Dieser Artikel beabsichtigt, sich einem der kontroversesten Themen zu widmen. Es soll hier auf einen der verbreitetsten Einwände Bezug genommen werden, der im Zusammenhang mit der Frage nach Gott vorwurfsvoll erhoben wird: Wie kann ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott Leid zulassen? Sowohl diese als auch die wichtigsten mit ihr in Zusammenhang stehenden Fragen, sollen in diesem Artikel beantwortet werden.
Der Rahmen, aus dem heraus sich diesem Themengebiet zugewandt wird, ist ein explizit christlicher. Die Antwort auf die Frage des Leids, wird aus dem christlichen Weltbild heraus gegeben. Es wird also keine philosophische Antwort auf die Frage des Leids, angesichts der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte Gottes gegeben, sondern eine theologisch-christliche Antwort. Das Christentum wird als wahr vorausgesetzt. Nachdem im Artikel „Gibt es eine wahre Religion?“ die Erkenntniskriterien wahrer Religion dargelegt wurden, wäre der logisch nächste Schritt gewesen, einen Artikel der Anwendung dieser Kriterien zu widmen. Da es einen solchen Artikel auf dieser Webseite – zumindest bisher – nicht gibt, bleibt die Anwendung einem jeden Lesenden selbst überlassen. Dieser Artikel tut so, als sei die Anwendung der Erkenntniskriterien auf die Religionen bereits vollzogen worden, welche ergeben hätte, dass die christliche Religion die wahre Religion ist.
Der christliche Hintergrund dieses Artikels soll ein überkonfessioneller sein. Es geht hier nicht darum, christliche Konfessionen miteinander zu vergleichen, in ihrem Wahrheitsgehalt zu untersuchen oder bezüglich ihrer Antworten auf die Frage nach dem Leid hin zu überprüfen. Es wird versucht, eine Antwort zu geben, die überkonfessionell christlich ist, eine Antwort, die in Harmonie zu jeder christlichen Konfession steht oder stehen kann.
Wenn hier fundamentale christliche Wahrheiten als Voraussetzung zur Beantwortung der eigentlichen Fragen dargelegt werden, werden diese Wahrheiten nicht auf die Bibel oder christliche Autoritäten zurückgeführt. Dies würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es geht hier also nicht darum, fundamentale christliche Wahrheiten als christlich zu beweisen, sondern fundamentale christliche Wahrheiten als Voraussetzungen zur Beantwortung der eigentlichen Thematik zu nutzen. Darüber hinaus werden die philosophischen Wahrheiten der vorigen Artikel, insoweit es thematische Überschneidungen oder Bezugnahmen gibt, ebenfalls als wahr angenommen.
Die christliche Antwort auf die Frage nach dem Leid, angesichts der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte Gottes, welche in diesem Artikel gegeben wird, ist nur eine christliche Antwort. Das heißt nicht, dass es die einzige ist. Über den hier vorgestellten Ansatz hinaus, gibt es noch weitere, auf die in diesem Artikel nicht eingegangen wird.
Der Artikel bietet neben der Beantwortung der Frage nach dem Leid in der Welt, angesichts der Allmacht, Allwissenheit und vollkommenen Güte Gottes, aus christlicher Sicht und der wichtigsten damit in Zusammenhang stehenden Fragen, noch die Darlegung verschiedener grundlegender christlicher Wahrheiten und einiges mehr.
Viel Freude beim Lesen.
Leid ist kein Argument gegen die Existenz Gottes
Im Artikel „Gibt es eine wahre Religion?“ haben wir bereits kurz das Thema „Leid“ und die Zulassung Gottes angeschnitten. Dort sahen wir, dass die Möglichkeit besteht, dass das Gut der Leidlosigkeit der Welt im Widerspruch zu einem größeren Gut stehen kann. Zudem sahen wir im Artikel „Existiert Gott?“, dass die Gültigkeit des Prinzips, dass Widersprüche nicht zugleich wahr sein können, sowohl absolut ist als auch im Einklang mit der Allmacht Gottes steht. Da mit der natürlichen Vernunft nicht ersichtlich ist, ob es so ein größeres Gut gibt und wenn ja, worin dieses Gut besteht, kann die Existenz des Leids kein Argument gegen die Existenz eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gottes sein. Das Leid wäre nur dann ein Argument gegen die Existenz Gottes, wenn mit der Vernunft zwingend bewiesen werden könnte, dass es solch ein höheres Gut nicht gibt. Die Vernunft kann dies allerdings nicht bewerkstelligen. Es ist vielmehr sogar so, dass es zwingende Gründe für die Existenz eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gottes gibt. Die Folge dieser Erkenntnis ist der Schluss, dass es angesichts der Allmacht und vollkommenen Güte Gottes ein solches höheres Gut geben muss. Die Gründe für die Existenz Gottes haben weiterhin Bestand. Der Punkt der Existenz des Leids in der Welt nimmt keinen Bezug zu den Gründen für Gottes Existenz. Noch weniger ist das Leid ein Gegenargument zu diesen Gründen. Die Existenz des Leids vermag also weder direkt noch indirekt im Widerspruch zur Existenz Gottes zu stehen.
Hinführung zum höheren Gut
Das Christentum lehrt, dass sich Gott dem Menschen als Liebe geoffenbart hat. Weiterhin sind in der Offenbarung Gottes an den Menschen viele bedeutsame Wahrheiten enthalten, die der Mensch ohne göttliche Offenbarung niemals hätte erkennen können. Dies schließt die Antwort auf die Frage nach dem Leid ein. Dies schließt die Antwort auf die Frage nach dem höheren Gut ein. Um dieses höhere Gut zu verstehen und ebenfalls zu verstehen, warum es im Widerspruch zur Leidlosigkeit der Welt steht, müssen vorab einige grundlegendere christliche Wahrheiten als Voraussetzung bekannt sein.
Die vorausgesetzten christlichen Wahrheiten
Gott hat dem Menschen geoffenbart – was der Mensch bis zu einem bemerkenswerten Grad auch mit der Vernunft zu erkennen vermag –, dass er die Ursache, der Erhalter und das Ziel und somit der Vollender des Menschen ist. Außerdem enthält die Offenbarung, dass das Leben in dieser Welt – die, wenn es gut läuft, 100 Jahre Lebenszeit – eine Zeit der Vorbereitung für ein Leben ist, welches nach dem Tod folgt. Dieses auf den Tod folgende Leben wird auch als „ewiges Leben“ bezeichnet, weil es niemals enden soll. Das ewige Leben ist das eigentliche Leben. Alles, was wir in diesem Erdenleben tun, hat Einfluss auf dieses ewige, niemals endende Leben.
