte, die zum Guten, zur Verwirklichung anderer Personen beitragen, also Akte der Liebe und Barmherzigkeit und Akte des Friedens. Moralisch schlechte Akte sind insbesondere Akte, die zum Schlechten, zum Schaden anderer Personen beitragen, also z.B. Akte der Kriegstreiberei, der Misshandlung oder Ausnutzung anderer. Die über den Offenbarungsbringer bekannten moralischen Akte müssen also zu einem sehr hohen Grad gut sein.
Zweites Kriterium
Das zweite Kriterium besteht in etwas, das nur von Gott kommen kann und die Göttlichkeit seiner Wahrheiten bezeugen soll: in Wundern. Unter Wunder ist etwas gemeint, das ein Mensch zu bewirken nicht imstande ist; etwas, das auf natürlichem und technischem Wege zu erreichen nicht möglich ist.
Solche Wunder müssen mit demjenigen einhergehen, der der Menschheit die Wahrheiten Gottes kundtut, damit die Menschheit die Göttlichkeit der Wahrheiten erkennen kann. Wenn sich Gott also geoffenbart hat und demnach will, dass wir Menschen seine Wahrheiten wissen können, hat er mit der Überbringung seiner Wahrheiten etwas verbunden, das nur ihn als Urheber zulässt, und zwar Ausdrücke seiner Allmacht. Zu Wundern zählen z.B. erfüllte Prophezeiungen über die Person, welche die Wahrheiten Gottes übermittelt. Des Weiteren zählen Totenerweckungen und Heilungen unheilbar Kranker zu Wundern, sowie Materieschöpfung in Form von Brotvermehrung oder die unmittelbare Herrschaft über die Natur.
Drittes Kriterium
Das dritte Kriterium bezieht sich auf den Inhalt der überbrachten göttlichen Wahrheiten, also auf das Geoffenbarte. Der Mensch kann durch seine Vernunft Wahrheiten erkennen. Der Mensch kann durch seine Vernunft jedoch nicht alle Wahrheiten erkennen. Die Wahrheiten, die der Mensch durch seine Vernunft zu erkennen vermag, heißen natürliche Wahrheiten. Die übervernünftigen Wahrheiten, diejenigen also, die der Mensch durch seine Vernunft nicht zu erkennen vermag, heißen übernatürliche Wahrheiten. Der Offenbarungsinhalt kann beide Arten von Wahrheiten umfassen, sowohl natürliche als auch übernatürliche.
Das dritte Kriterium besteht im Einklang der geoffenbarten Wahrheiten mit der Vernunft, wenn die geoffenbarten Wahrheiten in den Bereich natürlicher Wahrheiten fallen. Wenn ein angeblicher Offenbarungsinhalt dem Bereich natürlicher Wahrheiten zurechenbar ist und im direkten Widerspruch zu dem steht, was die Vernunft als wahr oder falsch zu erkennen vermag, kann die Offenbarung und somit die Religion nicht richtig sein.
Beispiele: Angenommen, ein angeblicher Offenbarungsinhalt würde besagen, dass es in Ordnung ist, andere Menschen zu versklaven. Die Frage nach der Legitimität von Versklavung ist moralischer Natur und durch die Vernunft erkennbar. Die Vernunft kann erkennen, dass es falsch ist, andere Menschen zu versklaven. Der angebliche Offenbarungsinhalt wäre also falsch und kann somit nicht von Gott kommen, da Gott gänzlich vollkommen und Falschheit ein Mangel an Vollkommenheit ist.
Nehmen wir an, ein anderer angeblicher Offenbarungsinhalt würde besagen, dass Gottes Wesen listenreich ist und Gott als Folge von dieser Eigenschaft die Menschheit täuscht. Jemanden zu täuschen heißt, jemanden dazu zu bringen, etwas nicht Wahres für wahr zu halten. Die Frage der Wahrhaftigkeit Gottes ist metaphysischer Natur und durch die Vernunft erkennbar. Die Vernunft kann erkennen, dass Gottes Wesen absolut vollkommen und Wahrhaftigkeit eine Vollkommenheit ist (siehe „Existiert Gott?“). Somit ist das Wesen Gottes wahrhaftig und kann nicht listenreich sein, da beides zueinander im Widerspruch steht. Der angebliche Offenbarungsinhalt ist also falsch und kann somit nicht von Gott kommen.
