Dieser Artikel ist eine Fortsetzung der Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ und „Existiert Gott?“. Hier wird die Folge der Existenz Gottes, und der Erkennbarkeit der Existenz Gottes, für das moralisch Gute behandelt. Die Inhalte der Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ und „Existiert Gott?“ werden als bekannt vorausgesetzt. Ein Unterschied in der Methode dieses Artikels im Vergleich zum Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ ist der, dass dieser Artikel den Schwerpunkt auf die Tätigkeiten setzt, die moralisch gut sind, wohingegen „Was ist das moralisch Gute?“ einen größeren Schwerpunkt auf die Tätigkeiten setzt, welche moralisch schlecht sind.
Der erste Teil dieses Artikels widmet sich den Voraussetzungen der Frage nach den moralischen Folgen der Existenz Gottes. Hierzu gehört insbesondere die Frage, ob die Existenz Gottes grundsätzlich und allgemein für den Menschen erkennbar ist. Aufgegriffen werden unter anderem Themen, wie „Urknall“, „Evolutionstheorie“ und „die menschliche Seele“. Einige der Inhalte des ersten Teils sind in irgendeiner Form – meist ausführlicher – bereits Gegenstand anderer Artikel dieser Webseite gewesen. Im zweiten Teil dieses Artikels – also nach Beendigung der Zuwendung der Voraussetzungen – folgt dann die Behandlung der eigentlichen Fragestellung, nämlich den moralischen Konsequenzen der Existenz Gottes. Hierbei werden unter anderem verschiedene Formen der Beziehung zu Gott erwähnt. Außerdem wird auf den Willen Gottes, die Verwirklichung von Gottes Willen im eigenen Leben, sowie auf deren Voraussetzungen eingegangen. Weiterhin wird der Maßstab moralisch guten Handelns dargelegt und zum Ende wird die Frage nach den Folgen für unser Glück bei einer gelebten Beziehung zu Gott thematisiert.
Viel Freude beim Lesen.
Erkennbarkeit der Existenz Gottes
Im Artikel „Existiert Gott?“ sahen wir, dass ein absolutes Wesen, welches wir Gott nennen, notwendigerweise existieren muss. Wenn wir uns der Frage nach der moralischen Konsequenz der Existenz Gottes angemessen zuwenden wollen, reicht es jedoch nicht aus, sich als Voraussetzung nur der Frage nach der Existenz Gottes zuzuwenden. Das moralisch Gute muss dem Menschen grundsätzlich und allgemein möglich sein zu tun. Würde die Existenz Gottes dem Menschen nicht grundsätzlich und allgemein zu erkennen möglich sein, wären die moralischen Folgen der Existenz Gottes dem Menschen nicht grundsätzlich und allgemein zugänglich. Somit gäbe es also gar keine moralischen Konsequenzen. Demnach muss sich für die angemessene Behandlung der Frage nach den moralischen Folgen von Gottes Existenz zunächst als Voraussetzung auch der Frage nach der grundsätzlichen und allgemeinen Erkennbarkeit von Gottes Existenz zugewandt werden. Mit „grundsätzlich und allgemein zugänglich“ ist hier ein gewisses Niveau im Erkennen gemeint. Dieses Erkenntnisniveau entspricht der Überzeugung des Autors darüber, was eine durchschnittlich intelligente und durchschnittlich gebildete Person gut zu erkennen vermag. Daraus folgt, dass, wenn etwas eine dem Menschen „grundsätzlich und allgemein zugängliche“ Wahrheit ist, dies nicht automatisch heißt, dass die Wahrheit von jedem Menschen erkannt sein muss oder erkannt werden können muss. Es ist natürlich auch möglich, die Frage nach der Erkennbarkeit Gottes auf einem noch weniger anspruchsvollen Niveau zu behandeln, doch der Überzeugung des Autors zufolge wäre die Konsequenz bei den meisten Menschen dann die, dass mehr Fragen und Zweifel aufgeworfen würden, als zufriedenstellende Antworten gegeben würden. Gleiches gilt bei einem zu hohen Niveau. Das folgende Niveau soll also die gesunde Mitte zwischen „zu anspruchsvoll“ und „anspruchslos“ darstellen. Klar sollte sein, dass die abstrakten Gedankengänge des Artikels „Existiert Gott?“ genauso wie andere philosophisch tiefgreifende Wege zur Erkenntnis eines absoluten Wesens, nicht grundsätzlich und allgemein zugänglich sind. Doch dass dies nicht für alle Formen und Möglichkeiten der Erkennbarkeit Gottes gilt, soll im Folgenden gezeigt werden.
Grundsätzlich und allgemein zugängliche Argumente der Existenz Gottes
Dem Menschen sind grundsätzlich und allgemein die Wahrheiten zugänglich, dass eine Welt oder ein Universum existiert, sowie dass dasjenige existiert, was als „Materie“, „Raum“ und „Zeit“ bezeichnet wird, ohne es jedoch vollständig verstehen zu müssen. Darüber hinaus ist dem Menschen grundsätzlich und allgemein die Wahrheit desjenigen Prinzips zugänglich, welches im Artikel „Woher wissen wir, was wahr ist?“ als „das erste Denk- und Seins-Prinzip“ bezeichnet wurde, dass nämlich etwas in derselben Hinsicht nicht zugleich sein und nicht sein kann, bzw. dass Gegensätze nicht zugleich wahr sein können.
Bezogen auf die Wahrheiten, dass unser Universum, Materie, Raum und Zeit existieren, kann die Frage gestellt werden, wie es sein kann, dass dem so ist, dass diese Dinge existieren?
Aus dem Nichts und durch das Nichts können die Dinge nicht in die Existenz gekommen sein. Dies wäre ein Widerspruch, da das Nichts dann nicht nichts wäre, sondern mindestens die Ursache der Dinge, welchen es Existenz verleiht.
Die genannten Dinge können sich auch nicht selbst die Existenz verliehen haben, da sie in diesem Falle bereits vor ihrer Existenz hätten existieren müssen, um sich Existenz zu geben. Dies ist also auch ein Widerspruch.
Des Weiteren ist auch die Annahme logisch nicht möglich, dass unser Universum, Materie, Raum und Zeit bereits seit einer unendlich langen Zeit existieren, da alles Vergangene einmal gegenwärtig gewesen sein muss und etwas in der Vergangenheit unendlich weit Zurückliegendes niemals gegenwärtig gewesen sein könnte.
Die Folge dessen ist, dass es eine Ursache geben muss, die das Universum, Materie, Raum und Zeit verursacht hat. Das heißt, es muss etwas geben, durch das unser Universum (dieser Begriff ist in weiterem Sinne zu verstehen, insofern der Begriff bei der Annahme einer Reihe von Universen, die Reihe selbst bzw. die Gesamtheit der Universen meint), Materie, Raum und Zeit entstanden sind. Diese Ursache kann nicht selbst Teil oder Inhalt des Universums sein, sie kann nicht aus Materie bestehen und sie kann auch nicht räumlich oder zeitlich sein. Dies wäre ein Widerspruch, da sie sich sonst selbst verursacht hätte und demnach ebenfalls hätte existieren müssen, bevor sie existiert hat, um sich Existenz zu verleihen. Diese Ursache ist das, was Gott genannt wird. Dieser Ursache wird deswegen der Name „Gott“ gegeben, weil mit dem Begriff „Gott“ der Schöpfer der Welt gemeint ist. Was dieser Ursache über das Erkannte hinaus noch alles zugeschrieben werden kann, wird sich im weiteren Verlauf noch zeigen. Doch gibt es nicht auch Naturwissenschaftler, die behaupten, dass es aus naturwissenschaftlicher Sicht Gott als Schöpfer nicht geben könne? Tatsächlich gibt es diese. Deshalb werden wir im Folgenden auf das eingehen, was solche Naturwissenschaftler als Begründung für diese Behauptung anführen.
Der Urknall
Wir beginnen mit dem Thema „Urknall“. Es gibt Kontexte, in denen behauptet wird, dass der Urknall als Ursache für unser Universum die Alternativerklärung mit Gott als Ursache für das Universum verdrängt. Diese Behauptung ist jedoch kein Argument gegen die Existenz Gottes, da die Behauptung nicht auf die Punkte eingeht, dass Gott den Urknall geschaffen haben könnte, dass Gott durch den Urknall das Universum geschaffen haben könnte, oder dass Gott die Ursachen für den Urknall geschaffen haben könnte. Des Weiteren nimmt die Urknalltheorie keinen Bezug zu den oben genannten logischen Argumenten für die Existenz der über raum-zeitlichen immateriellen Ursache von Materie, Raum, Zeit und unserem Universum. Selbst wenn wir annehmen, dass der Urknall oder irgendetwas anderes aus dem Nichts entstanden ist, können sie doch nicht durch das Nichts entstanden sein. Ob etwas durch Nichts entstehen kann, ist nicht Gegenstand von Naturwissenschaften, sondern von Logik und Metaphysik. Dass es aus logischer und metaphysischer Sicht nicht möglich ist, dass durch das Nichts etwas entstehen kann, sahen wir bereits weiter oben, als wir diesen Gedankengang auf einen Widerspruch zurückführten. Abschließend sei zum Thema „Urknalltheorie“ als Nebenbemerkung hinzugefügt, dass als ihr Begründer ein katholischer Priester, nämlich Georges Lemaître, gilt. Damals hielt man die Urknalltheorie für ein Indiz der Existenz Gottes, da aus ihr hervorgeht, dass unser Universum an einer Stelle/in einem Punkt seinen Anfang hatte.