In diesem ewigen Leben gibt es zwei absolute Zustände: den Zustand der völligen Vereinigung mit Gott – dieser Zustand wird auch „Himmel“ genannt – und den Zustand des völligen Getrenntseins von Gott – dieser Zustand wird auch „Hölle“ genannt. Welchen Zustand ein Mensch in Ewigkeit haben wird, überlässt Gott unserer freien Wahl: Wir wählen die Vereinigung mit Gott, wenn wir im Erdenleben Gott bejahen. Die Bejahung Gottes wird durch ein moralisch gutes Leben vollzogen – durch die Übereinstimmung des Handelns mit der Einsicht in die Moral, sowie durch die gelebte Offenheit und Veränderungsbereitschaft der Wahrheit und dem Guten gegenüber. Wir wählen das Getrenntsein von Gott, wenn wir Gott verneinen. Die Verneinung Gottes wird durch ein moralisch schlechtes Leben vollzogen.
Der Zustand der Vereinigung mit Gott ist das absolute Glück. Gott hat uns Menschen auf Gott hin geschaffen. Gott hat uns Menschen so geschaffen, dass wir in der Vereinigung mit ihm zur Vollendung gelangen. In der Vereinigung mit Gott finden wir Glückseligkeit; all unser Streben hat in diesem Zustand seinen endgültigen Abschluss. Dieser Zustand beinhaltet die Schau Gottes. In der Schau Gottes werden uns Menschen göttliche Wahrheiten „eingegossen“. Wir schauen in jedem Augenblick neue Wahrheiten des Wesens Gottes bis in Ewigkeit, ohne bereits geschaute Wahrheiten jemals zu vergessen. Die Art dessen, wie wir göttliche Wahrheiten erkennen, ist die, wie Gott sich selbst erkennt. Gott nimmt uns Menschen – in der Vereinigung mit ihm – hinein, in die absolut einfache (bzw. absolut unmittelbare) und rein geistige Erkenntnis Gottes seiner selbst. In der liebenden Vereinigung mit Gott bekommen wir Menschen das göttliche Leben mitgeteilt. Gott lässt uns Menschen, in der Vereinigung mit ihm, seines Lebens teilhaftig werden, in welchem wir, vergöttlicht, das Leben Gottes in uns erfahren. Die Vereinigung mit Gott geht so weit, wie es möglich ist, ohne dass unser personales Sein aufhört zu existieren. Da wir Menschen in unserer Einheit aus Körper und Seele Bilder bedürfen, um uns Wahrheiten besser zu veranschaulichen, soll hier ein unvollkommenes Bild vom Grad des Glücks in der Vereinigung mit Gott gegeben werden: Stellen wir uns einmal das größtmögliche Glück in dieser Welt vor. Das kann für jede Person etwas anderes sein. Jede Person hat andere Erfahrungen gemacht, und anhand der eigenständig gemachten Erfahrungen, variiert auch unsere individuelle Vorstellung über das größtmögliche Glück in dieser Welt. Wir können uns auch Zeit beim Überlegen lassen. Wenn wir etwas gefunden haben, stellen wir uns einmal den Größenvergleich zwischen dem kleinsten Teilchen innerhalb eines Atoms und dem Universum als Ganzes vor. Und nun das Bild: Das Glück in der Vereinigung mit Gott ist unverhältnismäßig viel mehr im Vergleich zum größtmöglich vorstellbaren Glück, als die Größe des ganzen Universums mehr ist im Vergleich zur Größe des kleinsten Teilchens innerhalb eines Atoms.
Auf der anderen Seite gibt es den ewig dauernden Zustand des Getrenntseins von Gott. Dies ist das für den Menschen Schlimmste, was ihm passieren kann. Der Mensch wurde so geschaffen, dass sein dauerhaftes Zuhause, sein vollkommenes Glück, seine absolute Erfüllung, seine eigentliche Bestimmung, sein höchster Sinn, sein Endziel und sein ewiger Frieden in der Vereinigung mit Gott bestehen. Je weiter wir davon entfernt sind, umso schlechter geht es dem Menschen. Wenn sich der Mensch nun durch sein abgeschlossenes Leben in der Vorbereitungszeit endgültig gegen Gott entschieden hat, erfährt er das Ausmaß, den Grund seiner Existenz verfehlt zu haben. Dies ist das größtmögliche Leid, der größtmögliche Schmerz für den Menschen, der auch noch endlos andauert. Die Erfahrung, sein Endziel verfehlt zu haben, ist in der Qualität und Quantität des Unglücks nicht zu überbieten.
Der Zustand der Vereinigung mit Gott – genauso wie der Zustand des Getrenntseins von Gott – ist eine Antwort auf die moralische Individualität des Menschen. Das heißt, die Glückseligkeit (bzw. das ewige Unglück) ist vom Grad, der Art und der Weise des Vollzugs und Empfindens, von der moralischen Einzigartigkeit und Subjektivität des Menschen abhängig. Je mehr und stärker der Mensch in seinem Leben Gott bejaht hat, umso tiefer ist die Vereinigung mit Gott und umso höher der Grad an Glückseligkeit. Das Wesen der Glückseligkeit (bzw. des ewigen Lebens allgemein) schließt also ein, eine Antwort auf die moralische Individualität des Menschen zu sein.
Die Potenziale des Leid
Im folgenden Abschnitt wollen wir untersuchen, in welcher Beziehung das Leid zu unserer möglichen Glückseligkeit steht. Klar ist, dass Leid etwas Unangenehmes ist. Leid definiert sich schließlich unter anderem dadurch, dass es etwas ist, das als negativ empfunden wird. Doch ist es auch so, dass alles am Leid, einschließlich seiner Folgen, objektiv immer schlecht ist?
1. Leid bewegt dazu, auf neue Art und Weise darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig ist. Leid bewegt dazu, vieles zu hinterfragen und die Frage nach dem Grund des Lebens stärker ins Bewusstsein zu rücken. Existentiellen und metaphysischen Fragestellungen ist man bereiter, sich offen und aufrichtig zuzuwenden. Ohne Leid würden manche Menschen innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft vielleicht niemals dazu kommen, sich den fundamentalen Lebensfragen aufrichtig zuzuwenden.