Auf der anderen Seite kann es natürlich sein, dass ein angeblicher Offenbarungsinhalt in den Bereich übernatürlicher Wahrheiten fällt. In diesem Fall könnten wir mit unserer Vernunft nicht direkt erkennen, ob er wahr oder falsch ist. Um genaueren Aufschluss über die Echtheit eines solchen angeblichen Offenbarungsinhaltes zu erhalten, bedarf es der in diesem Artikel vorgestellten Kriterien. Über sie kann Aufschluss über die Echtheit eines übernatürlichen Offenbarungsinhaltes gewonnen werden.
Beispiel: Nehmen wir an, ein angeblicher Offenbarungsinhalt würde besagen, dass das Wesen oder die Natur Gottes in drei Personen besteht und dass die zweite göttliche Person zu der göttlichen Natur noch die menschliche Natur angenommen habe. Diese Inhalte betreffen die Bereiche innergöttlicher Wesensnotwendigkeiten und innergöttlicher Entscheidungen. Diese Inhalte sind also mit unserer Vernunft nicht zugänglich. Dass der angebliche Offenbarungsinhalt, der das eine Wesen Gottes in drei Personen bestehen lässt, zur Einfachheit Gottes im Widerspruch steht, muss nicht sein, wenn diese Offenbarung z.B. noch folgende vier Punkte miteinschließt, da sich die Einfachheit Gottes auf das Wesen Gottes bezieht. Erstens, dass jede der drei Personen das ganze göttliche Wesen besitzt und die drei Personen nicht das göttliche Wesen bilden, wie die Teile das Ganze. Zweitens, dass die Unterschiede der drei Personen zueinander auf die je eigene Weise zurückzuführen ist, in der sie jeweils das göttliche Wesen haben. Drittens, dass die drei Personen nicht drei Substanzen sind, sondern auf individuelle Weise, die eine göttliche Substanz sind. Viertens, dass in Gott sein Wesen und seine Substanz dasselbe sind und dass es keinen realen Unterschied gibt, zwischen „das göttliche Wesen zu haben“ und „die eine göttliche Substanz zu sein“.
Diese angeblichen Offenbarungsinhalte wären theologischer Natur und sind somit übernatürlich. Die Vernunft kann demnach direkt weder ihre Wahrheit bestätigen noch widerlegen. Will man also wissen, ob diese angeblichen Offenbarungsinhalte wahr oder falsch sind, sollte man schauen, ob mit diesen Offenbarungsinhalten noch weitere verbunden sind, die in den Bereich natürlicher Wahrheiten fallen, und ob die anderen hier vorgestellten Kriterien erfüllt sind. Weiterhin beinhaltet das dritte Kriterium, dass die Inhalte einer angeblichen Offenbarung nicht im Widerspruch zueinanderstehen dürfen.
Beim dritten Kriterium, bei dem auf den Inhalt der Offenbarung Bezug genommen wird, sei noch Folgendes hinzugefügt, was zwar logisch nicht zwingend in einer echten Offenbarung enthalten sein muss, jedoch bei tatsächlichem Enthaltensein in angeblichen Offenbarungsinhalten die Wahrscheinlichkeit der Echtheit der Offenbarung erhöht: Unsere Vernunft vermag über die metaphysische Wirklichkeit einiges zu erkennen, doch sie hat auch ihre Grenzen, über die sie nicht hinauszugehen vermag. Würden Offenbarungsinhalte in möglichst vielen Punkten nun genau dort ansetzen, wo die Vernunft nicht weiterkommt, ließe dies die Offenbarung seriöser wirken. Beispiel: Im Artikel „Was ist der Mensch?“ sahen wir, dass der vollständige Mensch Materie und Geist bzw. Körper und Seele ist. Außerdem sahen wir bei dem Artikel, dass ein Teil des Menschen den Tod überdauert: Der Geist bzw. die Seele des Menschen überdauert die Trennung von der Materie bzw. vom Körper. Dies ist mit unserer Vernunft zu erkennen. Was unsere Vernunft nicht zu erkennen vermag, ist zum einen, was genau nach dem Tod kommt und wie es um den Menschen hinsichtlich seines Unvollständigseins steht. Würden angebliche Offenbarungsinhalte enthalten, was nach dem Tod kommt und wie es um die Vollständigkeit des Menschen steht, dass es z.B. ein Ereignis gibt, ab dem die Menschen mit ihren Körpern – die ab dann einen deutlich höheren Vollkommenheitsgrad innehaben – wiedervereint werden, lässt dies die angebliche Offenbarung seriöser wirken.