Die Evolutionstheorie
Wir fahren fort mit der sogenannten „Evolutionstheorie“. Auch sie steht nicht im Widerspruch zu den oben genannten logischen Argumenten für die Existenz der über raum-zeitlichen immateriellen Ursache von Materie, Raum, Zeit und unserem Universum. Der Punkt, in dem die Evolutionstheorie im Widerspruch zur Existenz Gottes stehen soll, ist ein anderer. Da sie jedoch keinen Bezug zu unseren Argumenten für Gott hat, kann durch sie die Existenz Gottes auch nicht infragegestellt werden. Trotzdem schauen wir uns im Folgenden die Evolutionstheorie etwas genauer an. Wenn sie im Rahmen einer angeblichen Widerlegung der Existenz Gottes genutzt wird, sieht das Argument in der Regel in etwa wie folgt aus: Die Evolution zeigt, dass hochkomplexe Organismen durch natürliche Selektion und Mutation über Milliarden von Jahren entstehen können. Da natürliche Organismen durch Evolution entstehen, entstehen sie nicht durch Gott. Da natürliche Organismen nicht durch Gott entstehen, gibt es keinen Gott. Dass dieses Argument logisch nicht gültig ist – die Schlussfolgerung kann nicht aus den Prämissen logisch gefolgert werden –, lassen wir außen vor. Uns interessiert hier vielmehr der zweite Satz: „Da natürliche Organismen durch Evolution entstehen, entstehen sie nicht durch Gott". Dieser wird nun auf seine Richtigkeit hin überprüft. Wir beginnen zunächst mit einer wichtigen Unterscheidung von Evolutionen. Zum einen gibt es die sogenannte „Mikroevolution“ und zum anderen die sogenannte „Makroevolution“. Mit „Mikroevolution“ ist die Evolution innerhalb einer Art gemeint und mit „Makroevolution“ ist die artübergreifende Evolution gemeint. Wenn von Evolutionstheorie im Sinne einer Widerlegung der Existenz Gottes die Rede ist, meint man damit immer die „Makroevolutionstheorie“. Dies könnte deshalb interessant zu wissen sein, da die „Makroevolutionstheorie“ im Gegensatz zur „Mikroevolutionstheorie“ nicht die Kriterien eines streng naturwissenschaftlich-empirischen Beweises erfüllt und deshalb nur als „Theorie“ gilt. Doch das soll hier nicht das Thema sein. Steht nun die Makroevolutionstheorie im Gegensatz zu einem Gott, der natürliche Organismen erschafft? Die Makroevolutionstheorie beinhaltet, dass über lange Zeiträume, aus unvollkommenen Lebewesen vollkommenere Lebewesen hervorgehen. Als Erklärung dafür werden verschiedene Regelmäßigkeiten, wie Selektion oder Mutation in Kombination mit angemessenen Lebensumständen, wie Nahrung und Sonnenlicht herangeführt. Plump ausgedrückt, können der Makroevolutionstheorie zufolge aus Einzellern in einem sehr langen Zeitraum mit passenden Lebensumständen und viel Nahrung Menschen hervorgehen. Weiter oben wurde auf die allgemeine Gültigkeit des Prinzips hingewiesen, dass Widersprüche nicht zugleich wahr sein können. Die Makroevolutionstheorie enthält Ursachen und Wirkungen. Ein anderes Wort für „Wirkung“ ist „Verursachtes“. Wenn das Verursachte qualitativ vollkommener ist als die Ursache bzw. die Ursachen, wäre ein Teil des Verursachten unverursacht. Dies ist ein Widerspruch und kann also nicht stimmen. Der Mensch ist als Verursachtes qualitativ vollkommener als alle Einzeller zusammen plus Zeiträume von vielen Milliarden Jahren plus unbegrenzt viel Sonnenlicht und Nahrung, einschließlich des Zufalls und aller Regelmäßigkeiten, zusammengenommen. Würde die Makroevolutionstheorie also wahr sein, bräuchte es im Evolutionsprozess des Werdens von etwas weniger Vollkommenem zu etwas Vollkommenerem innerhalb der Ursachen noch eine weitere Erklärung, welche den Mangel an qualitativer Vollkommenheit bei den Ursachen im Vergleich zu den Verursachten ausgleicht. Würde die Makroevolutionstheorie also wahr sein, wäre sie keine Widerlegung von Gottes Existenz, sondern sie setzt vielmehr die Existenz Gottes für ihre Gültigkeit voraus. Somit steht auch die Makroevolutionstheorie nicht im Widerspruch zur Existenz Gottes.
Redundanz
Ein weiterer Punkt, der von atheistischer Seite aus vorgebracht wird, ist der, dass alle Naturgesetze und materiellen Prozesse veranschaulicht werden können, ohne auf Gott als Erklärung verweisen zu müssen. Es brauche keinen Gott als Hypothese für Erkenntnislücken. Die Widerlegung dieses angeblichen Gegenarguments ist bereits durch die Ausführungen zu den Punkten „Urknall“ und „Evolutionstheorie“ vollzogen worden. Trotzdem sei zu diesem Thema noch Folgendes gesagt: Wenn wir davon ausgehen, dass Gott für eine Wirkung (z. B. dem Universum) verantwortlich ist, ist der Grund dafür nicht, dass wir eine Vorstellung von Gott haben und diese dann als Ursache für das Universum anführen. Es ist genau umgekehrt. Wir überlegen durch logische Folgerungen, wie die Ursache einer Wirkung (z. B. des Universums) beschaffen sein muss. Durch diese Folgerungen erhalten wir eine Vorstellung von der Ursache, welche wir dann Gott nennen. Durch die Wirkung auf die Ursache zu schließen, ist im Alltag und in den Naturwissenschaften übrigens sehr verbreitet. Wenn wir z.B. irgendwo Rauch sehen, schließen wir auf Feuer, oder zumindest auf eine den Rauch begründende Ursache. In der Wissenschaft ist das Schließen auf die Ursache wesentlicher Bestandteil des Abduktionsverfahrens.
Unendlicher Regress
Zu guter Letzt wenden wir uns einem weiteren Punkt zu, der als Argument gegen die Existenz Gottes vorgebracht wird: Alles Existente hat eine Ursache. Gott ist existent. Also hat Gott eine Ursache. Dadurch, dass man Gott eine Ursache zuschreibt, soll die Vorstellung von Gott als die Ursache von allem für widersprüchlich erklärt werden. Doch wie kommt man zu der Annahme, dass alles Existente eine Ursache hat? Die ist weder evident noch gibt es Beweise dafür. Dies als Beweis anzunehmen, führt zu einem Zirkelschluss, da die eigentliche Kraft dieses angeblichen Beweises in dem liegt, was als wahr vorausgesetzt wird: in der zu beweisenden ersten Prämisse. Es ist auch als Prinzip ungeeignet, da es keinerlei Evidenz hat. Weiterhin gibt es zahlreiche Beispiele, bei denen eine Kausalreihe ein Ende hat, bzw. einen obersten Anfang: Ein Beispiel wäre das Definieren. Ein Begriff wird dadurch definiert, dass er auf eine allgemeinere Gattung zurückgeführt und von anderen Arten derselben Gattung unterschieden wird. Die allgemeinsten Begriffe können somit nicht definiert werden, da sie auf keine allgemeinere Gattung rückführbar sind. Zu diesen Begriffen zählen vor allem die Begriffe „Sein“ und „Seiendes“. Diese nicht definierbaren allgemeinen Begriffe sind ohne Definition klar und einleuchtend. Sie befähigen dazu, andere Begriffe zu definieren. Würde es keine obersten, nicht definierbaren Begriffe geben, würde letztlich kein Begriff definiert werden können, da sich in dem Fall die Begriffe nur gegenseitig definieren würden, was zu einem inhaltslosen Kreis leerer Begriffe führte. Ein weiteres Beispiel sind Schlussfolgerungen. Geschlussfolgerte Sätze oder Aussagen werden durch andere Sätze oder Aussagen geschlussfolgert. Würde nun jeder Satz geschlussfolgert werden können, hätten wir einen riesigen Zirkelschluss, der nichts schlussfolgert. Die obersten Sätze des Schlussfolgerns, die keiner Schlussfolgerung bedürfen, sind diejenigen, von denen die Beweiskraft einer Schlussfolgerung abgeleitet wird. Dazu zählt vor allem unser Prinzip, dass Widersprüche nicht zugleich wahr sein können. Übertragen auf die Welt als Ganzes ist es also nicht abwegig, eine ursachenlose Ursache für nicht unlogisch zu halten.
Die fehlerhafte Annahme, dass alles eine Ursache habe, würde ich auf zwei Punkte im Wesentlichen zurückführen. Der eine Punkt ist falsche Voreingenommenheit. Der andere Punkt ist die Verwechslung mit folgendem Gedankengang: Alles, was existiert, kann existieren. Bei allem, was existieren kann, muss es eine Antwort darauf geben, wie es sein kann, dass es existiert. Die Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass etwas existiert, ist der Grund für die Existenz von etwas. Demnach hat alles, was existiert, einen Grund (im Sinne einer Erklärung). Der Unterschied zwischen den Aussagen, dass alles Existente einen Grund hat und dass alles Existente eine Ursache hat, ist der, dass alles, was eine Ursache hat, erstens einen Anfang und zweitens eine äußere Ursache hat. Wenn etwas Existentes einen Grund hat, muss das Existente weder einen Anfang haben, noch muss der Grund im Außen liegen. Die Verwechslung der Begriffe „Grund“ und „Ursache“ wäre in diesem Fall die Erklärung für die fehlerhafte Annahme, dass alles Existente eine Ursache habe.
Existenz Erhaltung
Bevor wir uns weiteren Voraussetzungen, eines angemessenen Eingehens auf die Frage nach den moralischen Konsequenzen von Gottes Existenz, direkt zuwenden können, werden wir im Rahmen der grundsätzlichen und allgemeinen Zugänglichkeit der Erkenntnis von Gottes Existenz noch einen weiteren Punkt behandeln. Wir wissen von der Existenz einer großen Menge von Dingen, wie z. B. Menschen, Steinen, Gesetzmäßigkeiten, dem Universum und vielem mehr. Eine Frage, die sich wahrscheinlich nicht so häufig gestellt wird, ist die, wie es sein kann, dass etwas Existierendes weiterhin existiert, anstatt ins Nichts zurückzufallen. Zugegeben, es ist eine ungewohnte und eher befremdliche Frage. Doch wieso sollte sie weniger Recht auf Zuwendung haben als z. B. die Frage nach dem Grund des Lebens? Also: Wie kann es sein, dass etwas Existierendes in der Existenz bestehen bleibt? Was befähigt etwas Existierendes, weiter zu existieren? Wodurch werden existierende Dinge in der Existenz gehalten? Als Antwort kommen logisch nur zwei Möglichkeiten infrage. Entweder geschieht dies durch das Ding jeweils selbst oder durch etwas anderes. Würde das Bestehenbleiben in der Existenz durch die Dinge selbst kommen, würde die Möglichkeit, weiterhin zu existieren, also von den Dingen selbst verwirklicht werden können. Die Existenz käme somit durch die Dinge selbst. Das geht jedoch nicht, was anhand eines Grundes gegen diese Annahme veranschaulicht werden soll: Die Existenz ist keine Eigenschaft neben anderen Eigenschaften. Die Existenz ist weitaus grundlegender, da alle Eigenschaften von Dingen die Existenz voraussetzen, ebenso wie ein Ding als Ganzes. Würde die Existenz als das Grundlegendste der Dinge und als logische Voraussetzung der Dinge nun durch die Dinge selbst kommen, müssten die Dinge notwendig existieren. Die Dinge und die Existenz müssten identisch sein. Sie könnten niemals nicht existieren und sie müssten schon immer existent gewesen sein. Hier ist wichtig zu unterscheiden zwischen „die Existenz kommt aus den Dingen“ und „die Existenz kommt durch die Dinge“. Dass die Existenz eines Dinges aus dem Ding selbst kommt, sei hier zugestanden. Doch dass die Existenz durch die Dinge selbst kommt, ist etwas anderes und geht, wie wir sahen, nicht, wenn die Dinge nicht notwendig existieren, was sie nicht tun.