2. Mit der aufrichtigen gedanklichen Zuwendung zu den wichtigen Dingen im Leben ist auch die Nähe zur Bereitschaft verbunden, die eigene Prioritätenskala mehr der Wirklichkeit entsprechend anzupassen und aufs eigene Handeln zu übertragen.
3. Leid führt zur inneren Freiheit. Das moralisch Schlechte besteht im Übel des Geistes und im Übel des Fleisches. Dies lehrt das Christentum und kann auch mit der Vernunft nachvollzogen werden, vergleiche den Artikel „Was ist das moralisch Gute?“. Das Übel des Geistes ist der Hochmut und das Übel des Fleisches ist die Schwäche (Schwäche in dem Sinne, sich in unvernünftiger Weise von den eigenen Emotionen, Affekten bzw. Leidenschaften dominieren zu lassen). Das Übel des Geistes ist wesentlich schlechter als das Übel des Fleisches. Die natürliche Folge des Leids auf den Hochmut ist die, dass der Hochmut bricht. Der Stolz und der Egoismus werden durch Leid gebrochen. Der Grad und die Art des Brechens des Hochmuts sind abhängig vom Grad und von der Art des Leids. Zwar kann bei der einen Art des Leids eine andere Art des Hochmuts entstehen, doch dies setzt einen falschen Umgang mit Leid voraus. Warum Hochmut immer moralisch schlecht ist, kann im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ nachgelesen werden, wenn es nicht bereits klar sein sollte. Der Hochmut ist dort bei dem Punkt behandelt, bei dem es um das Zuwiderhandeln gegen die Arten der Demut geht.
Bezogen auf die fleischliche Schwäche hat Leid die Folge, dass es die ungeordneten Leidenschaften – um die klassische Ausdrucksweise zu verwenden – abtötet. Es tötet nicht die Leidenschaften allgemein ab, sondern die ungeordneten. Dies führt dazu, dass vernünftige Handlungen, dank des geringeren negativen Einflusses unserer Körperlichkeit, leichter fallen. Da der Hochmut und die Schwäche Einflüsse sind, die uns in unserer Freiheit einschränken (mehr hierzu siehe ebenfalls „Was ist das moralisch Gute?“), und Leid die natürliche Wirkung hat, den Hochmut und die Schwäche einzuschränken oder abzutöten, führt Leid zu größerer innerer Freiheit. Innere Freiheit wiederum führt dazu, Gott stärker bejahen zu können, bzw. eine tiefere Beziehung zu Gott führen zu können (siehe „Gott, Moral & Glück“).
4. Leid bietet Möglichkeiten des Guten, die es ohne Leid nicht gäbe. Ohne Leid gäbe es keine Gefahren, keine Schmerzen, keine Bedürftigkeit, keine Schwäche, keinen menschlichen Mangel oder Verlust, keinen Hunger oder Durst, Missverständnisse, Krankheit und Tod. Somit blieben große Güter, die das Leid voraussetzen, unerreichbar, wie z. B. Barmherzigkeit, Mitgefühl, Großherzigkeit, Vergebung, Großzügigkeit, Mut, Tapferkeit, Heldenhaftigkeit, Selbsthingabe, Opferbereitschaft und viele weitere.
5. Leid motiviert andere Menschen zur Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe.
6. Leid hat einen Opfercharakter, und zwar in dem Sinne, wie er im Artikel „Gott, Moral & Glück“ beschrieben wurde. Dort wurde gezeigt, dass freiwillig angenommenes oder akzeptiertes Leid Gott gegenüber ausdrücken kann, dass er einem wichtig ist. Durch unsere Erfahrungen wissen wir, dass es von wirklicher Zuneigung und Liebe zeugt, wenn eine Person selbstlos dazu bereit ist, Mühen und Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, um einer anderen Person auszudrücken, dass sie einem wichtig ist, oder um der anderen Person eine Freude zu bereiten. In solchen Situationen ist es weniger das, was das Ziel oder das beabsichtigte Gut der Tat ist, welches Freude bereitet oder welches Wertschätzung ausdrückt, sondern vielmehr das Mittel oder der Weg zu diesem Ziel, nämlich die Mühen und Schwierigkeiten, bzw. die Opfer. Dies gilt nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch bezogen auf Gott. Akzeptiertes oder angenommenes Leid kann also auf besondere und einzigartige Weise Liebe zu Gott ausdrücken.
7. Leid hat zudem noch einen reinigenden Charakter, im Sinne der Wiedergutmachung von Verfehlungen. Das Leid einer schuldigen Person führt zwar nicht dazu, dass die schlechte Tat ungeschehen gemacht wird. Doch Schuld erfordert im Rahmen der gerechten Tilgung, dass dem Schuldigen etwas genommen wird, was durch Leid geschieht.
Einwand: Wenn es vorkommt, dass eine Form des Leids zu einer anderen Form willentlicher Verhärtung (Hochmut) führen kann, macht Leid also manchmal zu willentlicher Verhärtung geneigt. Wenn Leid zu willentlicher Verhärtung geneigt machen kann, überwiegt dies dann nicht den Vorteil, dass Leid auch zum Guten geneigt machen kann?
Antwort: Zum Guten, zu dem Leid geneigt machen kann, kann das Leid nur geneigt machen, wenn es auf der anderen Seite auch zu willentlicher Verhärtung geneigt machen kann. Beides ist miteinander verbunden. Es gibt in der allgemeinen Dimension des Leids nicht die Möglichkeit, prinzipiell vor der Neigung zu jeder Form des Hochmuts zu bewahren. Doch letztlich ist die Frage nach der Reaktion auf Leid eine Frage, wie moralisch gehandelt wird, wozu die eigene Freiheit genutzt wird. Durch die Schwere des Ertragens von Leid, folgt manchmal die Neigung zu einer Form von willentlicher Verhärtung. Wenn nun in solchen Fällen der Neigung zum Hochmut nicht nachgegeben wird, sondern anstelle dessen moralisch gute Akte vollzogen werden, haben diese moralisch guten Akte – eben wegen des Geneigtseins zum Hochmut – eine Qualität des Guten, welche ohne diese Art von Neigung zum Hochmut nicht zugänglich wäre. Das heißt, der Drang zur willentlichen Verhärtung eröffnet neue Optionen des Guten, die es andernfalls nicht gäbe. Der Einwand entpuppt sich also als weiteres Potenzial des Leids.