Ein weiteres Beispiel ist Folgendes: In den Artikeln „Was ist das moralisch Gute?“ und „Gott, Moral & Glück“ wurde mit der Vernunft dargelegt, was es braucht, damit der Mensch absolut glücklich oder glückselig wird. Es wurde darauf eingegangen, dass, wenn der Mensch glückselig werden soll, es ein unbegrenztes Gut geben muss (Gott), dessen Besitz die Glückseligkeit als Folge im Menschen mit sich bringt. Die Frage jedoch, wie der „Besitz“ Gottes, die Vereinigung mit Gott, das Erfahrenkönnen des Wesens Gottes bzw. die Beziehung zwischen Mensch und Gott in der Glückseligkeit genau aussieht, vermag die Vernunft nicht zu beantworten. Wenn nun angebliche Offenbarungsinhalte hieran anknüpften, dann ließe dies die angebliche Offenbarung seriöser wirken.
Viertes Kriterium
Das vierte Kriterium bezieht sich auf die Art und Weise der Verbreitung der Offenbarungsinhalte. Es besteht in der Entsprechung der Qualität und Quantität der Ausbreitung der Offenbarungsinhalte zum Wesen Gottes, welches absolut gut und allmächtig ist.
Beginnen wir mit der Qualität der Ausbreitung der Offenbarungsinhalte. Die Qualität der Ausbreitung ist dem Wesen Gottes dann entsprechend, wenn sie, insbesondere zu Beginn der allgemeinen Offenbarung, in Frieden und Freiheit vollzogen wird. Der Frieden ist eine Vollkommenheit, die in Gott absolut ist. Die Freiheit hat der Mensch von Gott erhalten, und Gott widerspricht sich nicht, da dies ein Mangel an Vollkommenheit wäre. Gott würde sich jedoch widersprechen, wenn er auf der einen Seite will, dass wir Menschen frei sind, was sich dadurch zeigt, dass er uns die Freiheit gegeben hat und wenn er uns Menschen auf der anderen Seite die Freiheit wieder nimmt. Der zeitliche Beginn der Ausbreitung der Offenbarungsinhalte ist deshalb so wichtig, weil er, wegen der Nähe zu Gott in seiner allgemeinen Selbstoffenbarung durch den Offenbarungsbringer, wegweisend, vorbildhaft und maßgebend ist.
Die Qualität der Ausbreitung von Offenbarungsinhalten ist dem Wesen Gottes nicht entsprechend, wenn sie in Krieg und Zwang vollzogen wird. Krieg ist der Mangel an Frieden und somit schlecht (siehe „Was ist das Gute?“), Gott ist jedoch gut. Zwang ist ebenfalls schlecht und steht im Widerspruch zu dem, was Gott uns als hohes Gut geschenkt hat.
Wenn die Qualität der Ausbreitung von Offenbarungsinhalten dem Wesen Gottes entspricht, ist dies ein Anzeichen dafür, dass sie wahr sein kann. Dieses Anzeichen ist für sich genommen jedoch nicht ausreichend, Offenbarungsinhalte als von Gott kommend zu beweisen, sondern nur im Zusammenhang mit den anderen Kriterien. Ein Beispiel für eine Ausbreitung von Offenbarungsinhalten, die dem Wesen Gottes sehr entsprechen, wären Offenbarungsbekenner, die in den ersten Jahrhunderten sowohl um der Ausbreitung göttlicher Wahrheiten wegen als auch aus Liebe zu den Mitmenschen, bereitwillig den Tod über sich ergehen lassen.
Wenn die Qualität der Ausbreitung von Offenbarungsinhalten dem Wesen Gottes nicht entspricht, können die angeblichen Offenbarungsinhalte nicht wahr sein.
Die Quantität der Ausbreitung von Offenbarungsinhalten entspricht dann dem Wesen Gottes, wenn sie, in Abhängigkeit von historischen Umständen, schnell geschieht und wenn das Wissen um die Offenbarungswahrheiten, im weiteren Verlauf, weltweit bekannt wird. Dies entspricht darum dem Wesen Gottes, weil Gott allmächtig ist und bei seiner allgemeinen Offenbarung will, dass die Menschheit seine Wahrheiten wissen kann.