Da die Dinge ihr Fortbestehen in der Existenz nicht durch sich selbst haben, erhalten sie es durch etwas anderes. Alles, was empfangen wird – wie in diesem Fall die Existenz – muss von etwas oder von jemandem gegeben worden sein. Gegeben werden kann etwas nur, wenn man es selbst hat. Übertragen auf unseren Fall nach dem Grund für das existenzielle Fortbestehen der Dinge heißt dies, dass es etwas oder jemanden geben muss, der notwendig existiert, der die Existenz aus sich selbst heraus hat und der alles Existierende fortwährend in der Existenz erhält.
Doch was ist dieses oder dieser, der alles in der Existenz bzw. im Sein erhält, der also alles Seiende am eigenen Sein anteilhaben lässt? Wer sollte es anders sein als die immaterielle und die den Raum und die Zeit übersteigende Ursache des Universums, von Raum, Zeit und Materie? Wer sollte es anders sein als Gott? Dass das, was alles Existierende in der Existenz erhält, auch dasjenige ist, was dem Universum, dem Raum, der Zeit und Materie die Existenz verliehen hat, ist mehr als naheliegend und bedarf auf diesem grundlegenden und allgemein zugänglichen Niveau meines Erachtens keines gesonderten Beweises, um als wahr angenommen zu werden.
Die menschliche Seele
Als Nächstes folgt die vorletzte wichtige Voraussetzung unseres eigentlichen Themas. Hier gehen wir etwas näher auf uns Menschen ein. Genauer gesagt auf das, was wir sind. Es soll die Überzeugung geben, dass wir Menschen vollständig auf Materie und materielle Prozesse reduzierbar seien. Alle sogenannten geistigen Phänomene seien angeblich durch Hirnaktivität erklärbar. Die Folge dessen wäre die, dass wir Menschen mit dem Tod vollständig aufhörten zu existieren. Wie sollten wir auch, wenn wir nur ein Körper wären, über das Vergehen des Körpers hinaus fortbestehen können?
Keine Sorge: Die Annahme, dass wir vollständig auf unseren Körper zu reduzieren seien, ist falsch, was im Folgenden kurz gezeigt wird. Diese Annahme steht im Widerspruch zu unserem Wissen, welches wir dank unseres gesunden Menschenverstandes besitzen. Dank unseres gesunden Menschenverstandes wissen wir, dass wir selbstbestimmt einfache Handlungen ausführen können, wie z. B. das Heben eines Armes, das Verändern der Körperhaltung oder das Gehen zu einem anderen Ort. Wäre die Vorstellung wahr, dass wir nur unser Körper wären, müssten alle sogenannten mentalen Akte eine Folge materieller (neuronaler) Prozesse im Körper (Gehirn) sein. Da wir jedoch Handlungsentscheidungen frei treffen können – z. B. für die Handlungen der Beispiele –, sind die materiellen Prozesse im Körper nicht die Voraussetzungen der Entscheidungen, sondern vielmehr die Folge der Entscheidungen.
Dank unseres gesunden Menschenverstandes wissen wir auch, dass so etwas wie moralische Verantwortlichkeit existiert. Wir wissen, dass z. B. der Holocaust schlecht war, dass es falsch ist, andere Menschen zu ermorden oder zu vergewaltigen, und noch vieles mehr. Moral, Verantwortung und Freiheit kann es jedoch nicht geben, wenn der Mensch vollständig auf Materie zu reduzieren wäre. Würde der Mensch nur Materie sein, wären seine Handlungen vollständig durch physikalische Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Es blieb kein Raum mehr für Freiheit und somit für Verantwortung oder für Moral.
Ein weiterer Inhalt, den wir sicher wissen, ist der, dass wir subjektives Erleben haben. Wir erfahren es schließlich ständig. Würde der Mensch vollständig auf seinen Körper zu reduzieren sein, müsste alles Menschliche – also einschließlich des subjektiven Erlebens – in den materiellen Prozessen des Körpers enthalten sein. Doch es gibt keine materiellen oder physischen Informationen darüber, wie ein Apfel schmeckt oder wie die Farbe „Blau“ aussieht. Kann es auch nicht. Dies kann nur subjektiv erlebt werden.
Ein weiterer Punkt, den wir sicher wissen, ist der, dass wir uns in unseren Gedanken auf etwas richten können. Wir können uns gedanklich z. B. auf andere Personen, auf Orte, auf Fiktionen oder auf uns selbst richten. Materie ist so etwas nicht möglich. Sie kann sich nicht selbst übersteigen, sich auf anderes richten oder zu einer abstrakten Ebene vordringen.
Diese Punkte sollten gereicht haben, um zu erkennen, dass wir mehr sind als nur Materie, bzw. unser Körper. Doch was ist dieses „Mehr“, welches wir sind? Welcher Teil unseres Wesens vermag es, Entscheidungen zu treffen, moralische Verantwortung zu begründen, subjektiv zu erleben und über sich hinauszugehen? Dieser Teil unseres Selbst ist das, was wir „Seele“ nennen. Man beachte hier, dass wir – ähnlich wie beim Begriff „Gott“ – nicht vorab eine klare und feste Vorstellung des Begriffs „Seele“ hatten, die wir dann als Lückenfüller für etwas, das wir nicht verstehen, genutzt haben. Auch hier ist es genau umgekehrt gewesen. Wir haben nach dem Grund von Phänomenen gesucht, von denen wir eine klare und feste Vorstellung haben. Anschließend haben wir dem Grund den Namen „Seele“ gegeben und verstehen unter dem Begriff „Seele“ nun den Teil von uns, der die besagten Phänomene begründet. Die Seele ist also genau der Teil von uns, der frei ist, aufgrund dessen der Mensch moralische Verantwortung hat, in dem subjektives Erleben stattfindet und der sich selbst übersteigen kann. Da der Mensch also nicht nur Materie, sondern auch Seele ist, muss er mit dem Vergehen seines Körpers nicht notwendigerweise vollständig aufhören zu existieren. Die Verbundenheit von Körper und Seele ist es, die im Tod mit dem Vergehen des Körpers aufhört zu existieren. Für die wesentlichen Inhalte dieses Artikels ist es als Voraussetzung nicht nötig, tiefer in die Frage nach der Unsterblichkeit der menschlichen Seele vorzudringen. Es reicht die Offenheit für die Möglichkeit des Fortbestehens der Seele über den Tod hinaus.
Des Menschen Glück
In diesem Abschnitt folgt die letzte wichtige Voraussetzung einer angemessenen Behandlung der Frage nach den moralischen Konsequenzen von Gottes Existenz. Diese umfasst das Thema der Vollendung menschlichen Glücks. Ich gehe davon aus, dass jede lesende Person dieser Zeilen bereits Erfahrungen gemacht hat, die sie als positiv, schön und wertvoll bewertet. Ich gehe außerdem davon aus, dass sich jede Person, die diese Zeilen liest, bereits in irgendeiner Weise über die Frage Gedanken gemacht hat, was Glück ist und ob oder wie es zu erreichen ist. Und tatsächlich ist es so, dass, wenn sich angemessen vorgestellt wird, authentische, selbstlose Liebe zu geben und zu empfangen, ein Eindruck von etwas gewonnen wird, das als „Glücklichsein“ bezeichnet werden kann. Doch glücklich zu sein, heißt nicht, glückselig zu sein. Mit „Glückseligkeit“ ist der Zustand maximalen und vollkommensten Glücks gemeint, die Vollendung menschlichen Glücks. Es gibt zwei wesentliche Bedingungen der Glückseligkeit. Zum einen darf der Mensch es in diesem Zustand nicht noch vermögen, irgendetwas über diesen Zustand hinaus zu begehren oder zu erstreben, da dieser Zustand den Menschen absolut erfüllt. Der Mensch ist, plump gesagt, so sehr erfüllt, dass kein weiteres Glück in ihm Platz hat. Mehr noch: Alle weiteren Güter müssen im Angesicht des Gutes, welches glückselig macht, wie eine Kerzenflamme im Angesicht der Sonne verblassen. Die zweite wesentliche Bedingung ist die, dass der Zustand der Glückseligkeit über eine endlose Dauer nicht an Qualität und Wert für den Menschen verlieren darf. Selbst im Angesicht einer unendlichen Dauer, darf das seligmachende Gut nichts von seiner seligmachenden Kraft verlieren.
Schöne Worte, und sie klingen geradezu märchenhaft, denn sicher wird sich bestimmt jeder darüber sein, dass es in unserer Welt nicht nur kein solches Gut, keinen solchen Zustand gibt, sondern dass es sogar nicht möglich ist, sich auszumalen, wie sich der Zustand der Glückseligkeit anfühlen soll.