Überdies sei darauf verwiesen, was im Artikel „Was ist das Gute?“ ausführlich dargelegt wurde, dass nämlich das Schlechte nicht etwas Seiendes ist, sondern vielmehr in einem Mangel an Sein besteht. Das Gute ist das eigentlich Seiende und das Schlechte ist – metaphysisch gesehen – der Mangel am Guten. Die Wirklichkeit ist nicht so, dass es einen neutralen, symmetrischen Normalbereich gäbe, zu dessen einer Seite das Gute hell aufstrahlt, während auf der anderen Seite das Schlechte das dunkle Spiegelbild des Guten darstellt. Wenn nun Leid sowohl zum Guten als auch zum Schlechten geneigt macht, muss dem Guten deshalb mehr Gewicht beigemessen werden. Das Gute ist im Guten größer, gewichtiger und entscheidender als das Schlechte im Schlechten groß, gewichtig oder entscheidend ist, da – wie gesagt – nur das Gute seiend ist und das Schlechte nur in der Abwesenheit des Guten besteht. Das Schlechte ist im Schlechten nicht ebenbürtig dem Guten im Guten. Jede andere Auffassung sieht im Schlechten etwas Seiendes.
Die zwei Arten des Leids
Das Leid kann in zwei verschiedene Arten unterteilt werden. Zum einen in das Leid, welches durch den menschlichen Willen verursacht wird. Es ist das Leid, das durch moralisch schlechte Taten zustande kommt. Wir nennen es hier „menschliches Leid“. Dann gibt es noch die Art von Leid, welches nicht durch menschliche Verfehlungen zustande kommt. Hierzuzählen Naturkatastrophen, Krankheiten oder der Tod. Diese Art des Leids nennen wir hier „übermenschliches Leid“.
Als im vorigen Abschnitt von den Potenzialen des Leids die Rede war, bezogen sich die Ausführungen über Leid entweder auf das übermenschliche Leid oder auf das menschliche Leid, das einem ungerechterweise von anderen zugefügt wird. Anders ausgedrückt: Die Potenziale des Leids beziehen sich nicht auf Personen, insofern sie unter ihren eigenen moralisch schlechten Handlungen leiden.
Gott hat sich als Liebe offenbart. Gott will unser Bestes, unser Heil, unser Glück. Gott will mehr unser Glück, als wir selbst es für uns wollen. Gott gibt und lässt uns allerdings auch unsere Freiheit. Sich in Freiheit für Gott zu entscheiden, während wir die Möglichkeit haben, uns auch gegen Gott zu entscheiden, ist ein größeres Gut als ohne Entscheidung mit Gott vereinigt zu werden. Leid soll uns dazu bewegen, überhaupt zu Gott zu finden, und Leid soll uns dazu bewegen, tiefer in die Verbundenheit mit Gott zu wachsen. Leid macht Stufen der Verbundenheit mit Gott zugänglich, die ohne Leid niemals erreicht werden könnten. Leid kann für Menschen die letzte Möglichkeit sein, Gott im eigenen Leben doch noch zu bejahen. Absolut gesehen wäre es das wert, alles Leid der Welt zu ertragen, wenn wir dafür in der Ewigkeit mit Gott vereint sind, anstelle des ewigen Getrenntseins von Gott. Wenn Gott Leid also zulässt, verfolgt er damit die Absicht unserer Vervollkommnung. Gott will für uns nicht das Leid, um des Leides willen. Gott will für uns nur insofern das Leid, als es zu unserer Glückseligkeit führt. Gott will Leid nur als Mittel zu einem höheren Zweck. Gott will jedoch nicht jede Form des Leids für uns, auch wenn er sie zulässt. Gott will nicht das Leid, welches durch moralisch schlechte Handlungen entsteht, da Gott moralisch schlechte Handlungen nicht will. Trotzdem lässt er zu, dass wir moralisch schlecht handeln – und uns in diesen Handlungen gegen Gott entscheiden –, da er unsere Freiheit achtet.
Die Antwort auf die Frage nach dem Leid angesichts Gottes Macht und Güte
In den bisherigen Ausführungen ist die Antwort bereits enthalten. Trotzdem wird sie hier nochmals direkt ausformuliert. Gott, als allmächtig und allgütig, will nur Gutes und für uns Menschen das Bestmögliche. Schlechtes wird nur um eines höheren Gutes willen zugelassen. Das Gut der Leidlosigkeit der Welt steht im Widerspruch zu einem weitaus größeren Gut. Das größere Gut besteht in der Möglichkeit einer Art von Tiefe und Innigkeit an Gottverbundenheit in der Ewigkeit, die es ohne das Leid in der Vorbereitungszeit auf die Ewigkeit nicht gäbe. Was sind schon 100 Jahre Lebenszeit (oder Leidenszeit), verglichen mit der Ewigkeit? Leid soll hier keineswegs verharmlost werden. Doch im Verhältnis zu dem, was durch das Leid in der Ewigkeit möglich wird, sind wir berechtigt zu sagen, dass wir das höhere Gut gefunden haben, welches im Widerspruch zum Gut der Leidlosigkeit der Welt steht.
Jesu Christi Leiden
Das Christentum lehrt weitere bedeutungsvolle Inhalte, die mit unserem Leid in Zusammenhang stehen. Sie haben mit dem Leiden Jesu Christi zu tun. Um sie verstehen zu können, wenden wir uns zunächst den Verständnisvoraussetzungen zu.