Folgerungen
Bevor wir mit dem fünften Kriterium weitermachen, wollen wir auf die Beziehungen der Kriterien eins bis vier zueinander eingehen, so wie sie aus den bisherigen Ausführungen erschlossen werden können. Zunächst einmal sei kurz wiederholt, worin die jeweiligen Kriterien bestehen: Das erste Kriterium bestand im hohen Grad an moralischer Güte des Offenbarungsbringers. Das zweite in Wundern, das dritte im Einklang der göttlichen Lehre – wenn sie den Bereich natürlicher Wahrheiten betrifft – mit unserer Vernunft und das vierte in der Entsprechung von Qualität und Quantität der Ausbreitung der Offenbarungswahrheiten mit dem Wesen Gottes.
Im Grunde ist das Erfülltsein der ersten beiden Kriterien ausreichend, um die Wahrheit einer Religion zu bestätigen. Es ist nicht möglich, dass sie von einer falschen Religion erfüllt wird. Dies stände im Widerspruch zur Vollkommenheit Gottes. Da uns Menschen in unserem Erkennen jedoch oft Fehler unterlaufen, kommen uns die anderen Kriterien zu Hilfe, die wahre Religion – falls vorhanden – zu erkennen. Wenn die ersten beiden Kriterien nun wirklich erfüllt wären, müssten das dritte und vierte Kriterium auch erfüllt sein, da uns andernfalls ein Fehler im Erkennen unterlaufen ist, die ersten beiden Kriterien für erfüllt zu halten.
Das Kriterium eins ist mit den Kriterien drei und vier zwar logisch nicht ausreichend, um die Wahrheit einer Religion zu bestätigen, es ist jedoch zumindest sehr unwahrscheinlich, dass diese Kriterien von einer falschen Religion erfüllt werden. Die Kriterien zwei, drei und vier reichen auch nicht aus. Wenn das Erfülltsein dieser Kriterien angenommen wird, ist uns ein Fehler bei der Annahme des Zutreffens des zweiten Kriteriums unterlaufen, und zwar entweder dadurch, dass das angebliche Wunder nicht etwas ist, das nur durch Gott bewirkt werden kann, oder dadurch, dass wir hinsichtlich der Existenz des Wunders getäuscht wurden. Eine Kombination aus beidem ist natürlich auch möglich. Darüber hinaus ist es auch nicht wahrscheinlich, dass eine falsche Religion die Kriterien drei und vier vollständig erfüllt.
Wenn die Kriterien eins bis vier von einer Religion erfüllt werden, muss die Religion wahr sein, da Gott uns andernfalls täuschen würde, was zu seiner Vollkommenheit im Widerspruch stände und Gott zu sich selbst nicht im Widerspruch stehen kann. Genauso stände es zur Vollkommenheit Gottes im Widerspruch, dass zwei sich widersprechende Religionen zugleich die Kriterien erfüllen.
Bezüglich des Zutreffens des dritten Kriteriums sei Folgendes angemerkt: Wenn eine Religion wahr ist, muss sie notwendig das dritte Kriterium erfüllen. Es ist jedoch so, dass wir Menschen in unserem Erkennen schnell an Grenzen geraten. Es ist nicht immer leicht, natürliche und übernatürliche Wahrheiten bzw. Inhalte als solche zu erkennen. Im Gegenteil: Es ist in der Regel sehr schwer. Zudem ist es oft anspruchsvoll, in konkreten Fällen die Grenze zwischen unvernünftigen, vernünftigen und übervernünftigen Inhalten zu ziehen.
Für die meisten Menschen ist es zu anspruchsvoll, zu erkennen, ob eine Religion das dritte Kriterium erfüllt oder nicht. Da, wie wir gesehen haben, es ausreichend ist, die Wahrheit der wahren Religion zu bestätigen, wenn die ersten beiden Kriterien erfüllt sind, muss nicht jeder Mensch das Erfülltsein des dritten Kriteriums unmittelbar erkennen, um die wahre Religion zu erkennen, falls es sie gibt. Wenn erkannt wird, dass die ersten beiden Kriterien erfüllt sind und zudem noch als Unterstützung das vierte Kriterium, muss das, worauf die Kriterien angewandt werden, wahr sein. Es ist nicht möglich, dass das, worauf die Kriterien eins, zwei und vier angewandt werden, falsch ist, da Gott in dem Fall keine Rücksicht auf die Begrenzung unserer Erkenntniskraft nähme und Gott somit unvollkommen ist. Gott kann jedoch nicht unvollkommen sein. Somit muss die Religion, welche die Kriterien eins, zwei und vier erfüllt, wahr sein.
Fünftes Kriterium
Das fünfte Kriterium bezieht sich auf die Vermittlung der göttlichen Wahrheiten für Menschen, die erst deutlich nach dem Auftreten des Offenbarungsbringers leben. Dieses Kriterium beziehen wir zum einen auf eine natürliche Vermittlung und zum anderen auf eine Zeit vor der Digitalisierung, also auf klassische historische und archäologische Zeugnisse.