Setzen wir diese wunschhafte Vorstellung zunächst in Beziehung zu den bisherigen Inhalten dieses Artikels. Wir sahen, dass es etwas geben muss, das wir Gott nennen, und welches sowohl unser Universum, Materie, Raum und Zeit geschaffen hat als auch alles Seiende jeden Augenblick in der Existenz hält. Außerdem sahen wir, dass wir Menschen eine Seele haben, für welche die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, den Tod zu überdauern und vielleicht sogar endlos lange zu leben. Dürfte es dann nicht auch grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden können, dass etwas so Mächtiges wie Gott, die Möglichkeit hat, uns, wenn die menschliche Seele den Tod überdauern sollte, nach unserem Tod die Glückseligkeit zu verleihen? Und könnte der Zustand der Glückseligkeit nicht auch in ähnlicher Weise etwas Neues, Anderes und Unvorstellbares sein, wie das plötzliche Sehen-Können einer von Geburt an blinden Person? Es gibt nicht nur nichts, was dagegenspricht, sondern diese Möglichkeit muss logisch sogar unter diesen Umständen von unserer Sicht aus offengehalten werden. Es klingt vielleicht utopisch, surreal und unerreichbar, doch jemand so Mächtiges wie Gott, der allem Seienden jeden Moment aufs Neue Existenz verleiht, könnte auch so mächtig sein, uns glückselig zu machen. Auch dieser Frage, inwiefern die Beziehungen zwischen uns Menschen, Gott und Glückseligkeit aussehen, kann sich philosophisch tiefer zugewandt werden. Für das eigentliche Ziel unseres Artikels reichen jedoch die bisherigen Ausführungen.
Zusammenfassung und Ergänzung
Im ersten Teil dieses Artikels sahen wir, dass die Wahrheiten grundsätzlich und allgemein zugänglich sind, dass Gott existiert, wir eine Seele haben und die Möglichkeit nicht auszuschließen ist, dass Gott unserer Seele, nach dem sogenannten „Tod“ Glückseligkeit zukommen lässt. Dies waren auch die wesentlichen Voraussetzungen, die uns für die Frage nach den moralischen Konsequenzen der Existenz Gottes gefehlt haben. Im Artikel „Existiert Gott?“ sahen wir, dass Gott – vereinfacht ausgedrückt – weitere Eigenschaften hat, wie Allmacht, Allwissenheit, absolutes Gutsein und höchste Vollkommenheit. Weiterhin sahen wir dort, dass Gott in höchstem Maße, das ist, was wir, bezogen auf uns Menschen, „Glücklichsein“ nennen, d. h., Gott bedarf nichts und niemanden und ist in sich unabhängig und frei. Im Folgenden sei kurz, bevor wir weitermachen, gezeigt, dass die soeben genannten Inhalte, die Gott zugeschrieben werden, grundsätzlich und allgemein erkennbar sind.
Wir sahen, dass Gott es vermag, aus dem Nichts zu erschaffen. Wie mächtig muss Gott sein, um dies zu vermögen? Der Abstand, das Verhältnis oder die Kluft zwischen dem Nichts und dem Sein – selbst dem geringsten und begrenztesten Seienden – ist unendlich. Das Nichts kann unendlich mit sich multipliziert werden und bleibt trotzdem nichts. Ebenso kann die Null mit Unendlich multipliziert werden und das Ergebnis bleibt trotzdem null. Jedes Seiende ist mehr als unendlich mal mehr als das Nichts. Da Gott aus dem Nichts die seiende Welt erschaffen hat, musste er diese Unendlichkeit überbrücken, um sie zu erschaffen. Um diese Unendlichkeit überbrücken zu können, muss Gott selbst unendlich viel Macht haben, Gott muss allmächtig sein. Wenn Gott unendlich viel Macht hat, muss sein Wesen selbst qualitativ unendlich sein. Wenn Gottes Wesen jedoch qualitativ unendlich ist, ist er das absolute Sein und hat alle Vollkommenheiten.
Zum Thema der Beziehung zwischen Sein und Vollkommenheit könnte hier noch mehr gesagt werden, doch stattdessen verweise ich auf den Artikel „Was ist das Gute?“, dessen wesentliche Aussagen ich für grundsätzlich und allgemein verständlich halte, auf die hier jedoch nicht weiter eingegangen wird.
Bevor wir weitermachen, sei auf etwas hingewiesen, das eigentlich bereits klar sein sollte. Die Inhalte dieses Artikels sind ausschließlich Gegenstand der natürlichen Vernunft. Die Inhalte sind rational, durch Denken nachvollziehbar und Objekt der Philosophie. Sie haben nichts mit Religion, Glauben oder Offenbarung zu tun. Die Fragen nach der Richtigkeit von Religion, Glauben und Offenbarung sind Fragen, die auf den Inhalten dieses Artikels aufbauen. Es sind Fragen, die logisch später kommen. Ihnen sollen eigenständige Artikel gewidmet werden.
Die moralischen Folgen der Existenz von Gott
Gott existiert also, was für uns Menschen erkennbar ist. Gott erhält uns ständig im Dasein. Gott schafft ebenfalls fortwährend all das, was wir zum Leben benötigen. Daraus folgt, dass objektiv gesehen-, dass von der Wirklichkeit aus gesehen-, dass vonseiten Gottes aus, eine Beziehung zwischen Gott und uns Menschen besteht. Gott baut Beziehung zu uns auf, indem er uns – und indem er all dem, was wir zum Leben benötigen – Existenz verleiht. Gott gibt auch dem Teil von uns Existenz, der Beziehung zu Gott aufbauen kann, der Teil von uns, der auf die Beziehung Gottes zu uns antworten kann – unserem Geist. Da wir Menschen in unserem Sein vollständig abhängig sind von Gott, Gott zu uns Beziehung aufbaut und uns gleichzeitig ermöglicht, darauf zu antworten, wird ihm daran gelegen sein, dass wir ebenfalls Beziehung zu ihm aufbauen. Dies sollte aus Folgendem klar werden: Wenn Gott als vollkommenes Wesen etwas macht, hat dies einen Grund. Gott handelt nicht zufällig oder willkürlich, da dies eine Unvollkommenheit wäre, die bei Gott nicht möglich ist. Der Grund für Gottes Handeln an uns Menschen kann entweder auf uns Menschen bezogen sein oder auf Gott selbst. Auf Gott wird der Grund des Handelns Gottes an uns Menschen nicht bezogen sein, da Gott bereits alles hat, was er für sich haben kann. Gott hat in keinerlei Hinsicht irgendeinen Mangel oder irgendein Bedürfnis, über das eine Steigerung an Erfülltheit bei ihm erreicht werden könnte. Er ist vollkommen. Also muss das Handeln Gottes an uns Menschen unseretwillen geschehen. Da uns Menschen Gott zudem mit unserem Verstand einen Wissensdurst, bzw. eine gesunde Wissbegier oder Neugier verleiht, insbesondere was existenzielle Fragen angeht, wie z. B. die Frage nach Gott, oder warum Gott in der Weise an uns handelt, wie er es tut, will Gott also, dass wir Menschen Beziehung zu ihm aufbauen. An Gott zu denken, ist schließlich bereits eine Form von Beziehung zu ihm.
Über diese Ausführungen hinaus, gibt es sogar noch leichtere Wege, um zur Wahrheit vorzudringen, dass es moralisch gut ist, Beziehung zu Gott aufzubauen. Gott als absolut vollkommenes Wesen ist in seinem Wert, seiner Würde und seiner Größe unendlich. Zudem sind wir Menschen vollständig abhängig von Gott, der obendrein noch Beziehung zu uns aufbaut. Mit diesen Tatsachen ist als unmittelbar evident verbunden, dass es moralisch gut und richtig ist, Gottes Beziehung zu uns durch Beziehung zu ihm zu erwidern bzw. auf seine Beziehung zu uns zu antworten, indem wir ebenfalls Beziehung zu ihm aufbauen. Dies soll dadurch unterstrichen werden, dass sämtliche Akte von Dankbarkeit, Bitten, Gehorsam, Unverständlichkeiten, Verehrung und Anbetung Gott gegenüber (um nur ein paar zu nennen)Formen von Beziehungserwiderungen sind. Selbst das Denken an Gott oder die Bewusstwerdung Gottes, bzw. der Allgegenwart Gottes, sind Formen der Beziehungserwiderungen. Diese Akte sind übrigens unabhängig davon Beziehungserwiderungen, ob wir sie wissentlich oder bewusst als Beziehungserwiderung ausführen, oder ob wir sie als solche ansehen. Das Wichtigste im Leben jedes Menschen durch das eigene Denken und Handeln als unwichtig und bedeutungslos herabzusetzen, indem es ignoriert wird, steht im Widerspruch zur Wirklichkeit und ist somit moralisch schlecht (als kurze Erinnerung sei wiederholt, dass wir im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen, dass das moralisch Gute im wirklichkeitsentsprechenden Handeln besteht). Da es moralisch gut ist, eine Beziehung zu Gott zu führen, ist es umso moralisch besser, je besser die Beziehung zu Gott ist.