Wir Menschen sind auf die Vereinigung mit Gott hin geschaffen. Dies ist unsere Bestimmung. Doch Gott gibt uns die Freiheit, diese Bestimmung auch ablehnen zu können. Wir lehnen das Angebot Gottes – uns mit ihm zu vereinigen – ab, wenn wir uns schwer gegen Gott verfehlen. Durch schwerwiegend moralisch schlechte Handlungen verfehlen wir uns gegen Gott. Wir verfehlen uns dadurch deshalb von Gott, da Gott unsere Natur mit ihrem Gewissen und ihrer Vernunft geschaffen hat, welche richtig und falsch erkennen können und welche erkennen können, dass gut gehandelt werden soll. Weil Gott uns also durch unsere Natur zeigt, wie wir nicht handeln sollen, verfehlen wir uns gegen Gott durch moralisch schlechte – widernatürliche – Handlungen. Bei einer schweren Verfehlung gegen Gott ist die Folge, dass wir uns so große Schuld Gott gegenüber zugezogen haben, dass es einer Widergutmachung oder Schuldtilgung bedarf, um wieder eine innige Beziehung mit Gott führen zu können, um erneut die Chance auf die Vereinigung mit Gott in der Ewigkeit zu haben. Nun ist es jedoch so, dass eine Wiedergutmachung oder Schuldtilgung der Größe der Schuld entsprechen muss. Die Größe der Schuld wiederum ist abhängig von der Größe desjenigen, gegen den wir uns verschuldet haben und die Größe Gottes ist unendlich. Wenn wir also – nach einer schweren Verfehlung gegen Gott – wieder die Aussicht auf die Glückseligkeit haben wollen, bedarf es eines unendlich großen Aktes der Wiedergutmachung. Bedauerlich ist nur, dass wir Menschen als begrenzte Wesen nicht dazu imstande sind, in irgendeiner Weise Akte zu vollziehen, die unendlich groß sind. Wir Menschen können also aus uns heraus die Kluft, welche unsere schweren Verfehlungen gegen Gott verursacht, nicht überbrücken. Wir Menschen sind erlösungsbedürftig. Soll diese Kluft überbrückt werden, bedarf es der Hilfe Gottes, um die Schuld, welche wir Menschen Gott gegenüber haben, zu tilgen. Gott, als die Liebe, will natürlich, dass diese Schuld getilgt wird. Da Gott allmächtig ist, hat er theoretisch unbegrenzt viele Möglichkeiten, diese Schuld zu tilgen. Und Gott hat auch ein Erlösungswerk vollzogen, dessen Wirkung und Kraft – hinsichtlich der Tilgung unserer Schuld vor ihm – er uns die vollständige Dauer unserer Vorbereitungszeit über stets anbietet. Da Gott die Liebe ist, hat er dasjenige Erlösungswerk gewählt, welches am stärksten seine Liebe zu uns Menschen ausdrückt. Durch die Wahl seines Erlösungswerkes, hat er uns den größtmöglichen Liebesbeweis erbracht. Um dieses Erlösungswerk zu verstehen, sei auf folgendes Mysterium hingewiesen: Gott ist ein Gott, ein göttliches Wesen, eine göttliche Natur. Dieser eine Gott ist dreipersonal. Ein Gott, in drei Personen. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dies wird das Mysterium der Dreifaltigkeit oder der Trinität genannt. Es ist ein Mysterium, da es von keinem geschaffenen Verstand jemals vollends begriffen werden kann. Dafür kann seine Widerspruchslosigkeit in sich und in Bezug zur philosophischen Theologie nachgewiesen werden. Natürlich gibt es einiges, was über dieses Mysterium noch zu sagen wäre, doch das ist hier nicht das Thema. Zurück zum Erlösungswerk: Die zweite göttliche Person – Jesus Christus – hat – um uns zu erlösen – die menschliche Natur angenommen. Jesus Christus ist eine Person mit zwei Naturen, der göttlichen und der menschlichen Natur. Auch dies ist ein Mysterium – die hypostatische Union. Die Mysterien der Trinität und der hypostatischen Union gelten als die obersten Mysterien des Christentums.
Das Erlösungswerk besteht darin, dass Jesus Christus – stellvertretend für uns Menschen – die gesamte Schuld aller Menschen auf sich nahm, indem er sich als Sühneopfer hingab. Jesus Christus hat um unseres Heiles willen, in seiner menschlichen Natur gelitten und ist seiner menschlichen Natur nach gestorben. Dadurch, dass in der Person Jesu Christi die menschliche Natur mit der göttlichen Natur verbunden ist, kommen den Akten der menschlichen Natur – wegen der Unendlichkeit Gottes und kraft der Vereinigung – ebenfalls unendlicher Wert zu. Theoretisch hätte demnach jeder Akt Jesu Christi der erlösende Wert beigemessen werden können, der für uns Menschen um unseres Heiles willen notwendig ist. Doch durch die Wahl dieses Erlösungswerkes kommt zum einen die Liebe Gottes am stärksten zum Ausdruck und zum anderen zeigt Gott dadurch die Schrecklichkeit und Abscheulichkeit schwerer moralischer Vergehen; Gott bringt dadurch die Gewichtigkeit der Sünde in sich und in ihren Folgen für den Menschen zum Ausdruck.
Das Leiden Christi war sowohl äußerlich als auch innerlich unvorstellbar groß. Ohne hier näher darauf eingehen zu wollen, sei hier lediglich angedeutet, dass sowohl das äußere Leiden als auch noch viel mehr das innere Leiden Jesu Christi deutlich größer waren, als Menschen eigentlich fähig sind zu ertragen.
Mit diesem Erlösungswerk für uns Menschen, bietet Gott uns jederzeit die Möglichkeit zur Umkehr an. Er bietet uns Menschen jederzeit die Hinwendung zu sich an. Es ist in diesem Leben nie zu spät, das Erlösungswerk Jesu Christi für sich zu beanspruchen. Selbst wenn das ganze Leben über in den tiefsten und schwersten Sünden gelebt wurde, kann in den letzten Momenten des Lebens – wegen der Größe von Gottes Barmherzigkeit – das Erlösungswerk für sich beansprucht werden. Wir müssen es aber aufrichtig wollen, was einschließt, dass wir unsere Sünden bereuen. Dies bezieht sich nicht nur auf diejenigen Menschen, die ausdrücklich Jesu Heilswerk bejahen. Wenn sich erlöste Menschen in der Glückseligkeit befinden, die unverschuldet im Erdenleben nicht zur Wahrheit Christi vordrangen, ist es immer so, dass sie durch das Verdienst Jesu Christi erlöst sind und somit zur Glückseligkeit gelangten. Dadurch, dass solche Menschen ein moralisch gutes Leben geführt haben – insoweit sie Einsicht hatten in moralische Wahrheiten –, haben sie implizit das Erlösungswerk Jesu Christi für sich beansprucht. Dadurch haben sie implizit den einen Gott im Leben bejaht.