Die beste Möglichkeit, Wissen an deutlich später lebende Generationen weiterzugeben, welches zudem noch mit einer realen Person in Zusammenhang gebracht werden soll (in unserem Fall mit dem Offenbarungsbringer), sind historische Zeugnisse. Wenn ein von Gott gesandter Überbringer göttlicher Wahrheiten in der Geschichte auftritt, will Gott den Menschen Wahrheit mitteilen. Da Menschen auch noch viele Jahrhunderte nach dem Auftreten des Boten Gottes leben können, muss das Auftreten des Boten geschichtlich überliefert werden, damit später lebende Menschen davon wissen können. Damit die später lebenden Menschen das geschichtliche Ereignis des Auftritts des Boten Gottes – einschließlich der von ihm verkündeten Wahrheiten – als wahr erkennen können, müssen folgende Punkte erfüllt sein, in deren Erfüllung auch das fünfte Kriterium besteht:
1. Zu diesem geschichtlichen Ereignis muss eine außerordentlich hohe Anzahl an historischen Zeugnissen vorhanden sein.
2. Die historischen Zeugnisse müssen im Einklang zueinander stehen.
3. Die historischen Zeugnisse müssen im Einklang zu anderen historischen Zeugnissen derselben Zeit stehen.
4. Die historischen Zeugnisse müssen im Einklang mit archäologischen Funden und eventuellen mündlichen Überlieferungen stehen, sowie durch zuverlässige Methoden zur Bestimmung des Alters in ihrem geschichtlichen Kontext bestätigt werden können.
5. Die historischen Zeugnisse sollten insofern ausgewogen sein, als dass das Ereignis der Überbringung göttlicher Wahrheiten, nicht nur von Anhängern geschildert worden sein sollte.
6. Das Zutreffen der ersten beiden der in diesem Artikel vorgestellten Kriterien muss den historischen Zeugnissen klar zu entnehmen sein.
7. Die historischen Zeugnisse sollten die vom Boten verkündeten Wahrheiten umfassen.
8. Die historischen Zeugnisse müssen die Erfüllung der Qualität – und soweit es möglich ist, der Quantität – des vierten Kriteriums beinhalten.
Wenn diese Punkte allesamt erfüllt sind, und dazu der Quantität des vierten Kriteriums entsprochen wurde, muss die Religion wahr sein, da Gott ansonsten zuließe, dass wir – als Menschheit – bezüglich seiner Wahrheit total in die Irre geführt würden. Gott lässt es jedoch nicht zu, dass wir – als Menschheit – bezüglich seiner Wahrheit total in die Irre geführt werden, was im Folgenden gezeigt wird.
Vorab einige Anmerkungen über totale Irreführung und Zulassung Gottes. Mit „total in die Irre geführt zu werden“ ist etwas Rationales gemeint, was jedoch falsch ist. Als vernünftige Wesen nehmen wir Menschen zurecht das als wahr an, was vernünftig, also rational ist. Rational kann zweierlei sein. Zum einen etwas Notwendiges, was sich z.B. aus mathematischen Berechnungen oder logischen Folgerungen ergibt. Dann aber auch etwas sehr Wahrscheinliches, wie es z.B. bei vielem in den Naturwissenschaften der Fall ist. Wenn nun der allmächtige und vollkommen Gute Gott existiert und den in diesem Abschnitt vorgestellten Punkten entsprochen wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es wahr ist, wovon die historischen Zeugnisse berichten. Die Wahrscheinlichkeit wäre sogar so hoch, dass jede alternative Annahme als Erklärung irrational ist. Bei einem Fall, bei dem alle Punkte des fünften Kriteriums erfüllt sind, ist das Für-wahr-Halten, wovon die historischen Zeugnisse berichten, als einziges rational. Wenn nun die in diesem Fall einzig rationale Option – dass die historischen Zeugnisse inhaltlich stimmen – falsch wäre, würden wir total in die Irre geführt werden.