Kult
Da das Thema der Beziehung zu Gott sehr umfangreich ist und dieser Artikel seine Grenzen hat, werden wir es hier nicht annähernd erschöpfend behandeln können. Wir beschränken uns hier auf wenige Formen der Beziehung zu Gott, die wir auch nur oberflächlich anschneiden können. Beginnen werden wir mit einer Voraussetzung für eine angemessene Beziehung zu Gott, nämlich dem Bewusstsein der eigenen Stellung zum Beziehungspartner. Wir Menschen sind Gott in jeder Hinsicht unterlegen, da Gott in allem, einschließlich seiner Würde, seiner Ehre und seinem Wert, unendlich ist. Wenn wir Menschen nun Beziehung zu ihm aufbauen, ist es angemessen und wirklichkeitsentsprechend, dass wir zum einen uns dessen bewusst sind und zum anderen dies in unserer Beziehung zu ihm ausdrücken. Doch wie drücken wir Gott gegenüber aus, dass wir seine Größe anerkennen? Dies geschieht durch das, was allgemein „Verehrung“ und „Anbetung“ genannt wird. Die Verehrung und Anbetung Gottes wiederum, kann auf verschiedene Weisen vollzogen werden. Hier betreten wir einen Bereich, in dem die menschliche Individualität eine große Rolle spielt. Die einen neigen mehr zu der einen Weise und andere mehr zu einer anderen. Es ist jedoch nicht unangemessen, mehrere Weisen zugleich in sein Leben zu integrieren, da sie sich gegenseitig unterstützen und befruchten können. Im Folgenden wird kurz auf fünf Weisen der Verehrung und Anbetung Gottes eingegangen. Die erste Weise heißt „freies Beten“. Das freie Beten besteht in frei gewählten Worten, die bewusst an Gott gerichtet werden. Im Rahmen der Verehrung und Anbetung Gottes, geht es in den Worten, die im freien Gebet bewusst an Gott gerichtet werden, um die Größe und Vollkommenheit Gottes. Die zweite Weise ist ähnlich der ersten Weise. Wir nennen sie hier „festes Beten“, und sie besteht in bereits vorformulierten Gebeten und Gebetstexten, welche inhaltlich im Rahmen der Verehrung und Anbetung Gottes ebenfalls die Größe und Vollkommenheit Gottes ausdrücken. Die dritte Weise ist das „Opfern“. Hier werden Dinge, die einem schwerfallen und die einem eher missfallen, bewusst für Gott ausgeführt, um Gott auszudrücken, dass er uns wichtig ist und wie sehr er uns wichtig ist. Dies ist eine Weise, die als ungewöhnlich und befremdlich erscheinen kann, aufgrund dessen sie hier etwas erhellt werden soll. Betrachten wir einmal zwischenmenschliche Beziehungen. Die Erfahrung zeigt uns, dass unverschuldet leidvolle Situationen in den Beziehungen von Menschen, wenn mit diesen Situationen richtig umgegangen wird, dazu führen, dass die Beziehungen der Menschen dadurch reifen und auf eine Art und Weise tiefer werden, wie sie es ohne die unverschuldet leidvollen Situationen niemals hätten werden können. Wenn Beziehungen von Menschen nie auf die Probe gestellt werden, wachsen sie weniger. Beziehungsproben sind solche unverschuldet leidvollen Situationen. Überdies können die Lesenden dieser Zeilen im Rahmen eines kleinen Gedankenexperiments selbst einen Test machen, der dieses „Opfer-Beziehungswachstumsprinzip“ weiter veranschaulichen soll: Stellen Sie sich eine beliebige Person vor, die Ihnen gegenüber in ihrem Handeln ausdrücken möchte, dass Sie ihr wichtig sind. Dafür macht diese Person etwas, von dem sie überzeugt ist, dass Sie sich darüber freuen würden. Stellen wir uns nun zwei Fälle vor, die in allem, außer in einem Punkt, gleich sind. Im ersten Fall hat die Person bei dem, was sie gemacht hat, um Ihnen ihre Wertschätzung auszudrücken, keine Mühen und Schwierigkeiten auf sich genommen. Im zweiten Fall hat die Person bei dem, was sie gemacht hat, um Ihnen ihre Wertschätzung auszudrücken, einiges an Mühen und Schwierigkeiten auf sich genommen.
Nun die Fragen an Sie: Bei welchem der beiden Fälle fühlen Sie sich mehr wertgeschätzt? Durch welchen der beiden Fälle wurde Ihnen mehr ausgedrückt, dass Sie der Person wichtig sind? Ich bin mir sicher, dass Sie den zweiten Fall gewählt haben. Bei unserer dritten Weise der Verehrung und Anbetung Gottes ist es vom Prinzip her genauso. Dadurch, dass Sie bewusst Mühen und Schwierigkeiten für Gott auf sich nehmen, drücken Sie Gott gegenüber aus, dass er Ihnen wichtig ist. Natürlich hat Gott es nicht nötig, dass man ihm gegenüber Opfer bringt, doch gleichwohl ist dies eine Weise der Verehrung und Anbetung von ihm.
Die vierte Weise ist die „Meditation“. Das Wort „Meditation“ kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Nachdenken“ und „Betrachten“. Hier geht es darum, den Geist frei von Äußerem zu machen, um ihn konzentriert auf bestimmte Wahrheiten zu richten, tiefer in diese Wahrheiten fortschreitend einzudringen und Neues zu schöpfen. Im Rahmen der Verehrung und Anbetung Gottes ist der Gegenstand der Meditation Gott selbst, insbesondere seine Größe und Vollkommenheit.
Die fünfte Weise ist die „Kontemplation“. Dieses Wort kommt ebenfalls ursprünglich aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Beschauen“. Genau wie bei der Meditation geht es bei der Kontemplation darum, tiefer in Wahrheiten vorzudringen, doch während in der Meditation schrittweise, stückweise, nachdenkend und überlegend vorgehend sich den Wahrheiten genährt wird, ist der Geist in der Kontemplation ruhig. Die Kontemplation vollzieht sich in der Stille, fernab des schrittweisen Denkens. In der Kontemplation verharrt der Geist, schauend auf die Wahrheiten gerichtet, das zusammengesetzte und vermittelte Erkennen überschreitend, in Einfachheit. Auch hier sind im Rahmen der Verehrung und Anbetung der Gegenstand Gott, insbesondere seine Größe und Vollkommenheit.
Offenbarungssuche
Eine weitere Form der Beziehung zu Gott besteht darin, den Willen Gottes an uns zu erfüllen, bzw. Gott gegenüber gehorsam zu sein. Dies zählt insbesondere zu dem mit, was moralisch gut ist, wofür es mehrere Gründe gibt. Wir beschränken uns hier auf zwei Gründe. Erstens sahen wir, dass Gott die Existenz selbst ist, dass alles, was existiert, an seiner Existenz Anteil hat und dass Gott das absolute Gute ist. Wenn nun das absolute Gute aufträgt, auf gewisse Weise zu handeln, muss es moralisch gut sein, dem Folge zu leisten. Zweitens sahen wir, dass Gott für sich bereits alles hat. Wenn er uns also zu bestimmtem Tätigsein anhält, ist dies nicht um seinetwillen, sondern um unseretwillen. Gott, als vollkommen und allwissend, weiß besser als wir, was gut für uns ist. Gott, als unserer Existenzspender, wird unsere Bestimmung nicht nur besser kennen, als wir selbst es tun. Es ist vielmehr sogar so, dass wir unsere Bestimmung von Gott erhalten hätten, in dessen entsprechendem Handeln sich der Gehorsam Gott gegenüber zeige, doch hierzu weiter unten mehr. Gott ist der Einzige, der uns – wie wir im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen – vollenden oder glückselig machen kann. Aus diesen Punkten folgt ebenfalls, dass es moralisch gut ist, Gott gegenüber gehorsam zu sein.
Doch woher wissen wir, ob und wenn ja, was Gott von uns will? Wir unterscheiden hier das Thema, dem Willen Gottes zu entsprechen, in zwei Bereiche. Der erste Bereich bezieht sich auf den Willen Gottes an uns, den wir von uns aus erkennen können. Der zweite Bereich bezieht sich auf den Willen Gottes für uns, den wir von uns aus nicht erkennen können, den Gott uns mitteilen oder offenbaren muss, damit wir ihn erkennen können. Wir beginnen hier mit dem zweiten Bereich. Wenn Gott etwas von uns will, das wir ohne seine Hilfe nicht erkennen können, dann muss er uns dies offenbaren, und zwar entweder durch allgemeine Offenbarung, die den Menschen grundsätzlich und allgemein zugänglich ist, oder durch persönliche Offenbarung. Ob Gott seinen Willen der Menschheit bereits allgemein offenbart hat und woran dies zu erkennen ist, sind umfangreiche Fragen, denen eigene Artikel gewidmet seien, hier jedoch nicht behandelt werden können. Was hier zu dieser Thematik gesagt werden kann, ist Folgendes: Weil es moralisch gut ist, dem Willen Gottes zu entsprechen und für uns Menschen die Möglichkeit besteht, dass Gott sich der Menschheit bereits offenbart haben könnte, mit dem, was er von uns möchte, ist es auch moralisch gut, danach zu suchen, ob sich Gott der Menschheit bereits offenbart hat. Ähnlich sieht es mit persönlichen Offenbarungen aus. Hier ist eine grundsätzliche Haltung der Offenheit, Achtsamkeit und Veränderungsbereitschaft möglichen außerordentlichen göttlichen Eingebungen und Führungen gegenüber moralisch angemessen.
Gottes Wille
Wir kommen nun zu dem Teil, bei dem es um den Willen Gottes an uns geht, den wir aus uns heraus erkennen können. Gott als Existenzerhalter aller Dinge, Begründer unserer Natur und Ursache zumindest der Grundlage und des Anfangs unserer Individualität, lässt uns auf verschiedene Weisen wissen, was er möchte, das wir tun. Zunächst einmal sei angemerkt, dass Gott uns nicht im Vorhinein mitteilt, was mit uns geschehen wird. Er zeigt uns nicht unsere Zukunft. Was wir über den Willen Gottes an uns wissen können, ist das, was Gott möchte, wie wir in der Gegenwart handeln sollen. Wir können bis zu einem gewissen Grad erkennen, was Gott möchte, wie wir im Jetzt tätig sein sollen. Das heißt jedoch nicht, dass die Handlungen oder Ziele, die gegenwärtig ausgeführt oder gesetzt werden sollen, zum angestrebten Abschluss kommen müssen. Beispiele: Angenommen, wir erkennen, dass wir jetzt einen Marathon anfangen sollen zu laufen, heißt dies nicht, dass wir während des Marathons nicht erkennen könnten, dass wir ihn nicht zu Ende laufen sollen. Oder angenommen, wir erkennen heute, dass wir die Absicht fassen sollen, ein bestimmtes Studium zu absolvieren, heißt dies nicht, dass wir morgen nicht erkennen könnten, dass wir das Studium doch nicht absolvieren sollen.
Diese Beispiele sollen nicht ausdrücken, dass wir ein wankelmütiges Leben führen sollen, sondern einfach nur, dass das, was wir erkennen können, was wir konkret zu tun haben, auf den gegenwärtigen Moment bezogen ist.