Gott hätte viele Wege wählen können, uns zu erlösen. Er hätte wesentlich leichtere Wege wählen können. Jeder andere Weg wäre leichter gewesen, doch um uns Menschen seine Liebe zu uns zu zeigen, hat er diesen Weg gewählt. Mit der Wahl dieses Weges ist uns Menschen eine neue, einzigartige und höchst wirkungsvolle Möglichkeit geschenkt worden, Bezug zu Gott zu finden: In unserem Leid, können wir uns geistig mit dem Leid Jesu Christi verbinden. Wir haben die Gewissheit, dass, egal wie groß unser Leid ist, Jesus Christus aus Erfahrung weiß, wie es sich anfühlt, so stark zu leiden. Die Gewissheit zu haben, dass uns jemand in unserem Leid versteht, bei uns ist, unser Bestes will und zudem noch der Schöpfer aller Dinge ist, ist etwas Tröstliches. Die Gewissheit haben zu dürfen, dass Jesus das ganze Leid sogar auf sich genommen hätte, selbst wenn ich die einzige erlösungsbedürftige Person gewesen wäre, dass Jesus für mich da ist und sich mir in völliger Liebe stets anbietet, ist etwas im eigenen Leid zutiefst Tröstliches. Psychologisch gesehen ist es wesentlich leichter, einen Bezug zu jemandem aufzubauen, der einem auf Augenhöhe begegnet, als zu jemandem, der unerreichbar überlegen erscheint. Im Leiden begegnet Jesus Christus uns auf Augenhöhe und nicht als unerreichbar abgehoben. Jesus Christus ist uns als Leidender vorbildhaft vorangegangen. Er hat uns den Weg aufgezeigt, wie wir durch die Dunkelheit des Leids in das Licht Gottes eintreten.
Wieso wurden wir nicht direkt in die Glückseligkeit hineingeschaffen?
Wäre es nicht wesentlich besser gewesen, uns Menschen direkt in die Glückseligkeit hineinzuerschaffen? In diesem Fall hätte auch kein Mensch verloren gehen können. Da sich bei freier Wahl manche Menschen scheinbar gegen Gott entscheiden, ist es doch sicherlich besser, wenn wir die Wahl für oder gegen Gott niemals bekommen hätten.
Diese Sichtweise ist falsch. Dagegen sprechen mehrere Punkte, von denen wir uns hier auf zwei beschränken werden. Der erste Punkt ist der, dass – wie wir bereits weiter oben gesehen haben – die Glückseligkeit Folge der Vereinigung mit Gott ist und die Vereinigung mit Gott wiederum eine Antwort auf unsere moralische Individualität darstellt. Um jedoch eine moralische Individualität zu entwickeln, bedarf es des Lebens auf Erden als Vorbereitungszeit. Der Verweis darauf, dass es Beispiele von Fällen gibt, bei denen Menschen auf natürliche Weise schon im Mutterleib versterben oder kurz nach ihrer Geburt, also noch bevor sie moralisch relevante Akte setzen können, ist kein Gegenargument. Auch ihnen ist zwar eine Form der Vereinigung mit Gott und unendliches Glück zugänglich. Doch nicht in der Weise, dass die Vereinigung und das darauffolgende Glück eine Antwort auf ihre moralisch guten Handlungen darstellen. Somit bleiben diesen Menschen die Stufen und Tiefen der Vereinigung mit Gott nicht zugänglich, die ihrem Wesen nach die Antwort auf persönliche Moral sind. Trotzdem haben diese Menschen in der Vereinigung mit Gott keinerlei Mangel. Sie vermissen auch nichts, sondern bekommen mehr geboten, als sie bräuchten, um in Ewigkeit vollkommen glücklich zu sein.
Der zweite Punkt besteht im Gut der Freiheit. Freiheit zu haben, ist ein gewaltiges Gut, selbst wenn die Freiheit darin besteht, sich gegen Gott entscheiden zu können. Doch das allgemeine Gut, sich für Gott zu entscheiden, während die Möglichkeit besteht, sich auch gegen Gott entscheiden zu können, ist wesentlich höher, als diese Möglichkeit nicht zu haben und ohne Entscheidung mit Gott vereint zu sein. Das Gut der freien Wahl für Gott ist im Guten größer als das Übel der freien Wahl gegen Gott, als Übel groß ist. Hinzu kommt, dass zum einen Gott dem Menschen durch die geschenkte Wahlfreiheit ausdrückt, dass Gott uns Menschen ernst nimmt, wie sehr er uns als eigenständige Personen achtet und er unsere Entscheidungen respektiert. Zum anderen ist Gott es das wert, dass man sich frei für ihn entscheidet. Die freie Entscheidung von uns Menschen für Gott, drückt eine Art von Wertschätzung aus, die ohne diese freie Entscheidung nicht möglich wäre und ein objektives Gut ist – auch wenn Gott dies natürlich nicht nötig hat, da er in sich absolut vollkommen ist.
Haben wir dann in der Glückseligkeit auch die Freiheit, uns gegen Gott entscheiden zu können?
In der glückseligen Vereinigung mit Gott haben wir nicht die Möglichkeit, uns gegen Gott zu entscheiden. Der Grund liegt jedoch nicht in einem Mangel an Freiheit, sondern vielmehr in deren Vollendung: Im Artikel „Was ist das moralisch Gute?“ sahen wir, dass unsere Freiheit im Wählen von Gütern besteht, welche die Gegenstände unserer Handlungsoptionen sind. Die Existenz von Gütern ist also die Voraussetzung, damit wir frei sein können. Ohne Güter gibt es für uns keine Wahlmöglichkeit und ohne Wahlmöglichkeit gibt es für uns keine Freiheit. Nun ist es so, dass wir Menschen zum einen auf Gott hin – als unser Ziel, als unsere Vollendung – geschaffen wurden und zum anderen Gott das höchste Gut, das absolute Gut ist. Wenn wir Menschen frei wählen, wählen wir immer etwas, insoweit es uns als gut erscheint oder insoweit wir es als gut erkennen. In der glückseligen Vereinigung mit Gott erfahren wir Gott. Wir erfahren Gott als den Vollender unseres Menschseins und als das Höchste, das absolute Gut. Im Angesicht des Erfahrens der Größe Gottes erkennen wir jedes andere Gut im Vergleich dazu als nichtig. Jedes andere Gut neben Gott (oder als Alternative zu Gott) – in der Erfahrung Gottes – erscheint uns als wertlos. Es gibt also keinen Grund (und es kann auch objektiv und subjektiv keinen geben), in der Vereinigung mit Gott etwas anderes zu wählen als Gott. Wir können es also nicht wollen, etwas anderes zu wählen als Gott. Es gibt nichts Angemessenes neben Gott, es gibt keine Alternative zu Gott. Da wir in unserer Vorbereitungszeit – während unseres Erdenlebens – Gott nicht erfahren, haben wir die Möglichkeit, uns auch gegen Gott zu entscheiden. Da wir durch unsere menschlichen Kräfte bzw. durch unsere menschlichen Vermögen in unserem gegenwärtigen Zustand Gott als ein Gut neben anderen erkennen und einordnen können, ist es uns in unserem gegenwärtigen Zustand möglich, andere Güter Gott gegenüber zu bevorzugen.