Nun zur Zulassung Gottes. Gott ist absolut vollkommen und will nur das Gute. Wenn etwas Schlechtes von Gott zugelassen wird, muss dies immer um eines höheren Gutes wegen sein. Um zu wissen, was das höhere Gut angesichts des Leids in der Welt ist, bedarf es der Offenbarung. Unsere Vernunft vermag aus sich heraus keine vollends zufriedenstellende Antwort darauf zu geben. Was unsere Vernunft dazu zu sagen vermag ist, dass es ein höheres Gut geben muss, um dessentwillen das Leid zugelassen wird und welches im Widerspruch zur Leidlosigkeit in dieser Welt steht. Anders ausgedrückt sieht es so aus, dass entweder das für uns unbekannte höhere Gut oder die Leidlosigkeit der Welt möglich ist, nicht jedoch beides. Die beiden Möglichkeiten stehen zueinander in einer sich ausschließenden Beziehung, wie z.B. die Härte und die Weichheit. Widersprüche, dies sahen wir in „Existiert Gott?“, können nicht real existieren. Es ist kein Mangel an Allmacht Gottes, dass er keine Widersprüche wirklich machen kann, sondern Ausdruck seiner Vollkommenheit. Da es also Leid in der Welt gibt, muss es nicht nur ein für uns unbekanntes höheres Gut geben, welches zudem noch im Widerspruch zur Leidlosigkeit der Welt steht, sondern das für uns unbekannte höhere Gut muss auch deutlich besser sein als das Gut der Leidlosigkeit der Welt.
Kann es nun auch ein höheres Gut dafür geben, dass Gott es zulässt, dass wir – als Menschheit – hinsichtlich seiner Offenbarung total in die Irre geführt werden? Gott bedarf des Menschen für seine Vollkommenheit nicht. Gott ist in sich völlig glücklich. Gott ist eines Mangels nicht fähig. Wenn Gott den Menschen aus Freiheit erschafft, dann nur, um dem Menschen etwas zu geben, um den Menschen an seinem Glück, an seinem Gut teilhaben zu lassen. Der Mensch fügt Gott jedoch nichts hinzu. Ein höheres Gut kann es für Gott also nicht geben, die Menschheit hinsichtlich der Offenbarung total in die Irre geführt werden zu lassen.
Wie sieht es beim Menschen aus? Kann es für den Menschen ein höheres Gut dafür geben, bezogen auf Offenbarungswahrheiten total in die Irre geführt zu werden? Das für den Menschen höchste Gut besteht darin, zu seiner Vollendung zu gelangen (mehr zu diesem Thema, siehe die Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ und „Gott, Moral & Glück“). Wie der Mensch jedoch zu seiner Vollendung gelangt, lässt der Mensch, wenn er eine Religion angenommen hat, von seiner Religion zumindest fundamental mitbestimmen. Die Frage nun, ob es ein höheres Gut für den Menschen geben könnte, wenn er sich in dem, was zu seinem höchsten Gut führt, durch etwas Falsches leiten ließe, muss klarerweise entschieden verneint werden.
Es kann also kein höheres Gut dafür geben, zuzulassen, dass der Mensch hinsichtlich der Offenbarung total in die Irre geführt wird. Demnach ließe Gott es nicht zu, dass die Menschheit durch angebliche Offenbarungswahrheiten getäuscht würde, die das fünfte mit der Quantität des vierten Kriteriums erfüllen. Wenn angebliche Offenbarungswahrheiten bzw. eine Religion diese Kriterien vollständig erfüllt, muss sie wahr sein.
Gedankenimpuls
Dieser Abschnitt beginnt mit einem Sprung. In diesem Artikel ging es bisher um die Darlegung der Erkenntniskriterien wahrer Religion. Diese Kriterien wurden und werden in diesem Artikel jedoch nicht konkret auf die existierenden Religionen angewandt. Dieser Abschnitt tut jedoch so, als sei diese Anwendung bereits vollzogen worden und als hätte die Anwendung ergeben, dass das Christentum die wahre Religion ist. Das Ziel dieses Abschnitts ist es nämlich, angesichts der Vielzahl an Konfessionen innerhalb des Christentums eine kleine Orientierungshilfe zu geben.
Gott hat sein Wesen und Wollen in der Person Jesu Christi der Menschheit geoffenbart. Da sich Gott in Jesus Christus der Menschheit geoffenbart hat, will Gott, dass wir – als Menschheit – grundsätzlich die Möglichkeit dazu haben, seine Wahrheit zu erkennen. Nun ist es jedoch so, dass es innerhalb des Christentums viele Konfessionen gibt, die bis zu einem gewissen Grad zwar in Inhalten übereinstimmen, die sie als göttliche Wahrheiten annehmen, ab einem gewissen Grad allerdings eine große Spannung zu verzeichnen ist in den Inhalten, die sie als göttliche Wahrheiten annehmen. Doch welche Konfession hat recht? Oder hat keine Konfession recht? Würde keine Konfession recht haben, stände dies im Widerspruch zur Allmacht Gottes, da Gott ja will, dass wir Menschen seine Wahrheit erkennen können.