Kommen wir nun zur Frage zurück, was Gott will, wie wir handeln. Wir sahen bereits an mehreren Stellen, dass Gott vollkommen und absolut gut ist und unser menschliches Sein erschaffen hat. Gott hat unser menschliches Sein mit dem geschaffen, womit es zu seiner Verwirklichung gelangt. Im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen wir außerdem, dass moralisch gute Handlungen dasjenige sind, wodurch wir uns größtmöglich verwirklichen können. Gott als das absolute Gute kann als Ziel für uns nichts Geringeres haben, als das Beste für uns. Wenn er von uns also will, dass wir auf eine bestimmte Weise tätig sind, ist diese bestimmte Weise des Tätigseins also immer im Rahmen moralisch guter Handlungen und immer auf eine Vermehrung moralischer Güte hin ausgerichtet. Dies schließt ein, dass unsere Beziehung zu Gott tiefer wird. Die Beziehung zu Gott kann direkt und indirekt vertieft werden. Direkt dadurch, dass moralisch gute Handlungen vollzogen werden, die sich direkt an Gott richten, und indirekt dadurch, dass moralisch gut insofern gehandelt wird, als sich die Handlungen auf Mitmenschen und sich selbst beziehen. Gottes Absicht für die Handlungen, die er will, dass wir sie tun, ist also die Vermehrung moralischer Güte bei uns, einschließlich des Inniger-Werdens der Beziehung zu ihm. Es gibt noch einen indirekten Weg, dies zu erkennen: Gott ist der Begründer unserer Natur. Unsere Natur ist darauf aus, sich selbst zu verwirklichen. Ihr ist ein Gewissen inhärent, welches uns zu moralisch guten Handlungen bewegt. Außerdem ist unsere Natur mit einem Verstand ausgestattet, welcher die unmittelbar evidente Wahrheit erkennt, dass moralisch gut zu handeln ist und moralisch schlechte Handlungen nicht ausgeführt werden sollen – das oberste Handlungsprinzip. Durch unsere Natur lässt Gott uns also die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Ziele wissen, die er möchte, dass sie unsere Handlungen haben.
Wie unsere Handlungen nun konkret auszusehen haben, ergibt sich aus vier Kriterien. Erstens aus der objektiven Eignung, zweitens aus der subjektiven Neigung, drittens aus den nicht willentlichen Einflussfaktoren oder den äußeren Umständen (dies schließt die zur Verfügung stehende Zeit und den gegenwärtigen Informationsstand über die möglichen Handlungsoptionen ein) und viertens aus der Einhaltung der oben dargelegten Rahmenbedingungen für Handlungen. Dies sind deshalb die Kriterien, anhand derer zu erkennen ist, wie gehandelt werden soll, da sie zum einen alle relevanten Punkte, die mit Handlungen in Zusammenhang stehen, abdecken. Zum anderen haben diese Kriterien zur Folge, dass in konkreten Situationen bestimmte Handlungen vernünftig sind. Gott als Schöpfer aller Dinge, einschließlich der dargelegten Kriterien und unserer vernünftigen Natur, zeigt uns somit durch die Kriterien und unsere Vernunft, was er möchte, wie wir handeln sollen.
Anstatt das soeben Dargelegte im Folgenden aufwendig auf verschiedene Einzelfälle anzuwenden, um es verständlicher zu machen, wird es bevorzugt, hier eine weitere Möglichkeit darzulegen, den Willen Gottes für unser Handeln zu erkennen. Da jedem Menschen die Möglichkeit zugänglich sein soll, den Willen Gottes zu erkennen, nicht jeder Mensch jedoch Studien darüber betreibt, muss es eine leichter zugängliche Möglichkeit geben; eine, die durch Erfahrung zugänglich ist. Da sich der göttliche Wille für unser Handeln in unserem menschlichen Sein kundtut, werden die Entsprechung zum göttlichen Willen und seine Missachtung – wenn nicht auf außerordentliche Weise – ebenfalls in unserem menschlichen Sein erkenntlich sein. Gott als derjenige, der jede Vollkommenheit absolut ist (siehe „Existiert Gott?“), ist somit auch absolute Harmonie. Weiterhin hat alles Seiende das eigene Sein anteilhaft mitgeteilt bekommen, vom absoluten Sein, von Gott. Was könnte also angemessener sein, als wenn durch das Handeln, im Einklang mit dem göttlichen Willen, als innere Folge Harmonie mitgeteilt wird? Das Handeln, im Einklang mit Gottes Willen (dies schließt immer eine Haltung der Offenheit und Veränderungsbereitschaft ein) hat im Inneren des Menschen Harmonie zur Folge, die als Frieden, Ruhe, Freude und Leichtigkeit beschrieben werden kann, in Kombination mit der Gewissheit, das Richtige zu tun, bzw. das Richtige getan zu haben. Das Handeln wider den göttlichen Willen jedoch, hat im Innern einen Mangel an Harmonie zur Folge, der als Leere, Unruhe und Schwere ausgedrückt werden kann.
Wichtig zu wissen sei hier, dass eine Person im Innern auch Harmonie erfahren kann, obwohl sie Dinge tut, die objektiv gesehen nicht gut sind. Es kommt bei der Entsprechung zum göttlichen Willen nicht auf die absolute Entsprechung zur objektiven Wirklichkeit an, sondern darauf, inwieweit eine Person zum einen so handelt, wie sie aufrichtig der Überzeugung ist, dass es richtig und gut ist, und zum anderen, ob und inwieweit die Person versucht, die objektive Wirklichkeit von gut und schlecht zu erkennen und ihr im Handeln zu entsprechen. Da keine Person bis ins Letzte die objektive Wirklichkeit von gut und schlecht kennt und Gott nur Handlungen erwartet, die realistisch, möglich bzw. ausführbar sind (ansonsten wäre dies eine Unvollkommenheit Gottes und dies ist nicht möglich), geht es Gott nicht darum, dass im Handeln absolut der objektiven Wirklichkeit entsprochen wird, obwohl sie nicht erkannt wird. Im Handeln und Sein, welches diese innere Harmonie zur Folge hat, darf man die Gewissheit haben, den Willen Gottes zu erfüllen, sich dem Willen Gottes zu übergeben, in Gott loszulassen, sich in Gott fallen zu lassen und letztlich sogar auf die Erfüllung der eigenen Bestimmung hinzuwirken.
Exkurs: Praktische Tipps
Im vorliegenden Abschnitt geht es um praktische Tipps zur Förderung der Beziehung zu Gott. Das Ziel ist es, durch leicht durchführbare Praktiken möglichst stark darauf hinzuarbeiten, eine lebendige Beziehung zu Gott zu führen. Dies soll dadurch erreicht werden, dass Gott systematisch an allem im Alltag teilhaben gelassen wird, was in der Praxis bei andauernder Übung zu einer Veränderung des Denkens und der Haltung führen soll. Die vorgeschlagenen Tipps oder Praktiken, wenden sich an alle Menschen, und zwar unabhängig von der persönlichen Individualität oder der täglich zur Verfügung stehenden Zeit. Die vorgeschlagenen Tipps oder Praktiken sind also, dank ihres minimalen Zeitaufwandes, in jeden Alltag integrierbar. Zudem sind die Vorschläge dieses Abschnitts sowohl für Einsteiger – bezogen auf eine gelebte Beziehung zu Gott – geeignet, als auch als Ergänzung für Fortgeschrittene.
Im Alltag ist es üblich, sich verschiedenen Beschäftigungen zuzuwenden. Dazu gehören z. B. die regelmäßige Hygiene (sich waschen oder Zähne putzen), Nahrungsaufnahme, Arbeit, Haushalt, etc. Nun haben wir im Alltag oft Situationen, in denen wir die Beschäftigungsart wechseln, in denen wir etwas beenden und mit etwas anderem beginnen. Der erste Tipp bezieht sich auf solche Momente. Wenn wir uns nun im Alltag in einer solchen Situation befinden, in der wir mit einer Beschäftigung aufhören und eine neue beginnen, haben wir die Möglichkeit, in diesem Wechsel kurze Akte der Bewusstwerdung Gottes und der Weihe der Beschäftigungen an Gott impulsartig zu vollziehen. Dies geschieht dadurch, dass wir kurz innehalten, in uns kehren und durch kurze gedankliche Sätze, wie z. B. „Alles zur größeren Ehre Gottes“, „Ich gebe mich Dir hin“ oder „Herr, wie Du willst“ die vergangene und kommende Beschäftigung Gott übergeben, Gott allem Anteil lassen haben, Gott in unserem Alltag mitnehmen. Dies kann regelmäßig bei Beschäftigungswechseln getan werden. Wenn in einer Phase im Alltag mehrere kurz dauernde Beschäftigungen aufeinanderfolgen, ist es sinnvoll, eine Regelmäßigkeit zu wählen, mit der man sich selbst wohl fühlt. Dies muss nicht bei jedem Beschäftigungswechsel sein.
Der Alltag hat verschiedene Arten von Beschäftigungen. Einige erfordern unsere Konzentration, andere eher weniger. Bei Beschäftigungen, die nicht unsere volle Aufmerksamkeit erfordern, sondern die routine- gewohnheitsmäßig ablaufen, haben wir die Möglichkeit, unsere Gedanken auf Inhalte zu richten, die sich von der Beschäftigung unterscheiden, welche wir gerade ausführen. Während solcher Beschäftigungen haben wir durch drei verschiedene Optionen die Möglichkeit, unsere Beziehung zu Gott zu vertiefen. Option eins ist, dass wir unsere Gedanken in diesen Beschäftigungen auf die Gegenwart Gottes richten und bei dieser verweilen, in sie eintauchen, in ihr innerlich zur Ruhe kommen. Option zwei ist, dass wir uns während dieser Beschäftigungen gedanklich mit Gott unterhalten. Wir können ihm sagen, was uns aktuell innerlich beschäftigt, wie es uns geht, was wir gerade machen, was unsere Ziele und Wünsche sind und so weiter. Option drei ist, dass wir einen kurzen Gebetssatz gedanklich beten und immer wiederholen und uns in diesen Wiederholungen in den Inhalt dieses kurzen Gebetes versenken. Beispiele für solche kurzen Gebetssätze sind zum einen die kurzen gedanklichen Beispielsätze von oben, oder zudem noch „Ich liebe Dich“, „Bitte rette Person xyz“ und „Oh Herr, erbarme Dich meiner“oder eigenständig Verfasste.