Dank der Erfahrung Gottes in der Glückseligkeit, ist es uns auch nicht möglich, moralisch schlecht zu sein. Das moralisch Schlechte ist nämlich immer in irgendeiner Weise eine Abkehr von Gott. Von Gott können wir uns jedoch nicht abkehren, wenn wir ihn als unser Endziel erfahren, wenn wir ihn als das absolute Endgut und als die absolute Verwirklichung aller unserer menschlichen Kräfte und Möglichkeiten erfahren. (Das Christentum lehrt die Auferstehung unserer Leiber in verklärter, lichter und reiner Form, nach dem Ende dieser Welt. Die Folge der Glückseligkeit auf unsere Leiber ist unter anderem die, dass wir unentwegt alle leiblichen Freuden im Höchstmaß empfinden.)
Wie steht es um die Möglichkeit einer Vorbereitungszeit ohne übermenschliches Leid und Schwäche?
Wir Menschen leiden nicht nur am Missbrauch der Freiheit durch menschliches Leid. Wir leiden auch an Naturkatastrophen, Krankheit und Tod. Wäre nicht eine Vorbereitungszeit ohne dieses übermenschliche Leid möglich gewesen? Zudem sind wir Menschen durch den Eigenwillen der Sinnlichkeit (Emotionen, Affekte, Leidenschaften, Triebe) eingeschränkt. Würden wir durch sie nicht geschwächt werden, stünden uns doch Möglichkeiten offen, die uns in unserem gegenwärtigen Zustand verschlossen sind.
Die christliche Antwort darauf ist, dass Gott uns Menschen tatsächlich ursprünglich so geschaffen hat. Der Urzustand des Menschen war der, dass es kein übermenschliches Leid für den Menschen gab. Der Mensch kannte weder Schmerzen noch Krankheit, weder Gebrechen noch Tod. Außerdem besaßen wir Menschen in diesem Urzustand verschiedene Fähigkeiten, die wir in unserem gegenwärtigen Zustand nicht haben. Dazu zählten vor allem die Gaben einer weitaus größeren Erkenntniskraft unseres Geistes und die absolute Herrschaft des Willens über die Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit hat sich in diesem Urzustand vollkommen dem Willen untergeordnet. Es gab so etwas wie Dissonanzen zwischen dem Willen und der Sinnlichkeit nicht. Schwäche war in diesem Zustand dem Menschen fremd. Mit dem Urzustand des Menschen war auch ein besonderer Zustand der gesamten materiellen Schöpfung – des gesamten Kosmos: der unbelebten Dinge, der Pflanzen und der Tiere – verbunden, in dem sie dem Menschen auf besondere Weise dienten. (Dieser Urzustand des Menschen und des Kosmos ist der Empirie nicht zugänglich. Er kann also naturwissenschaftlich weder bestätigt noch widerlegt werden.) Doch wie kam es zu dem Verlust dieses Urzustands? Um dies zu verstehen, muss ein kurzer thematischer Bogen geschlagen werden.
Vor der materiellen Welt, schuf Gott die geistige Welt. Die geistige Welt besteht in materielosen Lebewesen – in reinen Geistwesen –, die Engel genannt werden. Die Engel teilen mit dem Menschen den Verstand und den Willen. Der Unterschied zum Menschen ist jedoch, dass der Verstand und der Wille bei den Engeln unverhältnismäßig viel mächtiger sind. Der Verstand des Engels erkennt intuitiv, unmittelbar, einfach und vollständig (entsprechend dem Grade seiner Erkenntniskraft) tiefe Wahrheiten, während der Verstand des Menschen schrittweise, mittelbar, zusammengesetzt und unvollständig erkennt. Die Willensentscheidungen des Engels sind in ihrer Sicherheit unwiderruflich. Wenn ein Engel einmal eine Entscheidung getroffen hat, bleibt er bei dieser Entscheidung. Jede mögliche Wahrheit, die nach der Entscheidung eines Engels zu einer Entscheidungsänderung motivieren könnte, war dem Engel auch schon vor der Entscheidung klar. Es kann für Engel keine Gründe geben, eine Entscheidung zu widerrufen.
Nach der Erschaffung der Engel bot Gott ihnen die Möglichkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Der eine Teil der Engel entschied sich für Gott und der andere Teil der Engel entschied sich gegen Gott. Die sich gegen Gott entschiedenen Engel, nennt man Dämonen. Irgendwann schuf Gott dann den Menschen in seinem Urzustand. Der Mensch in seinem Urzustand stand von seiner Verstandes- und Willenskraft zwischen den Engeln und uns Menschen in unserem gegenwärtigen Zustand. Gott gab dem Menschen sehr viel – die materielle Schöpfung lag Gott dem Menschen zu Füßen. Gott gab dem Menschen im Urzustand ebenfalls die Möglichkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Die Entscheidung gegen Gott drückte sich durch die Übertretung einer einzigen kleinen und äußeren Einschränkung aus, die Gott dem Menschen auferlegte. Diese Einschränkung war die einzige Einschränkung, die Gott dem Menschen auferlegte.
Die Dämonen, vom Hass gegen Gott getrieben, strebten nach dem Untergang des Menschen. Der oberste der Dämonen – der als Engel „Luzifer“ genannt wurde und fortan als „Satan“ oder „Teufel“ bezeichnet wird – trat zum Menschen heran mit einer Lüge, um den Menschen zu verlocken, die Einschränkung, die Gott dem Menschen auferlegte, zu übertreten. Aus Stolz und Hochmut heraus ließ sich der Mensch von der Lüge Satans blenden und übertrat die Einschränkung Gottes. Durch diese Tat – welche die Ursünde genannt wird – drückte der Mensch seine Entscheidung gegen Gott aus, wodurch der Mensch sein eigenes Geschlecht verfluchte (diese Verfluchung wurde durch die Erlösungstat Jesu Christi wiedergutgemacht).