Eines haben alle Konfessionen gemeinsam. In dem, was sie als göttliche Wahrheiten annehmen, berufen sie sich zumindest zu einem wesentlichen Teil auf die Bibel. Die Verschiedenheit in den Lehren verschiedener Konfessionen ergibt sich zum Großteil aus der Verschiedenheit der Interpretationen der Inhalte der Bibel. Gemeinsam ist den Konfessionen jedoch die Annahme, dass der Bibel göttliche Autorität zukommt.
Wenn Gott nun der Menschheit – auf welche Weise auch immer – die Bibel als Schrift mitgibt, aus welcher der Mensch göttliche Wahrheiten schöpfen kann, muss Gott dem Menschen auch eine Möglichkeit mitgegeben haben, die Bibel richtig zu interpretieren. Das heißt natürlich nicht, dass wir Menschen Zugang zu allen göttlichen Wahrheiten haben oder wir Menschen alle göttlichen Wahrheiten der Bibel kennen müssen. Das heißt allerdings, dass wir Menschen manche göttlichen Wahrheiten der Bibel sicher wissen können müssen. Wenn wir keinen Zugang zu göttlichen Wahrheiten hätten, stände dies im Widerspruch zur Vollkommenheit Gottes, der sich doch in Jesus Christus geoffenbart hat.
Worin besteht nun die Möglichkeit des Menschen, die Bibel mit Sicherheit richtig zu interpretieren? Dank Gottes Allmacht hat Gott natürlich endlos viele Optionen, dem Menschen Möglichkeiten zur sicheren Erschließung bzw. zur wahren Interpretation der Bibel mitzugeben. Wenn wir uns jedoch anschauen, was die verschiedenen Konfessionen als Begründung anführen, um ihre Art der Interpretation zu rechtfertigen, stellen wir fest, dass sich die jeweiligen Interpretationen auf zwei Erklärungen zurückführen lassen.
Die erste Erklärung ist die, dass angenommen wird, dass Gott die einzelne Person, welche die Bibel liest, und wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, erleuchtet, sodass die einzelne Person die Bibel dank der Erleuchtung Gottes richtig interpretiert. Zu den bestimmten Voraussetzungen zählen die Aufrichtigkeit und die Demut der Person, welche die Bibel liest. Je nach Konfession können die Voraussetzungen variieren. Dennoch geht es in allen Variationen darum, dass die einzelne Person eine moralisch gute Haltung voraussetzt und nach Möglichkeiten voller Liebe gegenüber Gott und dem Nächsten ist.
Die zweite Erklärung ist die, dass angenommen wird, dass Gott eine hierarchische Heilsinstitution bzw. Kirche gegründet hat, deren oberste Ebene an Repräsentanten unter bestimmten Voraussetzungen von Gott erleuchtet wird, sodass sicher die göttlichen Wahrheiten erkannt werden. Zu den Voraussetzungen kann z.B. die Notwendigkeit zählen, über einen Sachverhalt Aufschluss zu bekommen, die genau dann eintritt, wenn sich Ungewissheit über die Lösung des Sachverhalts ausbreitet. Des Weiteren kann zu den Voraussetzungen gehören, dass es sich bei den Inhalten um bedeutsame theologische oder moralische Fragen handelt und dass die oberste Ebene an Repräsentanten der Kirche in ihrer Verkündigung sicherer Wahrheiten bzw. Dogmen die ihr von Gott angebotene göttliche Autorität beansprucht. Verbunden mit dieser zweiten Erklärung ist die Darlegung, dass auf dogmatischer Ebene seit zweitausend Jahren dieselben Inhalte gelehrt werden. Im Laufe der Zeit seien zwar neue Formulierungen und insofern neue Inhalte hinzugekommen, doch das, was einmal wahr war – also das, was einmal gelehrt wurde bzw. zum Dogma erhoben wurde – bleibe wahr und unverändert. Die Unfehlbarkeit setze jedoch voraus, dass die oberste Ebene an Repräsentanz der Kirche auch göttliche Autorität beansprucht, also gewisse Inhalte zum Dogma erhebt. In den sonstigen Äußerungen bleibe das sichtbare Oberhaupt (bzw. je nach Konfession die sichtbaren Oberhäupter) der Kirche auch fehlbar.