Neben den bereits genannten alltäglichen Situationen, die entweder im Wechsel von Beschäftigungen bestehen oder in Beschäftigungsarten, die keiner vollen Aufmerksamkeit bedürfen, gibt es noch Momente der Beschäftigungslosigkeit, über die spontan frei verfügt wird. In solchen Momenten bietet es sich an, bewusst nichts zu tun und Stille zuzulassen, auf deren Grund wir uns ebenfalls dem gegenwärtigen Gott zuwenden können, um in seiner Gegenwart im Geiste zu verweilen. Da wir in unserem digitalen Zeitalter gedanklich und zeitlich jedoch sehr von Social Media, Internet und elektronischen Geräten eingenommen sind, fällt es uns zunehmend schwer, innerlich frei zu werden. Bevor wir mit der wichtigsten Praktik enden, sei hier aufgrund dessen ein zusätzlicher Tipp empfohlen, der auf unsere digitale Welt Bezug nimmt. Im freizeitlichen Umgang mit Social Media, Internet etc. ist es allzu oft so, dass wir uns diesem hingeben, ohne uns vorher klare Ziele zu setzen, bzw. ohne uns vorher Grenzen der gegenwärtigen Nutzung zu setzen. Dies führt zu Zeitverlust und letztlich, da dieser Umgang unvernünftig ist, zur inneren Entleerung. Stattdessen haben wir die Möglichkeit, die freizeitliche Nutzung von Social Media, Internet, etc. vernünftig zu handhaben, indem wir uns zu Beginn klare Ziele und Grenzen der gegenwärtigen Nutzung setzen. Die Grenzen können sich auf die zeitliche Dauer beziehen oder auf die Quantität des Inhalts (beim Schauen einer Serie z. B., kann die Begrenzung der zeitlichen Dauer in 2 h oder die Begrenzung der Quantität des Inhalts in 3 Folgen bestehen). Durch dieses vernünftige Vorgehen in Bezug auf den freizeitlichen Umgang mit Social Media, Internet usw., steht einem selbst im Alltag etwas mehr Zeit zur Verfügung. Dadurch haben wir die Möglichkeit, 10 min dieser Zeit auf eine bestimmte Weise in die Beziehung zu Gott zu investieren. Bei dieser Praktik geht es um das bewusste Verweilen in der Gegenwart Gottes. Hierfür empfiehlt es sich, einen Timer zu stellen. Zu Beginn bereitet man sich durch eine bequeme Position und Körperhaltung vor. Während dieser 10 min wird in Stille im Geiste die Gegenwart Gottes bewusst gemacht und darin verweilt. Wenn man merkt, dass die Gedanken abschweifen, kehrt man einfach zurück. Diese Übung kann sowohl mit offenen als auch mit geschlossenen Augen vollzogen werden. Falls die Übung mit offenen Augen vollzogen wird, wäre es gut, wenn über die Dauer der 10 min die Augen nur auf einen Punkt gerichtet sind. Dieser Punkt sollte optimalerweise etwas sein, was einen selbst an Gott erinnert, was man selbst mit Gott assoziiert, was einem selbst die Gegenwart Gottes repräsentiert.
Kommen wir nun zur wichtigsten Praktik. Diese ist die Voraussetzung für das Gelingen der anderen Praktiken. Sie ist deren Fundament, Stütze, Anker und Halt. Es ist die tägliche Reflexion oder Gewissenserforschung. Hierbei reflektiert man den vergangenen Tag unter dem Gesichtspunkt, inwieweit die Vorsätze für den Alltag zur Verbesserung der Beziehung zu Gott erfolgreich waren. Konnten die Vorsätze umgesetzt werden oder nicht? Wenn ja, warum? Dies sollte übernommen und ausgebaut werden. Wenn nein, warum? Dies sollte am nächsten Tag besser gemacht werden. Die Reflexion führt dazu, dass nicht nur an der Beziehung zu Gott gearbeitet wird, sondern man sich selbst und die menschliche Natur allgemein tiefer kennenlernt. Sinnvoll ist es, die Reflexion vor dem Schlafengehen auszuführen. Die gefühlte Dauer von 10 min ist hier bewährt. Wer will, kann sich jedoch auch einen Timer stellen. Erfahrungsgemäß variiert die Dauer der Reflexion allerdings in Abhängigkeit vom Inhalt des Tages und dem Grad an Ungewohntem.
Exkurs: Innere Freiheit
In der Beziehung zu Gott spielt die Freiheit eine große Rolle. Freiheit – das sahen wir bereits an mehreren Stellen – ist notwendige Voraussetzung für moralische Handlungen, und die gepflegte Beziehung zu Gott ist moralisches Handeln. Anders ausgedrückt sind die menschlichen Kräfte, durch die menschliche Freiheit zustande kommt, diejenigen, wodurch der Mensch Beziehung zu Gott aufbauen kann. Nun ist es jedoch so, dass wir Menschen innerlich nicht vollends frei sind, sondern in vielen Hinsichten emotional unfrei. Wir hängen an vielen Dingen und tragen Anhänglichkeiten und Abhängigkeiten in uns. Diese können bei jedem anders aussehen. Manche Abhängigkeiten sind mehr verbreitet, andere wiederum weniger. Beispiele solcher Anhaftungen unseres emotionalen Wohlbefindens sind Bestätigungssucht, Angst vor Ablehnung, Vermeidung von Konflikten, ungeordneter Unterstützungsdrang, Abhängigkeit von Reaktionen anderer und vieles mehr. Es ist selbst eine emotionale Unfreiheit, wenn das emotionale Wohlbefinden davon abhängt, gerecht behandelt zu werden. Die emotionalen Anhaftungen schränken unsere Freiheit ein und hindern uns somit an unserer Beziehung zu Gott. Doch wie vermögen wir es, diese Abhängigkeiten zu überwinden?
Diese Arten sozial-emotionaler Abhängigkeiten sind dadurch charakterisiert, dass ihnen Erwartungen vorausgehen. Die Unfreiheit dieser Arten von Abhängigkeiten macht sich dadurch bemerkbar, dass, wenn in den jeweiligen Situationen den eigenen Erwartungen nicht entsprochen wird, ein negatives emotionales Empfinden die Folge ist, welches uns in unserem Denken und Tun gegen unseren eigentlichen Willen beeinflusst. Wollen wir diese Arten innerer Anhaftung überwinden, müssen wir von unseren Erwartungen ablassen. Wenn wir keine Erwartungen mehr an uns oder unsere Mitmenschen haben, werden uns keine Emotionen in unserer Freiheit mehr einschränken können.
Von den Erwartungen abzulassen, heißt nicht, untätig zu werden oder keine Ziele oder Wünsche mehr haben zu dürfen. Es heißt auch nicht, dass wir uns selbst oder unsere Mitmenschen verwahrlosen lassen. Es heißt nicht einmal, dass wir uns selbst oder unseren Mitmenschen weniger Interesse gegenüberbringen. Es heißt vielmehr, dass wir vernunftgeleitet vorgehen. Es heißt, dass wir uns unserer Vernunft entsprechend Handlungsziele setzen und ihnen entsprechend handeln, ohne jedoch die Erwartung zu haben, dass diese Ziele erfüllt werden. Wir setzen zwar alles daran, dass diese Ziele erfüllt werden, doch wenn sie es nicht tun, führen uns nicht erfüllte Erwartungen nicht in emotionale Unfreiheit. Stattdessen wird mit der Vernunft geschaut, ob und wenn ja, welche Konsequenzen angemessen sind. Der Unterschied zwischen dem erwartungsgesteuerten Handeln und dem hier beschriebenen Handeln ohne Erwartungen ist der, wie zwischen emotionsgesteuertem Handeln und vernunftgeleitetem Handeln. Das Interesse für uns und andere muss ohne Erwartungen nicht geringer werden. Es verlagert sich nur mehr auf unsere geistige Ebene. Es ist vielmehr sogar so, dass, wenn wir in Freiheit mit unserem Verstand und Willen jemandem Interesse entgegenbringen, dieses Interesse authentischer sein kann, da unser Interesse anderen gegenüber nur hier den Charakter wahrer Selbstlosigkeit annehmen kann. Die Emotionen werden bei der Erwartungslosigkeit nicht unterdrückt, abgetötet oder verteufelt. Das sollen sie auch nicht. Sie werden vielmehr geordnet, indem sie nicht unkontrolliert unser Handeln beeinflussen. Sie bleiben jedoch weiterhin bestehen, und zwar als Folge unseres vernunftgeleiteten Handelns.
Die handlungsrelevante Wirklichkeit
An dieser Stelle soll ein kurzer Überblick über die handlungsrelevante Wirklichkeit gegeben werden. Diese spielte bei der Frage nach dem Wesen moralischen Gutseins eine große Rolle und war somit Teil des Artikels „Was ist das moralisch Gute?“. Hier wird nun eine allgemeine und kurze Zusammenfassung aus einem neuen Blickwinkel über sie gegeben.
Im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen wir, dass moralisch gute Handlungen in der vom Willen vollzogenen Selbstverwirklichung bestehen. Unser Selbst wiederum ist wesentlich mit Vernunft ausgestattet. Außerdem sahen wir, dass der Gegenstand der Vernunft die Wirklichkeit ist. Da moralisch gute Handlungen, Akte der willentlich vollzogenen Selbstverwirklichung sind und die Vernunft zum Selbst gehört, wird die Vernunft und somit das Selbst durch willentliche Handlungen verwirklicht, die in Übereinstimmung mit der handlungsrelevanten Wirklichkeit des Menschen stehen. Durch die Verwirklichung der Vernunft wird der Mensch verwirklicht und mit der Vernunft verwirklicht sich der Mensch in seinen anderen Hinsichten.
Wer oder was zählt jedoch zur handlungsrelevanten Wirklichkeit des Menschen? Zu ihr zählt zunächst einmal – ganz klar – die handelnde Person selbst. Die handelnde Person kann z. B. die Wirklichkeit der eigenen Person im Handeln falsch (nicht wirklichkeitsgemäß) in die Gesamtwirklichkeit einordnen. Dann zählen andere Menschen bzw. die menschliche Gemeinschaft zur handlungsrelevanten Wirklichkeit, da es dem menschlichen Wesen innerlich ist, dass er der menschlichen Gemeinschaft bedarf, dass er ein soziales Lebewesen ist, dass er auf eine menschliche Gemeinschaft hingeordnet ist. Des Weiteren zählt Gott zur handlungsrelevanten Wirklichkeit, da der Mensch sich Gott zu verdanken hat und vollständig von ihm abhängig ist.
Dies folgt aus dem Wesen und der Vernunft des Menschen. Die moralischen Verpflichtungen des Menschen, die sich aus seinem Wesen und dem Handlungsprinzip, stets das Gute tun zu sollen, ergeben, hat der Mensch diesen drei Gegenüber: Jeder Mensch hat Verpflichtungen sich selbst, der menschlichen Gemeinschaft und Gott gegenüber.