Gottes Barmherzigkeit war jedoch so groß, dass er die Entscheidung des Menschen gegen Gott nicht als endgültig und unwiderruflich ansah, sondern einen Fall der menschlichen Natur zuließ. Dieser Fall führte zu einem Zustand des Menschen, aus dem er heraus – durch Wankelmütigkeit verfolgt – getroffene Entscheidungen zu widerrufen vermag. Damit verbunden war der Fall der materiellen Welt aus ihrem Urzustand – der auch Paradies genannt wird – zu dem, wie wir die Welt kennen. Die Folgen des Falles des Menschen und der Welt, waren für den Menschen insbesondere Tod, Krankheit, Gebrechen, Schmerzen, Naturkatastrophen, Schwäche und ungeordnete Sinnlichkeit, Verlust der Erkenntniskraft unseres Verstandes und Verlust der Willensstärke.
Durch den gegenwärtigen Zustand des Menschen und der materiellen Welt sind dem Menschen jedoch nicht nur die oben bei der Behandlung des Leids dargelegten moralischen Güter zugänglich, sondern auch die Möglichkeit, Entscheidungen gegen Gott bis zu seinem Tod widerrufen zu können. Weder das eine noch das andere wäre uns so im Urzustand des Menschen und im Urzustand der materiellen Welt offen. Aus dem christlichen Weltbild heraus kann Gott jedenfalls nicht vorgeworfen werden, dass er dem Menschen die leidlose und paradiesische Variante der Vorbereitungszeit der Vereinigung mit ihm nicht angeboten hätte.
Der Mensch vor Gott
Kehren wir nun abschließend zur Ausgangsposition des Artikels zurück. Dort wurde gezeigt, dass Gott nicht vorgeworfen werden kann, dass das Gut der Leidlosigkeit der Welt nicht real gegenwärtig ist. Der Grund dafür bestand in der Darlegung der Möglichkeit, dass ein höheres Gut zum Gut der Leidlosigkeit der Welt im Widerspruch stehen könnte. Im weiteren Verlauf ist auch im Rahmen der Theodizee dieses Artikels das höhere Gut behandelt worden. Doch im Grunde ist dies nicht notwendig, um zu erkennen, dass das Leid in der Welt kein Argument gegen Gott ist. Wir Menschen sind in vielen Hinsichten begrenzt. Dazu zählt insbesondere die Weite der Erkenntniskraft. Wenn uns nun klar ist, dass es zwingende Argumente für Gott – für den allmächtigen, allgütigen und alles übersteigenden Gott – gibt, dann folgt bei der aufrichtigen Zuwendung zu dieser Thematik automatisch, dass es ein höheres Gut geben muss, welches im Widerspruch zum Gut der Leidlosigkeit der Welt steht, und zwar unabhängig davon, ob ich dieses nun kenne oder nicht. Wir Menschen verstehen vieles nicht. Wieso sollten wir uns dann anmaßen, uns in etwas so Gewaltiges und unsere Vorstellungskraft Übersteigendes, wie die Vorsehung, Vorherbestimmung und Pläne Gottes einzumischen? Was gibt uns den Anspruch, zu meinen, dass es kein höheres Gut gibt, welches im Widerspruch zum Gut der Leidlosigkeit der Welt steht? Wodurch haben wir das Recht, uns über einzelne Punkte der Fügungen Gottes zu beklagen, wenn wir das Ganze nicht erfassen? Was meinen wir, befähigt uns dazu, Gott in seinen Plänen verbessern oder korrigieren zu müssen? Durch solche Haltungen ordnen wir uns Gott nicht nur nicht unter. Durch solche Haltungen bejahen wir Gott nicht nur nicht. Durch solche Haltungen machen wir uns sogar selbst zu Gott. Wir verabsolutieren uns selbst dadurch, dass wir uns über Gott stellen, indem wir meinen, es besser zu wissen als Gott. Dies ist klare Verneinung Gottes. Es erinnert an den Hochmut der Ursünde. Besonders bedauerlich tritt er in der Mentalität zutage, die in Gott lediglich die Adresse für Vorwürfe für die negativen und leidvollen Dinge im eigenen Leben sieht und Gott darüber hinaus keinen Gedanken zu widmen bereit ist.
Die angemessene, wirklichkeitsentsprechende und Gott bejahende Haltung ist die der Unterordnung. Man muss nicht alles verstehen oder gutheißen. Doch am Ende des Tages wird sich trotzdem immer Gott untergeordnet, weil Gott größer ist als man selbst. Das Leid wird nicht akzeptiert, weil es schön gefunden werden muss, sondern weil Gott es zumindest zugelassen hat. Und wenn Gott es zulässt, hat dies einen Grund. Auch wenn ich diesen Grund nicht erkenne, kann ich doch darauf bauen, dass es ihn gibt. Die Pläne Gottes nicht zu kennen und sich Gott doch unterzuordnen, zeigt wahres Vertrauen Gott gegenüber. Sich ihm hinzugeben-, sich in ihm fallen zu lassen-, in Gott loszulassen, ist das Beste, was wir tun können. Dies ist die Bejahung Gottes und führt zu unserer Befreiung, und zwar sowohl in diesem Leben als auch im nächsten Leben.
Wie wir in diesem Artikel sahen, erweist sich die Frage nach dem Leid in der Welt, angesichts der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte Gottes, nicht als unlösbares Paradoxon, sondern ist aus christlicher Sicht die rationale Konsequenz einer sinnvoll geordneten Wirklichkeit. Gott bleibt existent, allmächtig, allwissend und insbesondere vollkommen gut, gerade weil er unsere Welt, mit all ihren Mängeln und somit Potenzialen zum Guten zulässt. Das Leid verliert durch die Antworten in diesem Artikel zwar nicht an seiner Härte. Es wurde jedoch zum einen gezeigt, dass intellektuelle Hoffnungslosigkeit – oder die Ablehnung Gottes – keine Option sind. Zum anderen wurden christliche Wahrheiten aufgezeigt, die im eigenen Leiden Trost spenden können. Im Kreuz bietet Gott uns sein Versprechen auf sein Heil an. Durch den Tod gelangen zur Auferstehung. Durch die Dunkelheit des Leidens gelangen wir zum Lichte Gottes.
Um zur Auferstehung zu gelangen,
muss zuerst der Tod uns fangen.