Das Weiterdenken hinsichtlich der Frage, welche der beiden Erklärungen mit unserer Wirklichkeit übereinstimmt, überlasse ich den interessierten Lesern. Sicher ist, dass, wenn das Christentum wahr ist, auch eine der beiden Optionen wahr sein muss. Hier seien nur die entscheidenden Fragen zur Wahrheitsfindung an die beiden Erklärungen noch mitgegeben. Die Frage an die erste Erklärung: Ist es wirklich wahr, dass einzelne Personen bei gleicher moralisch guter Haltung unabhängig voneinander und über Zeiträume von Jahrtausenden hindurch bei einzelnen Stellen der Bibel immer dasselbe interpretieren? Die Fragen an die zweite Erklärung: Ist es wirklich wahr, dass eine zweitausendjährige Kirche seit ihrer Gründung in den wesentlichen Punkten ihrer Lehre unverändert ist? Auch wenn neue Inhalte hinzugekommen sind, ob jedoch die Inhalte, die einmal zu wesentlichen Punkten der Lehre erhoben wurden, seitdem unangetastet als wahr gelten?
In Abhängigkeit von der Beantwortung der Fragen an beide Erklärungen fällt auch die Frage nach der Wahrheit christlicher Konfessionen aus. Wenn nur die Frage an die erste Erklärung bejaht wird, wird eine christliche Konfession wahr sein, die annimmt, dass Jesus Christus keine Kirche gegründet hat. Wenn entweder nur die Fragen an die zweite Erklärung bejaht werden oder die Fragen an beide Erklärungen bejaht werden oder die Frage an die erste Erklärung verneint wird, wird eine Konfession wahr sein, die annimmt, dass Jesus Christus eine Kirche gegründet hat. Dass keine der Fragen bejaht wird, kann nicht sein, da Gott in dem Fall im Widerspruch zu sich selbst steht, und zwar insofern, als er sich einerseits in Jesus Christus offenbart und somit will, dass wir Menschen seine geoffenbarten Wahrheiten wissen können, andererseits jedoch Gott dem Menschen keine Möglichkeit mitgibt, die göttliche Offenbarung zu verstehen.
Aus dem Bisherigen sollte klar hervorgegangen sein, wie falsch es ist, anzunehmen, wir Menschen könnten nicht erkennen, ob es eine wahre Religion gibt. Die dargelegte Analyse bricht mit dem widervernünftigen und dennoch bedauerlicherweise weitverbreiteten Dogma der Nichterkennbarkeit einer Antwort auf die religiöse Frage. Die neuzeitliche Praxis der Verbannung des Religiösen in den Raum des rein Subjektiven und Unverbindlichen erweist sich weniger als Akt der Toleranz, sondern vielmehr zumindest als epistemologische Kapitulation bis vielleicht sogar hin zur Selbstverabsolutierung durch Hybris. Hinzu kommt, dass das hier Vorgestellte lediglich ein Weg ist, um zur Erkenntnis des Wahrheitsgehaltes einer Religion vorzudringen.
Der neuzeitlichen Tendenz, in der Religion lediglich eine Lebenshilfe zu sehen, die dem persönlichen Geschmack entsprechend gewählt werden sollte, ist mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Die Frage nach der Religion sollte in der Lebenspraxis eine Frage nach der Wahrheit bleiben bzw. wieder werden. Wer die hier dargelegten Maßstäbe zur Erkennbarkeit des Wahrheitsgehaltes einer Religion anwendet, verlässt den Boden der Beliebigkeit. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Anhänger einer Religion sich stets fragen sollte, ob er nicht einer falschen Religion angehört. Ein Religionsanhänger, genau wie jeder andere Mensch, sollte eine wahrheitsoffene Lebenshaltung entwickeln, aus der heraus er bemüht ist, sich der Wirklichkeit unterzuordnen und nicht die Wirklichkeit seinem ideologisch voreingenommenen Weltbild entsprechend umgestalten zu wollen. Wenn aus der gelebten Offenheit und Veränderungsbereitschaft der Wahrheit und dem Guten gegenüber die Gewissheit, das Richtige zu tun, in Verbindung mit innerem Frieden, innerer Ruhe und Freude erwächst, ist jemand in seinen Überzeugungen und sogar Handlungen gerechtfertigt und muss nicht in ständiger Sorge sein, einer falschen Religion anzugehören.
Des Menschen Heim ist nicht die Welt,
da sie sein Herz nicht glücklich hält.