Gehört es zur handlungsrelevanten Wirklichkeit, vom Menschen hergestellte Gebrauchsgegenstände sachgerecht zu nutzen? Gebrauchsgegenstände sind nicht eigenständiger Gegenstand der handlungsrelevanten Wirklichkeit. Es gibt im Wesen des Menschen nichts, das ihn moralisch direkt daran bindet, Gebrauchsgegenstände sachgerecht zu nutzen. Je nach Kontext kann jedoch aus der moralischen Bindung an die menschliche Gemeinschaft, die unsachgemäße Nutzung von Gebrauchsgegenständen zu einer moralischen Schuld gegenüber anderen Menschen führen. Gegenüber den Gebrauchsgegenständen jedoch, kann der Mensch keine Schuld haben und der Mensch hat Gebrauchsgegenständen gegenüber, keine Verpflichtungen.
Maßstab moralischen Handelns
Das Thema des Maßes moralischen Handelns verdient einer gesonderten Zuwendung. Im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ haben wir dieses Thema weitgehend in unseren expliziten Ausführungen übersprungen. Doch implizit ist es dort bereits vorhanden. Wir sahen, dass moralisch gutes Handeln in einer bestimmten Qualität von Selbstverwirklichung besteht, oder, anders ausgedrückt, dass moralisch gutes Handeln im wirklichkeitsentsprechenden Handeln besteht, bzw. im wirklichkeitsentsprechenden Handeln, insoweit die Wirklichkeit – im handlungsrelevanten Sinne – erkannt wird, und dass sich fortwährend um Erkenntniswachstum der Wirklichkeit bemüht wird (wir Unterschieden moralisches Handeln zum einen in die Arten von Demut, welche in engerem Sinne und direkt in wirklichkeitsentsprechendem Handeln bestehen, und zum anderen in vernunftgeleitetem Handeln – im Gegensatz zum vernunftwidrigen Handeln dem sinnlichen Strebevermögen entsprechend – welches im weiteren Sinne oder indirekt in wirklichkeitsentsprechendem Handeln besteht). Außerdem wurden moralische Handlungen unterschieden, in einen objektiven und einen subjektiven Teil. Der objektive Teil moralischer Handlungen besteht darin, inwieweit der Wirklichkeit im Handeln entsprochen wird. Der subjektive Teil moralischen Tätigseins besteht darin, inwieweit der eigenen Erkenntnis über die Wirklichkeit entsprochen und inwieweit sich um Wirklichkeitserkenntnis bemüht wird. Die vollständige moralische Handlung umfasst beide Teile, den objektiven und den subjektiven. Wenn wir nun die Frage nach dem Wesen des Maßes moralischer Handlungen stellen, müsste zunächst einmal geklärt werden, worauf wir uns beziehen. Beziehen wir uns mit der Frage auf die subjektiven moralischen Handlungen, auf die objektiv moralischen Handlungen oder auf die vollständige Dimension moralischer Handlungen? In Abhängigkeit von der Konkretisierung der Frage, fällt auch die Antwort verschieden aus. Wenn sich auf den objektiven Teil moralischer Handlungen bezogen wird, besteht die Antwort darin, dass das Maß darin besteht, inwieweit der Wirklichkeit objektiv entsprochen wird. Ein Mord ist also als moralische Tat im Vergleich zu einer Beleidigung mehr schlecht, da er eine größere Abweichung von der Wirklichkeit ist: Wir Menschen als soziale Lebewesen sind existenziell (metaphysisch) abhängig von einer menschlichen Gemeinschaft, und durch einen Mord wird mehr gegen die menschliche Gemeinschaft mit ihrem Ziel des Gemeinwohls gehandelt als durch eine Beleidigung.
Das Maß subjektiver Handlungen bezieht sich darauf, inwieweit im Handeln der Wirklichkeit entsprochen wird, insoweit sie erkannt ist, und inwieweit sich nach Möglichkeiten um ein Wachstum der Erkenntnis der – insbesondere handlungsrelevanten – Wirklichkeit bemüht wird.
Moralisches Handeln bezieht sich auf drei Gegenüber: auf sich selbst, auf ein menschliches Gegenüber und somit auf die menschliche Gemeinschaft und auf Gott. Wenn wir nach dem allgemeinen Maß des moralischen Tätigseins in Bezug auf diese drei Gegenüber fragen, ist die Antwort die, dass die moralische Bedeutsamkeit abhängig ist von der Bedeutsamkeit, Größe oder dem Wert des Gegenübers. Somit haben Handlungen, insofern sie sich auf Gott beziehen, das größte moralische Gewicht, anschließend die Handlungen, insofern sie sich auf die menschliche Gemeinschaft beziehen, und drittens die Handlungen, insofern sie sich auf die tätig seiende Person selbst beziehen. Wenn also eine Person im Zorn grundlos einen anderen Menschen verletzt, hat sich die Person Gott gegenüber insofern die größte Schuld zugezogen, als sie gegen Gottes Willen und Gottes Gesetz gehandelt hat, die für jeden Menschen erkenntlich sind und welche sich in der Natur des Menschen und in der Natur von gut und schlecht zeigen. Die zweitgrößte Schuld hat sich die Person dem Menschen gegenüber zugezogen, den sie verletzt hat, da dies eine Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit dieses Menschen gegenüber ist. Die drittgrößte Schuld hat sich die Person sich selbst gegenüber zugezogen, da ihr vernunftwidriges und impulsgesteuertes Handeln eine Maßlosigkeit war.
Gott und Glück
Zur Frage nach den Folgen für unser Glück bei einer gelebten Beziehung zu Gott ist in diesem Artikel bereits manches gesagt worden. Trotzdem soll hier nochmals kurz Bezug daraufgenommen werden. Im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen wir bereits, dass unser Glück in diesem Leben im Wesentlichen davon abhängt, inwieweit wir moralisch gut handeln. Der vorliegende Artikel hat gezeigt, dass eine gute Beziehung zu Gott essenziell ist, um vollumfänglich moralisch gut zu handeln. Somit führt die gelebte Beziehung zu Gott zu unserem Glück in dieser Welt. Die Frage nach dem, ob und was nach dem Tod kommt und inwieweit eine gute Beziehung zu Gott Einfluss auf unseren Zustand nach dem Tod hat, ist in diesem Artikel nicht gestellt worden. Diese Frage ist im Übrigen nicht philosophisch bzw. mit der natürlichen Vernunft beantwortbar. Um auf diese Frage eine Antwort zu erhalten, bedarf es der Offenbarung durch Gott. Interessant ist jedoch – was hier nur kurz erwähnt werden soll –, dass sich alle monotheistischen Religionen darin einig sind, dass eine gute und gelebte Beziehung zu Gott positivsten Einfluss auf unser Leben nach dem Tod hat. Der Frage nach den Erkenntniskriterien wahrer Religion, wird sich im Artikel „Gibt es eine wahre Religion?“ zugewandt.
Für eine gelebte und gute Beziehung zu Gott gibt es drei Arten von Motivationen. Jede der Arten ist unterschiedlich vollkommen und hat einen unterschiedlich großen Einfluss auf unser Glück. Dem Grad der Vollkommenheit der Motivation, entspricht auch der Grad an moralischem Gutsein und der Grad an Glück als Folge für den Menschen. Die unterste Motivation ist die der Angst vor dem Negativen (z. B. die Angst vor dem Unglück in diesem Leben als Folge des Mangels von moralischem Gutsein). Die mittlere Motivation ist die des Begehrens des Positiven (z. B. das Begehren des Glücks als Folge moralischen Gutseins). Die höchste Motivation sieht von sich selbst vollständig ab. Sie übersteigt sich selbst. Sie achtet nicht auf die Folgen einer gelebten Beziehung zu Gott für sich. Sie richtet sich ganz auf Gott bzw. das Gute. Diese Motivation ist die, das Richtige zu tun, weil es das Richtige ist. Eine gute Beziehung zu Gott führen, um der Beziehung zu Gott willen. Eine Beziehung zu Gott führen, da Gott es das wert ist, eine Beziehung zu ihm zu führen. Eine Beziehung zu Gott zu führen, um Gottes willen, weil er der höchste Selbstzweck ist. Eine Beziehung zu Gott führen, weil man Gott liebt.
Die dritte Motivation im eigenen Leben umzusetzen, ist sicherlich nicht nur anspruchsvoll, sondern eine Lebensaufgabe. Der erste Schritt, sich dem zu nähern, besteht darin, es zu wollen. Zu wollen, etwas zu wollen. Zu wollen, als Motivation der eigenen Beziehung zu Gott, selbstlos zu sein. Zu wollen, als Motivation der eigenen Beziehung zu Gott, Gott selbst zu haben.
Dieser Artikel sollte zeigen, dass die Frage nach Beziehung zu Gott nicht nur Sache des Glaubens ist, sondern auch Sache der Vernunft. Die Wirklichkeit Gottes soll nicht nur Thema einer bestimmten Gruppe von Menschen sein, sondern von allen Menschen. Außerdem sollte dieser Artikel die Auseinandersetzung mit den Themen „Religion“ und „Offenbarung“ vorbereiten und zu diesen hinführen. Weiterhin sollte dieser Artikel auf Überzeugungen geantwortet haben, wie „Ich kann auch ohne Gott ein guter Mensch sein“ und „Um gut zu sein, reicht es, meine Mitmenschen gut zu behandeln“. Natürlich ist es gut, wichtig und richtig, seinen Mitmenschen Gutes zu tun. Doch wenn man vollständig gut sein will, muss man in seinem Handeln die vollständige Dimension des moralisch Guten integrieren, und dies schließt die gute Beziehung zu Gott ein.
Viele der Themen sind so umfangreich, dass ihnen jeweils zahlreiche eigene Bücher gewidmet werden können und auch wurden. Aufgrund des Rahmens dieses Artikels war jedoch nur ein kurzer Anriss möglich. Gerne verweise ich an dieser Stelle auf die weiterführende Lektüre der Schriften des großen – unter anderem – Philosophen Thomas von Aquin und auf die Werke des Verlags „Editiones Scholasticae“.
Was interessiert mich, was die Andren denken,
wenn Gott mir seine Lieb tut schenken.